Gestern im Gesundheitsministerium zum Thema ausländische Pflegekräfte

Gern folgte GIP-Geschäftsführer Marcus Carrasco-Thiatmar am 06. November 2018 der Einladung des Bundesministers für Gesundheit Jens Spahn zu einem Treffen mit verschiedenen Interessengruppen der Pflegebranche. Im Rahmen einer Arbeitsgruppe “Pflegekräfte aus dem Ausland” sollte das Ziel der Zusammenkunft sein, gemeinsam über geeignete Möglichkeiten der Gewinnung von Fachkräften aus dem Ausland nachzudenken, um letztlich auch so die Arbeitssituation von Pflegekräften in Deutschland zu verbessern.

Marcus Carrasco-Thiatmar — Geschäftsführer der GIP Gesellschaft für medizinische Intensivpflege mbH

Das Fazit ist leider ernüchternd

Der Gesundheitsminister will sich informieren. Es herrscht Pflegenotstand und Fachkräfte aus dem Ausland sind eine mögliche Rettung in der Not. Egal ob aus China, Vietnam, dem Balkan, aus Afrika oder sonst woher, Hauptsache sie kommen nach Deutschland. Natürlich immer korrekt, in Einklang mit den Vorgaben der WHO zur Vermeidung von Abwerbungen in Bereichen bzw. Ländern, in denen der Pflegeberuf selbst auch Mangelberuf ist und mit einem tollen Plan zur Integration.

Mir fiel sofort auf, dass bei dem Treffen die Akteure fehlten zu dessen Wohl und auf dessen spätere Kosten die Veranstaltung lief — die Pflegeunternehmen. Sie waren stark unterrepräsentiert.

Ganz anders die Situation bei den Headhuntern und Personalrecruitern, die sich gegenseitig darin überboten zu bekunden, wie viel Pflegekräfte sie im Loop, so deren Bezeichnung, hätten und, dass lediglich bürokratische Unzulänglichkeiten einer zügigen Linderung des Pflegenotstands im Wege stünden.

Die Pflege selbst kam kaum zu Wort

Ich weiß nicht, was mich bei der Veranstaltung mehr ärgerte, ob es die teilweise sinnlose Aneinanderreihung von Anglizismen war oder die Tatsache — natürlich auf der Metaebene, wie ein Teilnehmer formulierte — dass die Pflege selbst so gut wie gar nicht zu Wort kam.

Themen, wie die Erfahrung mit ausländischen Fachkräften in der Praxis, deren tatsächlicher fachlicher Qualifikation, die fehlenden dualen und damit verbunden Defizite im praktischen Arbeiten fanden ebenso, wie der Umstand mangelhafter Sprachkenntnisse allenfalls am Rande Berücksichtigung. Auch der Tenor, ein Sprachniveau auf B2-Level würde für den Beruf der Pflegefachkraft mehr als ausreichen, dokumentierte für mich, wie wenig Kenntnis über das tatsächliche Ausmaß an Dokumentationsverpflichtung besteht, die unsere Pflegekräfte heute aber täglich zu bewältigen haben, bis hin zum Lesen und Verstehen komplexer ärztlicher Berichte und dem Erstellen umfassender Medikamentenpläne — alles in allem auch noch korrekt dokumentiert. Denn heutzutage, so behaupten es böse Zungen, sei Pflege Silber und Dokumentation Gold, zum Leid des Patienten und zur Freude des MDK. Hierfür reicht ein B2-Sprachlevel aber sicher nicht. Da aber nun mal alle wissen, wie schwierig und ungleich teurer C1 im Sprachlevel zu erreichen wäre, muss es halt passen, ansonsten wäre das angedachte Geschäftsmodell womöglich unwirtschaftlich — autsch….

Auch Themen, wie Integration wurden angesprochen und deren besondere Wichtigkeit reflexartig betont, konkrete Lösungen allerdings — Fehlanzeige. Fallbeispiele beschränkten sich auf Erfahrungen mit wenigen ausländischen Kräften. Sollte das die Expertise sein?

Gewinner und Verlierer

Bei der Frage nach den Kosten, die laut dem Minister natürlich die Pflegeunternehmen zahlen sollten, war man dann erst einmal reservierter. Letztlich standen Summen zwischen 7.000 und 20.000 Euro pro Mitarbeiter im Raum. Damit standen die Gewinner fest. Dies würden nur eben nicht die mittelständischen Pflegeunternehmen sein. Denn, wer möchte ernsthaft glauben, dass ein kleines oder mittleres Unternehmen das zahlen kann, zumal darin die Kosten der Einarbeitung ausländischer Fachkräfte von mehreren Monaten noch nicht inkludiert sind, ebenso wenig wie etwaige sprachliche Nachschulungskosten. Ich denke daran glaubt nur, wer auch an das Märchen der traumhaften Renditen in diesem Bereich glauben mag. Dafür fehlt mir allerdings bei stetig steigenden Personalkosten und nahezu konstanten Vergütungssätzen seitens der Leistungsträger nach fast 20 Jahren die Fantasie. Dies ausdrücklich ohne Jammern zu wollen, denn wir verdienen Geld und sind stolz darauf. Aber dies ist nur möglich, weil wirklich alle Mitarbeiter hart arbeiten und unsere Patienten viele Unzulänglichkeiten des Pflegenotstandes stoisch akzeptieren.

Wichtiger aber noch beim Thema Auslands-Recruiting ist, dass es dem gesamten ambulanten Sektor nichts bringt. Denn dieser braucht überwiegend anerkannte Fachkräfte, die in Deutschland nach derzeitiger Praxis regelmäßig aufwändig in Kliniken nachgeschult werden müssen. D.h., der gesamte ambulante Markt kann aus eigener Kraft ausländische Fachkräfte nicht einsetzen. Entsprechende Hilfe seitens der Kliniken dürfte wohl, weil diese klare Wettbewerber sind, ebenso realitätsfern sein.

Dem Mittelstand eine echte Chance geben

Daher meine Frage an das Gesundheitsministerium: Was sind Ihre konkreten Pläne für die Stärkung des ambulanten Sektors und der über 13.000 Arbeitgeber. Wann sind wir dran? Derzeit schaden Sie uns, indem Sie Ihren Focus auf dem stationären Bereich haben und damit die Personalsituation im ambulanten Sektor zu Lasten der Patienten verschärfen. Vergessen dabei der Grundsatz „ambulant vor stationär“ und die Wähler, die sich nichts sehnlicher wünschen, als zu Hause versorgt zu werden. Dies wollen wir als ambulanter Anbieter ebenso, wie alle anderen Kollegen in unserem Bereich auch und fordern Ihre Unterstützung.

Unser Vorschlag liegt Ihnen vor — mein Wunsch, geben Sie dem Mittelstand eine Chance, den Menschen, die wir versorgen, selbst zu helfen. Denn mein Grundsatz ist: Was ich verhindern und erreichen kann, weiß ich erst, wenn ich es probiert habe.

Marcus Carrasco-Thiatmar, Geschäftsführer