A state of Being

Lange war es hier still. Ich möchte nicht sagen, dass es nichts zu berichten gegeben hätte, doch lange fand ich nicht die Muße, meine Gedanken aufzuschreiben oder gar zu veröffentlichen.

Claudia Mee
Jul 20, 2017 · 3 min read

Kürzlich las ich einen Beitrag der neuen Freiwilligen in der Gurukul Children Academy in Belsar. Das ist die Grundschule in Indien, in der auch in vor etwa eineinhalb Jahren als Freiwillige Englisch unterrichtete. Insbesondere ein Satz hat mich irgendwie gepackt: „People are more in a state of ‘being’ rather than ‘doing’.“ — Die Menschen befinden sich eher in einem Status des „Seins“ denn des „Tuns“. Den vollständigen Beitrag findet ihr hier. Genauso habe ich es auch wahrgenommen und ich sage euch etwas: Es hat mich w-a-h-n-s-i-n-n-i-g gemacht. Dieses Stillhalten, sich nicht bewegen, Ausharren.

Stillstand — etwas, das ich „meiner“ Gesellschaft als verpönt gilt. Niemals stehenbleiben, immer weiter, höher, schneller. Nicht falsch verstehen, es spricht nichts gegen eine Weiterentwicklung, gegen Bewegung und Veränderung. Was passiert aber mit uns, wenn das Momentum eine Geschwindigkeit annimmt, die ich nicht mehr beherrschen kann? Wenn aus dem „Tun“ ein Strudel wird, der droht mich in die Tiefe zu ziehen?

Wie wäre es innezuhalten, die Geschwindigkeit zu drosseln und einfach nur zu „sein“?

Diese Frage stelle ich mir gerade ganz konkret. Es gibt Vertreter der Theorie, dass nichts durch Zufall geschieht. Dazu habe ich mir noch keine abschließende Meinung gebildet. Zufall oder nicht, der Beitrag von Niamh trifft gerade einen Nerv bei mir. „A state of being“ klingt für mich aktuell ausgesprochen attraktiv. Ich befinde mich in einer, ich möchte sagen, kritischen Phase oder Situation. Diejenigen, die mich schon länger kennen, wissen auch um meine Vita, die nicht so geradlinig ist, wie es leider noch immer weit verbreitet in der Gesellschaft Anerkennung findet. Nach meiner Rückkehr aus Indien hat es fünf Monate gedauert, bis ich eine neue und interessante Arbeitsstelle gefunden habe. Entsprechend hoch waren auch meine Erwartungen daran, dass es gut läuft. Entsprechend hoch war auch mein Einsatz, alles daranzusetzen mich entsprechend zu positionieren. Was soll ich sagen? Es ist mir gelungen. In wirklich kurzer Zeit habe ich eine gute Beziehung zu den meisten meiner Ansprechpartner aufbauen und mir Respekt verschaffen können. In einem Ausmaß, dass ich häufig zu Themen angesprochen werde, die überhaupt nicht meinen Aufgabenbereich betreffen. Zu Beginn schmeichelte mir das noch und gern half ich hier und dort aus. Nun kommt erschwerend hinzu, dass unsere Abteilung vom Pech gebeutelt ist und wir einige krankheitsbedingte Ausfälle zu beklagen haben. Lange Rede, kurzer Sinn, die Arbeitsbelastung ist auf ein Maß angestiegen, das nicht mehr zu bewältigen ist. So, und da sitze ich nun in meinem Strudel… Zählte ich jetzt tatsächlich all die Sorgen, Nöte und Symptome auf, mit denen ich zu tun habe und unter denen ich zunehmend leide, weiß ich genau, dass wenigstens jeder Zweite die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und „Burnout“ schreien wird. Vermutlich ist das auch richtig. Das Thema wurde adressiert und Maßnahmen sind auf dem Weg. An dieser Stelle soll es aber weniger um diese aktuelle, individuelle Situation gehen, sondern vielmehr um den grundlegenden Aspekt.

Was können wir zivilisierten „first world-ler“ aus der Betrachtung, besser noch dem Erleben, von Menschen aus einem eher rückständigen Teil der Welt lernen? Ich erinnere mich an eine Situation an meinem ersten Tag in Belsar. Ich habe einen der älteren Jungs gefragt, womit er seine Freizeit verbringt. Seine Antwort lautete „I enjoy“. Damit konnte ich damals nichts anfangen. Woran erfreut er sich denn? Was amüsiert ihn? Was genießt er? Er wiederum konnte meine Nachfragen und Verwunderung nicht verstehen. Ähnliche Situationen gab es in den folgenden Wochen wiederholt und immer war ich irritiert, warum er denn nicht versteht, worauf ich hinaus möchte. Heute, eineinhalb Jahre später und nachdem ich Niamhs Beitrag gelesen habe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich muss schmunzeln.

Entschleunigung, Digital-Detox, Achtsamkeit und ähnliches sind in aller Munde — doch wieviel davon ist Gesabbel und wieviel nehme ich wirklich ernst? Es gab eine Zeit, in der ich tatsächlich sehr achtsam war. Doch die ist gefühlt gerade Lichtjahre entfernt. Ich lebe in einem Kokon, der wenig Licht hinein- und leider auch wenig hinauslässt. Sollte ich, was ich niemals tue, einen Neujahrsvorsatz fassen, dann wäre es dieser: Einfach mal nur SEIN.

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    Claudia Mee

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