Republic Day

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Am 26. Januar 1950 trat die neue Verfassung in Indien in Kraft und ersetzte damit den Government of India Act von 1935. Nachdem Indien am 15. August 1947 unabhängig von Britischer Herrschaft wurde (daher ist das auch der 2. Große Feiertag — Independence Day), war die Verfassung ein weiterer Schritt des Landes eine eigenständige, demokratische Republik zu werden.

Im ganzen Land finden zu Ehren dieses Ereignisses Festivitäten und Paraden statt. Die größte natürlich in Delhi. Aber auch auf dem Land zeigt sich heute der große Patriotismus und Stolz aufs Vaterland. Noch nie war das Dorf seit meiner Ankunft so wuselig. Bereits um 8:30 Uhr (für meinen Geschmack auch nen Tacken zu früh ;-)) waren wir auf dem Weg zur Schule und überall tobte bereits das Leben. Viele Kinder tragen Kappen in Landesfarben (orange, weiß, grün) und die meisten haben eine kleine Flagge in der Hand. Auch in meiner Schule sind bereits erstaunlich viele Kinder da. Pünktlichkeit ist sonst nicht unbedingt an der Tagesordnung.

Ankunft Aditi. Definitiv Patriotin Nr. 1 heute. Neben einem India-Cap hat sie kleine Aufkleber im Gesicht und ist insgesamt perfekt ausgestattet. Das können die Fußballfans zur WM auch nicht besser ;-)

Doch auch die anderen Kinder stehen ihr kaum in etwas nach. Mützen, Fahnen, Anstecker … alle haben sich herausgeputzt und tragen die warmen Pullis heute zur Feier des Tages unter der Uniform.

Viele bringen kleine Blumengirlanden, die auf einem Tischchen drapiert werden. Dort befinden sich auch Bildnisse der Göttin der Bildung, des ersten Premiers Nehru sowie der Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi und Dr. B.R. Ambedkar.

Außer den Blumen werden Räucherstäbchen angezündet. Ich darf das tun. Es wird viel geknipst.

Das offizielle Programm beginnt wie immer mit Aufstellen. 5 Reihen, der Größe nach geordnet und mit gleichmäßigem Abstand. Erst dann wird die Flagge gehisst, begleitet von Applaus. Es folgt das gemeinsame Singen der Nationalhymne. Alle stehen stramm.

Im Anschluss gehen die Kinder in ihre Klassen und üben zum letzten Mal für ihre Aufführung. Ein paar Eltern sind gekommen. Eingeladen haben wir alle. Zunächst nur zwei Väter. Später werden es fünf. Vier Mütter kommen auch. Wir haben ungefähr 95 Schüler. Ich finde es schade, dass die Eltern so wenig Anteil am Schulleben ihrer Kinder nehmen. Bharat, Gründer von WWO, erzählte mir bereits, dass die Eltern die Verantwortung für alles, was mit Schule zusammenhängt, bei der Einschreibung abgeben. Gehört habe ich solche Vorwürfe in Deutschland auch schon mal… aber ich kenne keine Mutter, die nicht zur Aufführung ihres Kindes gehen und begeistert applaudieren würden. Nun, noch eine Baustelle für WWO. Gestern Abend wir ein Dokument „Guidelines for parents“ erstellt, das genau diese Punkte aufgreift. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Erstaunlicherweise pünktlich um 10 Uhr gehen die Aufführungen los. Viele Kinder haben Gedichte einstudiert oder singen Lieder. Einige tanzen auch. Kleine Bollywood-Queens. Zwei Gruppen haben ein Mini-Theaterstück vorbereitet. Leider verstehe ich nur einzelne Wörter, ein Kontext ergibt sich daraus nicht. Es ist aber trotzdem zauberhaft wieviel Mühe sich selbst die Kleinsten geben. Die älteren Mädels schauen immer wieder zu mir, ob ich denn auch begeistert klatsche. Natürlich tue ich das! Es ist ein großes Kuddelmuddel aber irgendwie kommt doch jeder zu seinen 5 Minuten Ruhm und am Ende sehen alle glücklich aus.

