Kinder des Westens — IV. Der Sand

Soundtrack

English version may follow at some point in the future.

Manche Leute hätten das Wetter wohl als schön bezeichnet, Sonne, Wärme, kaum ein Wölkchen am Himmel.

Langweilig.

Das hätte meine Meinung von dieser Versicherungswerbespotidylle besser beschrieben. Zwischen dem nervigen Gezwitscher, dem Geklingel des Mittelstandes auf Fahrradtour und der schattenwerfenden Sonne geschah absolut nichts. Nichts. Die saisonalen Motorradfahrer lass ich gerne außen vor, schließlich hätten auch sie kaum dazu beigetragen, die Vollkommenheit eines Regentages zu erreichen.

Amalia sah aus wie immer. Ich sah sie zwar nie in derselben Kleidung, doch immer dergleichen, ihr Gesichtsausdruck machte selten Anstalten zu variieren.

Ich hob meine Hand zur Begrüßung, ließ ein als lässig gedachtes “What uuup?”, verlauten.

Sie schnaubte.

“Nein.”

Amalia war nie ein großer Freund der übermäßigen Nutzung des Englischen im Deutschen gewesen und gab sich große Mühe Anglizismen aus ihrem eigenen Sprachgebrauch und dem anderer zu verbannen. Nur gelegentlich, wenn sie etwas hitziger wurde, hatte sie einen schwachen Moment. Doch jemand, der sich von Terroranschlägen (“Warum sollte ich mich wegen ein paar mehr öffentlichkeitswirksam Getöteten irgendwie anders fühlen, wenn andere Länder dieses Pensum jeden Tag erfüllen?”), noch von Finanzkrisen (“Oh mein Gott, dies ist das erste Mal, dass sich auf dem Weltmarkt so viel Geld verliert, abgesehen von circa jedem fünften des vergangenen Jahrhunderts.”) beeindrucken lässt, wird selten hitzig.

“Ich habe Hunger.”, sagend versuchte ich dem stillen Rumoren meines Magens Ausdruck zu verleihen.

“Dann solltest du etwas essen.”

“Genius. Aber wo?”

“Wie stehst du zu Pizza?”

“Auf geht’s.” und machte Anstalten zu gehen.

“Zu Fuß? Bist du des Wahnsinns?”

“Du weißt doch wo ich normalerweise parke. Du willst mir doch nicht erzählen, dass du lieber gehungert hättest, bevor du gelaufen wärst? Du hast doch bestimmt nicht einmal gefrühstückt, oder?”

“Doch, habe ich.”

“Kaffee, Apfel, Zahnpasta?”

“Koffein und Vitamine. Wo ist das Problem?”

“Du hast noch nicht mal dein Abi geschafft und lebst trotzdem das Leben eines Erstsemesters. Nochmals. Auf geht’s.”

Mein Auto war klein, schwarz und gebraucht. Ein Wagen, geschaffen für die Pariser Innenstadt, der hier im vorstädtischen Landstraßenlabyrinth des Wohlstandsghettos angetreten war um das Ende seiner Dienstzeit zu erfüllen. Er ratterte und litt hörbar unter meinen Fahranfängerspirenzchen aber erfüllte seinen Zweck, verbrauchte nicht zu viel und seine Lackierung war von Tribalaufklebern verschont geblieben. Den Wagen Amalia’s oder den ihrer Eltern hingegen hatte ich noch nie gesehen, stets war sie vor mir am Treffpunkt.

“Hier vorne rechts, oder? Ich kenne mich hier in der Ecke noch immer nicht wirklich aus. All die Jahre und meine Heimat ist mir noch immer fremd.”

“Richtig. Jetzt links. Da vorne ist es.”

Wir holten uns beide schnell eine Pizza beim indischen Italiener, sie Hawaii, ich Fungi, zwei Cola. Geschnitten, gegessen und bezahlt war noch schneller und wir saßen kurze Zeit später wieder im Auto.

“Und jetzt?”

“Erst mal eine Kippe.”

“Ich wiederhole mich gerne, kein Rauchen im Auto. Meine Eltern würden mich standrechtlich erschießen.”

“Grmpf. Dann fahren wir halt an den Fluss. Du hast doch deine Gitarre dabei?”

“Selbstverständlich. Das Ding verlässt doch nie den Kofferraum. Deine ganz persönliche Folk-Jukebox.”

