Gurukul Children Academy

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Der eigentliche Grund, warum ich nach Indien gekommen bin, ist die Gurukul Children Academy. Sagen wir mal so, der Grund, warum ich in Belsar gelandet bin. Für die Indienreise als solches sprach noch allerhand weiteres.

Indien ist ein Land großer Gegensätze und Extreme. In jeglicher Hinsicht. Nord und Süd unterscheiden sich stark hinsichtlich Wetter, Klima, Kultur und auch wirtschaftlicher Entwicklung. Insgesamt ist der Norden noch deutlich geringer entwickelt als der Süden. Es gibt einen großen Anteil der Landbevölkerung, die noch mehr oder weniger von der Hand in den Mund leben, ohne Zugang zu Trinkwasser und Elektrizität. Auch die Analphabeten-Quote ist noch ziemlich hoch. Das Wissen über Hygiene ist bestenfalls rudimentär. Viele Eltern schicken ihre Kinder lieber aufs Feld anstatt in die Schule. Von Bildung wird man nicht satt. Und die Mädchen sollen ja sowieso später den Haushalt führen und Kinder erziehen — dafür muss man weder lesen noch schreiben können. Was hier so ironisch klingt, ist für viele Inder Alltag. Indiens Bevölkerung zählt zu den jüngsten dieser Welt. Das, woran so viele „zivilisierte“ Länder kranken, nämlich die Überalterung der Bevölkerung und der Mangel an Nachwuchs, ist hier überhaupt kein Thema. In Indien schlummert ein riesiges Potential. Es warten aber auch zahlreiche Herausforderungen auf diejenigen, die an dieser Stelle unterstützen wollen.

World Without Obstacles ist eine der vielen Organisationen, die etwas ändern wollen. Ein Tropfen auf den heißen Stein hier helfen zu wollen? Mitnichten. Natürlich kann weder WWO noch ich die ganze indische Welt verändern. Aber darum geht es auch nicht. Mit viel Idealismus & Begeisterung sowie vielen, vielen Ideen im Gepäck sind eine Handvoll Leute losgezogen, um das Leben von Kindern in Belsar, einem Dorf im Gonda District, Bundesstaat Uttar Pradesh, der zu den am wenigsten entwickelten im ganzen Land gehört, ein bisschen besser zu machen. Hilfe zur Selbsthilfe ist das Motto.

Die Gurukul Children Academy, eine Grundschule, wurde letztes Jahr errichtet und bietet derzeit Platz für rund 100–150 Schüler. Neben Hindi, Englisch und Mathe stehen auch Sozialwissenschaft und Wissenschaft (was wohl eher das ist, was wir „Sachkunde“ nennen). Zur Zeit gibt es 3–4 Klassen, das hängt jeweils davon ab, ob alle Lehrer da sind. Die ganz kleinen (3–5 Jährigen) sind quasi im Kindergarten — jedoch wird auch hier schon Schreiben gelehrt. Die 6–10 Jährigen und 10–13 Jährigen werden jeweils zusammengefasst. Dies gilt immer als ungefähre Richtlinie…. Indien ist für seine Flexibilität genauso berühmt wie berüchtigt.

Einen Schultag müsst ihr euch in etwa so vorstellen:
• Zwischen 8–9:30: Beginn. Im Sommer um 8, im Winter um 9. Wenn es jedoch, wie momentan, morgens sehr neblig ist, dann sind auch um 9:30 meist noch nicht alle Kinder da.
• Morgen Gebet: Gebete werden gesungen. Zwei Kinder singen vor, der Rest singt nach. Danach folgt die Nationalhymne. Im Anschluss wird überprüft, ob Hände und Nägel sowie Zähne sauber sind und ob die Kinder ordentlich angezogen sind (offene Hosenställe kommen da schon öfter mal vor). Momentan führen schmutzige Nägel noch zu keinerlei Konsequenzen. Eine Nagelbürste steht jedoch auf der „Einkaufsliste“ und dann sollen die jeweiligen Kinder „nachputzen“. Außerdem wird seit Montag darauf hingewiesen, dass Zähne morgens und abends zu putzen sind. Hier ist nämlich durchaus üblich, nur morgens zu putzen.