Wir können also im Programm den nächsten Punkt angreifen: Kick-off des Nutrition Programms. Eine gesunde, ausgewogene Ernährung wird hier nicht überall verfolgt. Zum überwiegenden Teil ist es mangelndes Wissen, zum geringeren die mangelnde Kaufkraft. Deshalb ist das Nutrition Programm eine weitere Initiative von WWO, um hier einmal wöchentlich Obst an die Schüler zu verteilen. Vorgesehen war auch mal Milch. Über Gut und Böse von Kuhmilch für Menschen kann man sich an der Stelle zwar streiten aber damit beißt man in Indien auf jeden Fall auf Granit. Das Problem ist vielmehr, dass die entsprechende Menge an Milch nicht immer verfügbar ist. Also wird sie gestreckt… meistens mit Wasser. Da dieses wiederrum häufig verunreinigt ist, ergibt sich daraus ein gewisses Gesundheitsrisiko für die Schüler, welches wir nicht eingehen wollen. Ergo: keine Milch. Heute gibt es Bananen. Nächste Woche — mal sehen, was der Markt so hergibt. Vorher gibt es aber noch eine kurze Präsentation zu den 3 Pfeilern eines gesunden Lebensstils: Ernährung, Hygiene, regelmäßige Bewegung. Die Präsentation, die ich hierzu erstellt habe, können wir leider nicht benutzen, weil kein Beamer verfügbar ist. Ich bin übrigens nicht zu blöd gewesen, das nicht vorhersehen zu können, deshalb habe ich die wichtigsten Informationen auf A3 Papier gebracht — einer meiner Kollegen hat es dann noch übersetzt.

Ich entwickle immer mehr Kreativität — wer hätte gedacht, was so alles in mir steckt ;-) Cross-Check: Wer putzt sich die Zähne mit Lehm? — irritierte Gesichter. Gern hätte ich diese Präsentation selbst gemacht — es macht unglaublich viel Spaß mit den Kindern zu arbeiten.

Programm beendet. Die Kinder traben fröhlich und lachend von dannen.

Für uns geht es weiter. Wir sind bei einem Herren eingeladen, der sich gern für die Schule engagieren möchte. Seine Tochter geht bereits in unsere Schule und da er keine weiteren Kinder hat, möchte er für das kommende Jahr die Patenschaft, d.h. die Kosten, für wenigstens ein Kind übernehmen. Er ist Schmuckhändler und hat es wohl zu einem guten Wohlstand gebracht. Zumindest lässt der Tempel, den er für seine Familie hat errichten lassen, darauf schließen. Alles ist in einem ungewöhnlich guten und gepflegten Zustand. Seine Frau hat allerhand Snacks bereitet, die sie mir gern anbieten möchten. Ich solle möglichst viele unterschiedliche Eindrücke indischen Essens mitnehmen. Zunächst gibt es eine Paste aus einer Beerenart… von der Konsistenz am ehesten mit Marmelade zu vergleichen. Der Geschmack erinnert mich an die merkwürdige Medizin, die mir Vidhi in Delhi verabreichte. Kann ich leider nicht essen. Dann gibt es Erbsen, die gehen immer. Es folgt Süßkartoffel, die mit reichlich Zucker gegart wurde (als hätte Süßkartoffel nicht schon von Natur aus genug davon) und gut schmeckt. Daraufhin Maccaroni Indian Style. Nudeln mit Curry. Scharf und offen gesagt extrem lecker. Daraufhin folgt etwas Obst. Die Mandarine esse ich, die ist geschält. Auf die Weintrauben verzichte ich ganz unauffällig. Den Abschluss macht der unausweichliche Chai. Zur Abwechslung mit Nescafe vermischt. Interessant. Und wieder sehr süß. Mir wird noch ein Geschenk überreicht — ein kleiner Flakon Duftwässerchen. Ich bin skeptisch aber es handelt sich um eine Art Jasmin-Parfum. Extrem wohlriechend. Außerdem eine Kette aus Jade und einige Samen — beides soll mir Glück und ein langes Leben bescheren. Ich bin gerührt.
 