Belustigt schnaubte sie bei der Vorstellung, dass ich in einer dieser Epilepsie-Maschinen aus den 50ern eingesperrt wäre. Sie drückte mir einen Euro in die Hand und grinste mich an.

“Irgendsoein Mumford & Sons Kram bitte, aber zackig.”

“Sobald wir angekommen sind, wird es das erste sein, was passieren wird. Aber jetzt schnall dich erst mal an, du Göre.”, sagte ich und steckte mir den Euro ein.

Mit knapp 70 km/h fuhren wir durch die Pampa, Fenster je nach lokalen Düngeverhältnissen geöffnet oder geschlossen. Sie war still, vielleicht schlief sie, ihre Sonnenbrille war mir keine Hilfe. Dennoch konnte ich leichte Anzeichen von Zufriedenheit in ihren grazilen Gesichtszügen erkennen. Ihr roter Lippenstift unterstrich diese allzu seltene Regung auf eine unerklärlich wundervolle Art und Weise, während sie sich langsam durch die Haare strich. Sie war wohl doch nicht eingeschlafen.

Knappe 20 Minuten Fahrt später verließen ihre schwarzen Lederschuhe rechts, meine Sneaker links das Auto. Türen knallten, meine Gitarre wurde herausgehoben und ich schloss ab, paranoider Narzisst der ich bin, überprüfte ich knappe 4 Mal jeden einzelnen Türgriff. Grillen zirpten, das Wasser rauschte, ein Kahn mit niederländischer Flagge fuhr langsam vorbei. Unsere Schritte über den kleinen Strand waren so anmutsvoll, wie es der Sand zuließ.

Dämliche Idylle, ich versuchte mein bestes um sie zu durchbrechen, indem ich das eine oder andere Thema anbrach, simultan zu meiner improvisierten Interpretation irgendeines Radioliedes, das ich auf der Hinfahrt geistesabwesend vernommen hatte. Doch sie ging auf keinen meiner immer peinlicher geratenden Vorstöße ein, nein, sie war zu beschäftigt damit, etwas zu genießen, was sie noch gestern Abend zum wiederholten Male als den Untergang der Menschheit bezeichnet hatte.

“Hältst du dich nicht ein bisschen scheinheilig?”

Auf diesen Vorwurf musste sie eingehen. Meine Gitarre verstummte als sie mir endlich in die Augen schaute. Wobei starrte vielleicht der passendere Begriff wäre. Die heruntergeschobene Sonnenbrille am rechten Bügel haltend öffnete sie ihren Mund.

“Inwiefern nennst du mich eine Heuchlerin?”

“Nunja, du hast schon oft davon erzählt, wie sehr du das Schöne verachtest, was du ihm alles vorwirfst. Aber gleichzeitig genießt du es. Vielleicht wäre die Beschreibung paradox ein wenig passender, aber konsequent ist es doch auf keinen Fall, findest du nicht?”

“Deine Aussage ist berechtigt, paradox ist es — heuchlerisch mag es der ein oder andere auch nennen mögen. Doch ich hoffe, du hast Verständnis für meine Schwäche. Schwäche ist ein Teil von uns allen, sie wohnt tief in uns, ich würde es vielleicht sogar als Hauptcharakteristikum von Menschlichkeit anführen. Ich bin leider keine Nietzsche’ Phantasiefigur. Schwäche wurde mir im Paket, dem Kleingedruckten, mit dem Leben dazugegeben, genau wie mein Aussehen, mein Intellekt und der Rest dieser Welt. Natürlich hat mein Vertrag auch die ein oder andere angenehmere Passage, aber vor allem ist er doch mit Bürden gespickt worden. Ich muss ihn betrunken unterschrieben haben.”

“Wer weiß. Entschuldige meinen Vorwurf.”

“Nein, entschuldigen dich doch nicht, die Frage war berechtigt. Ich habe sie mir selbst vor kurzer Zeit erst wiederholt gestellt und dir gerade nur die Antwort geliefert, die mich davon abhält in komplette Selbstverachtung zu verfallen. Du bist mir weder zu nahegetreten, noch hast du mich beleidigt. Entspann dich.”

Mein Geklimper setzte wieder ein.

“Ich frage mich immer wieder wie ein Psychologe mit dir umgehen würde.”

Ihre Mundwinkel zuckten, als sie ihre Sonnenbrille wieder hochschob.

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