  • Die Kinder trudeln in die Klassen. Wenn die Lehrer bis dann alle da sind, geht es gemäß Stundenplan los.
    • 11:40: Eine halbe Stunde Mittagspause. Es gibt jeweils einen Klassensprecher, der verantwortlich dafür ist, einen Eimer und Seife zur Handpumpe zu bringen. Dort waschen die Kinder nach einer festgelegten Routine ihre Hände, bevor sie Mittagessen dürfen. Ihr lacht womöglich aber auch das ist hier keinesfalls überall bekannt, dass Händewaschen wichtig ist. Inzwischen ist dieses Ritual zum festen Tagesbestandteil geworden. Die Kinder waschen sich auch nach der Toilette die Hände. Meistens jedenfalls. Steter Tropfen höhlt den Stein.

• Der Unterricht dauert bis 14 oder 15 Uhr. Der Schultag schließt wieder mit einem Gebet.

Ob sich der Unterricht als solches von unserem unterscheidet, kann ich nur bedingt beurteilen. Die einzige Grundschule, die ich kenne, war die, in der ich selbst war. Ich erinnere mich jedoch an bunte Klassenzimmer mit Bildern an den Wänden. Das ist hier nicht unbedingt so. Die Räume sind klein, eng und dunkel. Momentan auch ziemlich kühl, ich vermute ab März/ April werden wir darüber dankbar sein.

Wenn der Lehrer den Raum betritt, stehen die Kinder auf und begrüßen ihn mit „Good morning/ afternoon Sir/ Mam“. Wenn sie etwas sagen wollen, stehen sie auf. Meist setzen sie sich auch erst wieder hin, wenn man es ihnen sagt. Überwiegend sind sie aufmerksam und arbeiten gut mit… aber manchmal gibt’s auch etwas zu tuscheln. Ich habe es bereits häufig erlebt, dass sich alle um mich scharen, während ich z.B. die Lösung eines Schülers korrigiere. Dies scheint jedoch ein Sonderfall zu sein, weil es für sie so besonders ist, dass ich da bin.

Was ist nun meine Aufgabe als Assistant Teacher Claudia Mam? Vielleicht vorab noch ein Wort zu den indischen Lehrmethoden. Als wir die Locals zu den Unterschieden zwischen öffentlichen Schulen und GCA befragt haben, war die erste Antwort „Die Lehrer sind freundlich zu den Schülern“. Da musste ich schlucken! Es findet sich hier immer noch häufiger Bestrafung als Belohnung und auch ein Schlag auf die Finger mit dem Lineal kann passieren. Gelehrt wird frontal. Vokabeln auswendig gelernt aber nicht verstanden. Fragt man, wie „blau“ buchstabiert wird, kommt die richtige Lösung. Bittet man den Schüler hingegen auf einer Farbtafel auf „blau“ zu zeigen, so ist er oft ratlos. WWO hat großes Glück an Anna geraten zu sein. Sie ist Holländerin und lebt bereits seit mehreren Jahren in Delhi. Sie hat die Schule mit aufgebaut und ihr europäischer Einfluss ist sichtbar. Lernen durch spielen, erklären — sehen — tun… so ist es nun meine Aufgabe spielerisch Englisch zu lehren. Dabei geht es weniger um Grammatik (zum Glück, da müsste ich selbst erstmal Nachhilfe nehmen) als vielmehr darum die Sprechhemmung zu überwinden, die Aussprache zu verbessern und Spaß an der Sprache zu entwickeln. Dabei ist das Ziel wöchentliche „Projekt-Themen“ zu entwickeln (und dann auch für folgende Schuljahre zu dokumentieren — Hurra, das kann die Deutsche gut) und durchzuführen.

Das Thema dieser Woche ist beispielsweise „Who am I?“. Bei 1,2 Milliarden Menschen kann das Individuum schonmal aus dem Blickfeld geraten. Persönlichkeit ist an staatlichen Schulen nicht gefragt. Wir wollen das anders machen.

Am ersten Tag haben wir daher zuallererst Namensschilder gemalt. Ganz simpel, ¼ DIN A4 Blatt, mit einem Kuli zwei Löcher hineingestanzt (Locher steht nämlich auch noch auf der Wunschliste), einen Faden durchgezogen, fertig. Ich habe die Namen in Blockbuchstaben aufgemalt — die erste große Herausforderung, indische Namen… Die Kinder haben diese dann ausgemalt und verziert. Viele tragen jetzt jeden Tag mit einem gewissen Stolz ihr Namenschild.