Schließlich unser letzter Auftrag für heute: School campaigning. In der Tat putzen wir Klinken, d.h. wir laufen von Haus zu Haus und stellen GCA vor. Eine Dame, die in der lokalen Bank arbeitet und quasi jeden kennt, bringt uns zu den Familien mit kleinen Kindern. Bharat spricht, ich lächele nett und verteile Flyer. Die Situation ist mir nicht angenehm aber ich sehe ein, dass die bloße Tatsache meines anderen Aussehens für Aufmerksamkeit und eine gewisse Attraktivität sorgt. Wenn ich dadurch helfen kann, der Schule mehr Schüler zu bescheren und mehr Kindern eine Ausbildung, dann nehme ich mein Unwohlsein in Kauf. Wir — d. h. Bharat spricht mit rund 20 Vätern und Müttern. Zwei sagen direkt, dass sie ihr Kind einschreiben wollen. Ich hoffe, das wird wahrgemacht. Mir scheint, die Resonanz war gut. Nächste Woche nochmal!

Kleine Randnotiz noch zum Wetter (was wäre ich für eine Deutsche, wenn ich nicht übers Wetter reden würde ;-)): Es war heute sehr warm, deutlich über 20 Grad. Ich habe nach dem Programm herrlich in der Sonne sitzen und durchwärmen können. Ich hatte sogar Zeit für ein kleines Workout auf dem Sonnendeck. Leider hält es noch nicht lang, gegen Abend fallen die Temperaturen wieder mächtig ab. Ich habe inzwischen aber einen Heizlüfter, so dass ich nicht ganz so sehr friere nachts.

Summasummarum — ein schöner Tag!


Republic Day. 1950, on January 26 the Indian Constitution came into effect and replaced the Government of India Act of 1935. After gaining independence from British rule on August 15, 1947 this completed the country’s transition towards becoming an independent republic.

Throughout the nation this event is celebrated. The largest celebration and parade takes place in Delhi. But also in the countryside people’s patriotism and pride shows. For the first time since I came here the village is actually busy. As early as 8:30 a.m. (at least for me that’s early) we were on our way to school and people were bustling around everywhere. Many children wear caps in the country’s colors (orange, green, white) and carry small flags. Surprisingly also in GCA many students have already arrived. On lesser days they are not exactly famous for their punctuality.

Arrival Aditi. Definitely she is our patriot no. 1 today. Besides wearing an India-cap she sports small India-stickers in her face. She’s perfectly dressed. Most children can compete however. Caps, flags, pins, stickers… they are all dressed up and wear their warm sweaters underneath the uniform for a change. Many bring flowers that will decorate a small table with pictures of the goddess of education, the first prime minister Nehru, and the freedom fighters Mahatma Ghandi and Dr. B. R. Ambedkar. We also light incense. I may do this. Lots of pictures are taken.

The official program starts with the assembly. All the children line up neatly, according to size and with an exact distance to each other. Only then the flag will be hoisted. A round of applause. Together everyone sings the national anthem.

The children go to their classroom and rehearse their performances one last time. A few parents came. We invited all. First, only two fathers. There are going to be five later. Four mothers. There are some 95 students. I think it’s sad that parents take so little interest in the school life of their children. Bharat, founder of WWO, already told me that most parents think that their duty is done by paying the tuition fees and that they hold the school responsible for everything to do with the education. I heard a similar discussion in Germany… but I’ve yet to see a mother who wouldn’t give standing ovations for her child’s performance or much less miss it. Well, one more thing to do for WWO. We have already created a „guidelines for parents“ document — change of behavior doesn’t happen over night!

