Fluchtgeschichten und Flüchtlingsgeschichten

Ob es nun im Fernsehen ist, auf der Theaterbühne, im Film, oder in einem Interview, die Europäer werden immer ganz leise und interessiert, wenn da einer von den “Neuangekommenen” auf die Frage antworten soll: Was ist Ihre Geschichte? Wie war die Geschichte Ihrer Flucht? Oder um es mit den Worten der TV Moderatoren zu sagen: Aber das ist noch nicht Ihre ganze Geschichte, denn Ihre schicksalhafte Reise ging ja noch weiter…

Diese Art von Neugier mag berechtigt sein, aber ebenso berechtigt muss die grundsätzliche Frage sein, was daran Geschichte sein soll? Eine Geschichte hat in der Regel drei Akte und in diesen Akten überwindet der Held alle Hindernisse und erreicht am Ende sein Ziel. Hier und heute ist das Ziel Europa. Ist es das wirklich? Ist es das Ziel und ist es Europa? Hört eine Flucht im Zielland auf? Sind die Menschen, die jetzt hier leben nicht immer noch auf der Flucht? Stationär auf der Flucht?

Was mir so gewaltig missfällt, ist die Verwendung des Wortes “Geschichte”. Dieser Begriff lebt nämlich von der Erzählfolge, die man primitiv gesprochen mit den Worten “und dann” einleiten könnte. Dieses “und dann” hält nur vor der Wirklichkeit selten Stand.

Und dann ist das Boot untergegangen und meine Familie war tot. 
Und als ich nach Hause kam, war das Haus ein Trümmerfeld.

Das Haus wird immer zerstört und die Familie immer tot sein. Anders als in einer “Geschichte” wird sich der “Held” vielleicht nie aus dem Würgegriff diese Erlebnisse befreien können. Er wird sein Leben immer im Davor und Danach einteilen und den Grund seiner Flucht täglich vor Augen sehen. Wenn er aus dem Fenster schaut, dann wird er nicht den Baum seiner Nachbarschaft oder seiner Kindheit sehen. Es wird vielleicht ein Baum dastehen, aber es wird ein anderer Baum sein. Er wird in einem fremden Zimmer aufwachen und wenn er neue Freunde gefunden hat, dann werden diese Freunde alle eine Ursache haben, nämlich Flucht. Vielleicht gründet er auch eine neue Familie, aber gäbe es nicht seine Flucht und die Gründe für selbige, so gäbe es auch diese neue Familie nicht. Diese Weltbewegungen aus Krieg und Flucht werden ihn sein Leben lang begleiten. Er wird auch noch Geflohener sein, wenn er längst eine neue Heimat bei uns gefunden hat. Er wird aber noch lange Fliehender sein und wenn wir von Willkommenskultur sprechen, welches Willkommen meinen wir dann? Wenn wir ihm Essen, Trinken, ein sicheres Dach über dem Kopf und die Aussicht auf Integration und Arbeit geben, dann geben wir ihm nicht das zurück, was er in seiner Heimat verloren hat.

Und wenn wir ihn bitten, uns seine Geschichte zu erzählen, dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende sein wird. Sie wird noch über unzählige Akte gehen und vielleicht niemals wirklich ein Ende finden. Flucht ist ein Trauma, das sich über Generationen hinziehen kann. Das Trauma wird sich also nicht so einfach weg erzählen lassen und wir, die wir keine Ahnung vom Fliehen haben, werden durch das “Erzähltbekommen” auch nicht gescheiter werden.

Als mir ein Freund von seinen Erlebnissen berichtete, war mir nur danach zu weinen. Das war alles. Ich bin nicht gescheiter geworden. Im Gegenteil, die Anzahl der Fragen hatte sich verdoppelt und damit die Beantwortung verunmöglicht. Sohn ertrunken, Haus kaputt, bester Freund erschossen, Frau vergewaltigt. Was war die Frage? “Wie gehst du damit um?” Ich hätte niemals die Dreistigkeit ihn das zu fragen… Es käme mir auch nie in den Sinn, aber vielleicht wäre seine Antwort: Warum fragst du mich das? Welche Geschichte hast du, dass du mich das auch nur zu fragen wagst und was willst du eigentlich von mir hören? Dass es mir lieber wäre, all das wäre nicht geschehen? Dass ich mich nach meiner toten Familie sehne? Dass ich die Bilder des Unglücks immer wieder in mir sehe? Welche Antwort würde dich befriedigen? Sie stimmen alle, aber suche dir eine aus, wenn du magst!

Die leider unmögliche Konsequenz aus all dem wäre, ihn einfach niemals zu fragen, aber er wird gefragt werden und er wird bereitwillig antworten, wenn er hierbleiben möchte. Ein wildfremder Beamter, ein Enkel der ewig schweigenden Kriegsgeneration wird ihn möglicherweise interviewen. Ihm wird er dann seinen Fluchtgrund bekanntgeben müssen. Mit diesem Grund wird dann über ihn entschieden werden. Die Qualität seiner “Geschichte” wird somit sein weiteres Leben bestimmen. Er wird mit ihr die Bedrohungen glaubhaft machen müssen, denen er ausgesetzt war und dabei gleichzeitig feststellen, wie sehr er trotz aller Willkommenskultur in diesen Momenten immer noch auf der Flucht ist.