Am Tag 2 wollten wir mehr erfahren. Mein Name, mein Alter und meine liebste Frucht. Jedes Kind hat einmal gefragt und einmal geantwortet.

Dabei wurden die ersten Unterschiede bereits sichtbar. Während einige Kinder laut und recht deutlich sprachen, waren andere sehr leise und haben eine so unsaubere Aussprache, dass ich hätte raten müssen, wenn ich nicht gewusst hätte, was sie sagen wollen. Tag 3 — wir üben englisch schreiben. 5 Fragen — nach Name, Alter, Lieblingsobst, Lieblingsfarbe und Lieblingstier sollten schriftlich beantwortet werden. Hier offenbaren sich die Unterschiede in der Satzstellung. Während es im Englischen heißt:
„My favorite color is red“ — ist es in Hindi: „Mera pasandeeda rang lal hai“ (my favorite color red is). Dementsprechend oft war es falsch. Klingt irgendwie bekannt oder? F-A-V-O-R-I-T-E ist übrigens ein seeehr schwieriges Wort. Mit den Kleinsten haben wir den schriftlichen Teil übersprungen und sind gleich zum Malen übergangen — male deine Lieblingsfrucht. Die haben keinerlei Berührungsängste und kommen zu mir, damit ich eine Banane, einen Apfel oder Weintrauben aufmale oder beim ausmalen helfe. Da muss einem ja das Herz aufgehen!

Die älteren Kinder hatten dann am folgenden Tag dasselbe Vergnügen. Im Anschluss haben wir die Bilder in den Klassenräumen aufgehängt - peu á peu wird es so bunter werden.

WWO hat hier schon viel geschaffen — aber es ist auch noch viel arbeitet. Durch Schulgebühren finanziert sich die Schule. Für größere und kleinere Anschaffungen (wie Möbel oder auch der Ausbau der Schule) ist WWO auf Spenden angewiesen. Sollte es also jemanden geben, der Lust hat dieses Projekt zu unterstützen: Ihr seid zum einen herzlich als Freiwillige willkommen aber auch Spenden können wir gebrauchen. Jede Summe hilft. Gern stelle ich weitere Infos zur Verfügung.


The main reason to come to India is the Gurukul Children Academy. Well, the reason I came to Belsar at least.

India is a world of extremes. Northern and Southern India differ from each other in mostly every way you can imagine. Weather, climate in general, vegetation, food, culture and also the economic state of development. Generally speaking Northern India is less developed than the South. There is a large percentage of people living in rural areas who basically live hand-to-mouth, with no access to potable water or electricity. Illiteracy is very high and knowledge about sanitation and hygiene is basic at best. Many families send their children to work in the fields instead of school. Education doesn’t feed you. And girls shall marry soon and care for the house and family. No need to read and write. Though this might sound ironic, this is every day life for many Indians. Indians population is among the youngest worldwide. Many so-called „civilized“ Western countries suffer from the aging of their population and lack of young talents. India has those in abundance. However, there are plenty of challenges waiting for those who want to tap into this huge potential.

World Without Obstacles is one of many NGOs who are dedicated to make a change. A drop in the ocean? To the contrary. I am aware that neither WWO nor I can change India. And that’s not the objective. A handful of idealistic and enthusiastic people ventured off, packed with loads of ideas, to improve children’s opportunities in Belsar, Gonda District in Uttar Pradesh, one of the least developed states in India. Help people to help themselves.

Gurukul Children Academy, a private elementary school, was inaugurated last year and currently has a capacity for 100–150 students. Besides Hindi, English and math the curriculum also has science and social sciene. Currently there are 3 or 4 classes, depending on whether there is a teacher absent or not. The little ones (LKG + UKG: lower kindergarten and upper kindergarten) already learn how to write and they already know a lot more English words than you would think. The others are grouped into 6–10 and 10–13. Or however it just suits best… India’s flexibility is both, famous and infamous.