Surprisingly we start at 10 a.m. — on time. Many children have prepared poems or sing songs. Some dance. Little Bollywood queens. Two groups perform some acting. Sadly, I can only make out single words but cannot understand the meaning. Still it’s heartwarming to see how much effort even the smallest put into this. The older girls repeatedly steal a glance whether I applause. I do. Frenetically! It’s all a big chaos but somehow everyone has his/ her 5 minutes of fame (I know it’s 15, but here we didn’t have that much time ;-)) and in the end everyone looks happy.

Next topic on our agenda is the kick-off of our nutrition program. A balanced and healthy diet is not followed everywhere in this area (as if it was in the Western world…). Mostly it’s due to a lack of knowledge rather than not being able to afford food. That’s why WWO has planned this initiative to give extra fruit to the students once a week. Originally distributing milk was also part of the program. You may argue about whether cow’s milk is something humans should consume or not — this is not and issue in India. The problem, however, is that the need amount of milk isn’t always available. What happens? The milk will be diluted. Usually with water. And since water is often contaminated, this is a health risk that WWO does not want to take. Thus, no mild. Today we have banana. Next week we’ll see what is available.

Before distributing the fruit Bharat holds a small presentation about the 3 pillars of a healthy lifestyle: nutrition, hygiene & sanitation, exercise. We cannot use the PowerPoint presentation I prepared, because we do not have a projector. I want to mentioned that I haven’t been too stupid to take this into account — therefore I prepared the information on A3 paper and had it also translated by one of my colleagues. Who would have thought that I am such a creative person? Cross-check: who brushes his teeth with mud? — we get confused looks. I would have loved to do this presentation myself — I so much enjoy working with the children. Another moment of who-would-have-thought. Unfortunately we couldn’t get the message through in English. However, I can distribute the bananas. And keep smiling.
End of program. The children go home, happy and laughing.

For us the next stop is the house of one father who wants to cooperate with the school. His daughter is already enrolled and since he does not have any more children he wants to adopt one or more future students to pay for their education. Isn’t this great?! He is a jewellrey shop owner and seems to be quite a wealthy man. His wife prepared a couple of snacks — they want me to take as many different impressions on India’s cuisine as possible. The first one, some berry jam that taste a lot like the medicine Vidhi gave me back in Delhi, does not exactly tickle my taste buds. Then peas, always welcome. Followed by sweet potato, slowly cooked with lots of sugar cane (as if sweet potato didn’t have enough sugar already). It tastes nice. The best are maccaroni Indian Style — basically maccaroni with some curry spices. Spicy and yummy. Next, fruit. I taste the orange which is peeled, and skip the grapes. Last comes chai — mixed with nescafe for a change. Interesting. And sweet. Finally I receive a small present — a jasmine scented perfume, a jade necklace and some seeds that are supposed to bring me luck and a long life. How sweet is this?!!

Finally we started our last — and most important — task for the day. Walkt he village for school campaigning. We were accompanied by a lady who works in the local bank and who knows all the families with small children. So we walk from door to door and present GCA. Actually, Bharat presents, I keep smiling and hand over brochures. I feel uncomfortable but I understand that my presence, my different looks attract some attention. If this helps to bring more children to the school and school to more children, then I can bear a little discomfort. We, well Bharat, talk to some 20 parents. Two directly tell us that they have already planned to enroll their children to our school. Hopefully this will come true. To me this seems like a successful campaign. We’ll do it again next week.

By the way, a note regarding the weather: today it was very warm, well above 20 degrees. After the day’s work I spent some leisure time reading in the sun. I also did a small workout on the upper roof top. Temperatures still drop sharply in the night though. By now I have a heater so that I am not that cold anymore at night.

In a nutshell — this was a nice day!

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