Das Schauspiel des Lebens


Soll ich jetzt eine Begrüssung schreiben? Wie “liebes Tagebuch…” oder so. Aber nein, ich fand das immer ein unpassender Ausdruck. So als wäre das Tagebuch eine Person mit welcher man seine Gedanken austauschen kann. Ehrlich gesagt ist es das vielleicht auch. Ich glaube, was mich wirklich stört, ist das “liebes” daran. Von wo sollte man denn wissen ob das Tagebuch lieb ist oder nicht? Eigentlich weiss ich auch, dass dies nicht so gemeint ist. Ist doch logisch, ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen. Was mich wirklich daran stört, ist die Floskel “liebes X”, “lieber Herr x”, “liebe Frau Y”. Man widmet es an andere Menschen, welche man eventuell nicht kennt. Oder vielleicht kennt, aber gar nicht als “lieb” wahrnimmt. Ein solch mächtiges Wort “Liebe” wird rücksichtslos verschwendet. Auf die Frage des Warum gibt es viele Antworten. Einige würden behaupten man sage es aus Respekt oder Höflichkeit. Und während ich die Herkunft dieser Antworten verstehen kann, kratzen sie nur an der Oberfläche des tatsächlichen Grundes.

Ich stehe sehr stark hinter den Werten Respekt und Höflichkeit. Doch wurden genau diese wichtigen Eigenschaften durch eine Dynamik in unserer Gesellschaft entwertet. Die Absicht unseres Lebens hat sich zunehmend auf ein Wettbewerb zugespitzt. Aber nicht ein Wettbewerb wer Glücklicher ist oder mehr Menschen helfen kann. Nein. Ein Wettbewerb mit dem Ziel möglichst vielen Menschen zu gefallen. Es gibt keine Tabus um dieses Ziel zu erreichen. Die Auswirkungen dieses Wettbewerbs werden von deinen Eltern und Lehrer als “Sitten” entschuldigt. Ich sehe sie jedoch vielmehr als Verstellung unseres tatsächlichen Seins. Denn wo liegt der Sinn unserer Existenz, wenn wir nicht unseren inneren Trieben folgen können. “Aber manchmal muss man sich halt anpassen um etwas zu erreichen was einem gefällt.” höre ich schon die Kritiker sagen. Und dies ist eine These welche nur teilweise valid ist. In unserer heutigen Welt kann dies tatsächlich so sein. Doch stell dir eine ehrliche, transparente Welt vor. Eine Welt in welcher Wörter ihre Bedeutung wahren. Eine Welt in welcher ein Wort etwas bewegen kann. Eine Welt in welcher man sich mit der Frage “Wie geht es dir?” nach dem Befinden einer Person erkundigt und nicht nur das Ersticken des angespannten Gesprächs verhindern will. Gespräch ist wohl das falsche Wort. Schauspiel ist präziser. Ein Schauspiel in welchem der bessere Schauspieler gewinnt und seinem Publikum, seinem Gegenüber, eine Märchengeschichte vortragen kann. Die Handlung dieses Märchen beginnt vermutlich von einem angesehenen Job in einer Führungsposition. So ein Job bei welchem man jede halbe Stunde einen unglaublich wichtigen Anruf bekommt und sich den ganzen Tag in Meetings mit Wörtern wie “agiles Business Development” oder “skalierbare Cloud Services” herumschlägt, ohne die genaue Bedeutung davon zu kennen. Dieses Arbeitsverhältnis, welches mehr Ähnlichkeiten zur Haltung eines Haustiers, als einer Berufung aufweist, bildet die finanzielle Basis für das neu gekaufte Einfamilienhaus. Selbstverständlich nach Minergie-Standard und mit grünem Golfrasen welcher durch einen makellos geschnittenen Kugelahorn gezäumt wird. Ein Kugelahorn, welcher sehr stark meiner Bleistiftskizze eines Baums ähnelt. Ein Stamm so gerade, dass sich Friedensreich Hundertwasser im Grab umdrehen würde und eine Krone welche mehr Gemeinsamkeiten mit dem iCloud Signet hat, als einem Kunstwerk der Natur. In diesem Haus wohnt die junge, vierköpfige Familie. Ein Junge ein Mädchen, beide waren die ersten im Kindergarten die rechnen konnten und haben eine Zukunft welche besser geplant ist als der Bau des Gotthard-Basistunnels. Von ihren Eltern, wohlgemerkt (also nicht der Bau des Gotthard-Basistunnels, sondern ihre Zukunft).

Und obwohl dieses Märchen am Gegenüber eindrücklich hängen bleibt, ist es ein Leben weit entfernt von Erfülltheit und den Träumen der Jugend.
Den Surftrip mit dem VW Bus nach Kalifornien wurde nie umgesetzt. Man hätte sonst Zeit verloren, welche man lieber ins BWL-Studium investiert hat. Das Blockhaus in Kanada bleibt nur eine Pinterest-Pinnwand. Eine Pinnwand welche Bilder von klischeehaften Waldhäuser festhält, die von Hipster mit buschigen Bärten und vielen Follower auf Instagram bewohnt werden. Und anstatt sich auf ein Abenteuer mit dem verrückten Mädchen, welches mann auf dem Camping am See kennengelernt hat, einzulassen, wählte man die sichere Option. Sie sei ein guter Mensch mit einem grossen Herz. Nein, nicht langweilig. Nur mit beiden Füssen am Boden steht sie. Und das braucht es für eine erfolgreiche Familie. Genau so wie das Einfamilienhaus nach Minergie-Standard.

Doch trotzdem gibt es ganz selten, vielleicht jedes Jahr, einen dieser Momente in welchem man die blau leuchtenden Sterne am Himmel betrachtet und die erfrischende Nachtluft einatmet. Die Luft mit der Wirkung wie eine Droge. Eine Anti-Droge. Welche die Realität schärft, anstatt sie zu verzerren. Welche einem an die Fakten erinnert, anstatt sie zu vergessen zu lassen. Und in diesem Moment wird unter dem mächtigen Kleid aus tausenden, hell leuchtenden Sternen klar, wie bedeutungslos es ist. Der Konflikt mit dem Vorgesetzten. Der eigene Job. Die Likes auf dem neusten Post auf Facebook. Der universitäre Abschluss. Das Leben schrumpft wie ein Luftballon der an einer spitzen Nadel zerplatzt. Es wird reduziert auf das Essenzielle. Auf die eigene, innere Wahrnehmung. Auf die wenigen Personen welche wirklich wichtig sind. Während scheinbar alles Bestehende entgleitet, öffnen sich neue Tore. Zwischen Surftrip, Blockhaus und täglichen Abenteuer steht nur noch die eigene Entscheidung. Nichts kann einem zurückhalten. Und so schnell er gekommen ist, geht dieser magische Moment wieder vorbei. Vergänglich wie eine Schneeflocke die auf der beschlagenen Fensterscheibe landet. Für einen Bruchteil sind alle feinen Eiskristalle ersichtlich. Doch bevor man diesen Moment recht wahrnehmen kann, wird daraus einer von vielen Wassertropfen und man fragt sich ob dies gar nur ein Streich der eigenen Fantasie war. Ein verzweifelter Schrei nach Erfülltheit, tief aus dem Herzen.

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