A day in school is mostly something like this:
• 8–9:30 a.m.: Beginning. 8 in summer, 9 in winter. If it is, as these days, foggy in the morning, by 9:30 not all students have arrived. Be flexible…. 
• Morning prayer: prayers are always sung. After the prayer, they sing the national anthem. Then teachers check whether hands, nails, teeth and the uniform are clean. Currently there are no consequences of having dirty fingernails. They just get told to clean them next day. It’s planned to do the cleaning with them in school once we have bought the equipment. Since Monday children get told that they should also brush their teeth twice a day. It’s common here to only do this in the morning. 
• Next, the kids go to their classroom. Mostly by then all teachers also have arrived. 
• 11:40 a.m.: Half an hour lunch break. Each class has assigned someone to take responsibility for the hand wash routine. This student takes a bucket and soap to the hand pump in the yard so that every student can thouroughly wash his or her hands before eating. You might laugh but here the importance of hygiene and handwashing is not so well-known. By know this is a part of the students‘ daily rountine and we hope that they also apply it at home and teach their parents. 
• School’s out about 2 or 3 p.m.. It closes with another prayer.

I’m not so sure whether to which degree the subjects differ from ours. However, from my own elementary school I remember friendly and colorful classrooms. These are rather small, narrow and dark. Right now it’s even cold but we might be thankful once temperatures rise up to above 40 degrees in summer.

Students stand up when the teacher enters and greet him or her with „Good morning/ afternoon Sir/Mam“. They stand up when they want to say something. Mostly they only sit down again if you tell them to. Most of the time they are attentive, but once in a while they chat and giggle… they’re kids ;-) In my case they often gather around me while I correct a student’s exercises. I think, this is because of my „exotic“ status, though.

So, what’s assistant teacher Claudia Mam’s task? Maye a word or two regarding teaching methods in India. We asked some of our family members (who often help teaching when the real teacher aren’t there) about the differences they see between public schools and GCA. First thing they said was that our teachers were friendly to the students. That’s a tough one! You still find more punishment than praise and sometimes students still get hit on their hands with a ruler. There’s hardly anything besides school book teaching and students basically copy and paste without understanding. They will probably know how to spell „blue“ but if you give them a color chart they won’t be able to recognize blue. WWO is lucky to have met Anna. She is Dutch and already lives in Delhi for some years. She helped building up the school and her (European) influence is visible everywhere. Learning by doing as much as possible… use games to develop creativity and problem solving skills — hardly to be found in traditional Indian schools. So my task is to teach English in a playful way. It’s less grammar (thankfully, otherwise I had to take a tutor first) but more to reduce the inhibition to speak and improve pronunciation and to have fun speaking English. We want to establish weekly themes and I will document them (yay, that’s a task for the German girl!) for coming school years.

This week’s topic is „Who am I?“. With 1.2 bn poeple the indidivual person can get los. Personality and individuality is not important in public school. We want to make a difference. On the first day we thus made very colorful name tags. Take a quarter of an A4 sheet of paper, punch two holes and pull a thread through. Then we wrote their names (first challenge to pronounce Indian names) in block letters and the students colored them. Many of them proudly wear it to school everyday now. On day to we asked them to tell more about themselves. Their name, to repeat, their age and their favorite fruit. We took turn so that every student did ask once and answered once. There are huge differences in their performance. Some speak clearly and loud while others mumble and have a very soft voice. And F-A-V-O-R-I-T-E is a very difficult word I realized. On the third day we added to more questions about their favorite color and animal an then let them write. This exercise showed clearly that some of them simply copied and did not clearly understand the questions. Some mistakes were common because of the ways sentences are build in English and Hindi. While in English it’s „My favorite color is red“ — in Hindi it is: „Mera pasandeeda rang lal hai“ (my favorite color red is). 
With the little ones we simply dropped the writing and only did the drawing — draw your favorite fruit. They are not shy and asked me again and again to draw bananas, apples or grapes. So adorable! The older students had a fun class drawing the next day.

WWO has already achieved a lot — however, there’s much more to do. The school is more or less financed through tuition fees. For smaller or bigger purchases (e.g. furniture or the enlargement of the school building) the school’s depending on donations. Thus, if there’s anyone who feels he or she wants to support this cause — you are most welcome to visit our school (as visitor or volunteer) or to donate. Each and every Euro count. There’s more information available if you are interested.