«Es gibt viele komische Leute hier»

Im Ladenzentrum Tscharnergut gibt es viele kleine Geschäfte. Die Betreiber haben ihren ganz eigenen Blick auf das Treiben im Quartier. Ein Gespräch mit dem Coiffeur Santino Ficarra.

Interview und Fotos: Carol Baumgartner


Hast du deinen Laden schon lange?

Ja, seit siebeneinhalb Jahren.

Hast du den Salon per Zufall gefunden oder wie bist du darauf aufmerksam geworden?

Meine Cousine rief an und erzählte meinem Vater, dass es da einen Coiffeursalon gebe, der nun aber geschlossen sei.

Was hat sich in den siebeneinhalb Jahren verändert?

Die Geschäfte haben zum Teil gewechselt. Dort wo nun das Nailstudio ist, gab es einen Optiker. Der Besitzer ist verstorben. Es gab auch noch einen Uhrmacher, dort wo nun das PC-Geschäft ist und auch der Laden vis-à-vis hat fünf bis sechs Mal den Besitzer gewechselt.

Was war dort drin?

Alles mögliche! Second-Hand-Zeug, Früchte, ein kleines Lebensmittelgeschäft, aber mit dem Denner nebenan ist das schwierig.

Ist das der Laden, wo nun ein asiatisches Lebensmittelgeschäft drin ist?

Ja genau, den gibt es nun schon länger. Bei denen kaufen vor allem Leute aus deren Heimat ein. Einer meiner Kunden war da mal drin, weil er etwas suchte, dass er im Denner nicht erhielt. Sie verstanden ihn aber nicht und er musste auch gleich wieder raus, weil es so stark roch. Er sagte mir, geh da nie rein.

Warst du trotzdem mal dort?

Nein.

Welche Läden im Tscharnergut benutzt du selber?

Ich gehe ab und zu Kebab holen, esse dann aber hier im Laden oder zu Hause. Im Restaurant habe ich auch schon ein paar Mal gegessen. Ich habe aber gehört, dass es schliessen soll. Die Leute im Tscharni erzählen sich das, aber ob es so ist, weiss man nicht. Der Wirt selber hat mir nichts gesagt. Sonst gehe ich auch manchmal ins Café Tscharni oder in die Jeansfactory, wo ich Kleider oder Gutscheine kaufe. Auch in die Apotheke gehe ich, wenn ich etwas brauche. Ich unterstütze die Läden im Zentrum, wenn ich etwas benötige, das ich hier finden kann.

Und sonst, bewegst du dich viel auf dem Platz?

Nein, ich bin immer hier im Salon.

Was sind das für Leute, die hier auf dem Platz sind?

Es gibt viele komische Leute hier. Früher sind viele hier auf dem Sims gesessen und haben gekifft. Es gab aber Reklamationen, weil sie gegen die Fassade urinierten. Der Hauswart war früher immer beim Kiosk und hat den ganzen Tag nicht geputzt. Andere Leute, insbesondere die Pensionierten, sitzen beim Kiosk oder im Café neben der Jeansfactory. Da hängen immer die gleichen Leute rum, die, die nicht arbeiten. Dort sieht man jetzt auch oft den Hauswart.

Was kommt dir für eine Geschichte in den Sinn, wenn du an diesen Platz im Tscharnergut denkst?

Es ist schwierig nur eine Geschichte zu erzählen.

Du kannst auch mehrere erzählen.

Die Leute, die immer nach sieben Uhr vor dem Denner stehen und einkaufen wollen. Sie fluchen dann, weil der Laden zu ist. Aber es war ja schon immer so. Oder die Leute, die über den Preis verhandeln wollen. Am Anfang ist mal einer hier rein gekommen, hat eine 100er Note auf den Tresen geschmissen und wollte, dass ich seiner Frau die Haare schneide und Färbe. Das alles kostet aber mehr als 100 Franken. Ich habe ihn raus geschickt. Die Preise sind angeschrieben, wir sind ja hier schliesslich nicht auf dem Markt.

Was würdest du am Tscharnergut verändern? Stört dich etwas?

Die Leute, die nie zufrieden sind. Das ist das einzige, das mich stört. Die wollen Preise verhandeln, meckern, sie hätten kein Geld und sind dann doch immer in den Ferien. Eine Frau kam hier mal rein und sagte, sie müsse die Haare schneiden. Ich sagte ihr den Preis, worauf sie meinte, ihr Sohn schneide die Haare für 14 Franken. Sie testen immer, ob ich runter gehe mit dem Preis, aber ich muss ja auch von etwas leben. Und was mich auch stört, ist die Klauerei. Hier wurde bereits zweimal eingebrochen, im Denner wurde vor den Sommerferien in eineinhalb Wochen drei Mal eingebrochen.

Was denkst du über die Glocke auf dem Platz?

Ich höre sie und höre sie nicht. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Am Anfang war es nicht zum Aushalten. Damals schlug sie auch noch jede Viertelstunde. Es gab dann aber viele Reklamationen und sie wurde für eine Weile ausgeschaltet. Doch dann fehlte etwas und nun schlägt sie jede halbe Stunde oder Stunde. Jetzt spricht man aber wieder darüber sie auszuschalten. Die Leute, die am Morgen schlafen wollen, stört es. Mich würde es auch stören, wenn ich hier wohnen würde.

Du wohnst also nicht hier im Tscharnergut?

Nein, ich lebe in Bümpliz. Ich gehöre da hin und kenne auch nichts anderes. Viele sagen Bümpliz, Bethlehem, Kaff von Bern. Alle reden immer über die Kriminalität. Sie haben ja schon recht mit den Einbrüchen. Aber die Leute, die hier rumlaufen, von denen wirst du nicht blöd angemacht. Klar, es gibt solche Fälle. Aber Probleme gibt es überall. Ich bin hier aufgewachsen und kenne es.

Gibt es auch positive Geschichten zu erzählen? Etwas Schönes, dass du nie vergessen wirst?

Hm ja, ich bin eben hier drin und nicht draussen. Es ist noch schön, wenn ich in die Post oder in den Denner gehe und mich die Leute grüssen, die ich vom Salon oder vom Zentrum kenne. Auch an den Kindern von der Schule nebenan habe ich Freude, wenn sie herum rennen. Viele regen sich aber auch darüber auf.

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