Buch: Ai Weiwei Spricht

Ich habe ein Buch seiner Interviews gelesen und hier sind meine Gedanken darüber.

Als mein Vater auf Besuch nach Wien gekommen ist, wollte er unbedingt die Sonderausstellung von Ai Weiwei im 21er Haus und beim Garten Belvedere besuchen. Meine Eltern sind Ai Weiwei Fans und haben eine seiner Ausstellungen in London gesehen. Ich habe mich nie mit seiner Geschichte oder seinen Werken beschäftigt, habe aber gewusst, hier kommt doch was wichtiges. Im 21er Haus habe ich mir dann eine Sammlung von Gesprächen mit Ai Weiwei gekauft, die der Schweizer Kuratoren Hans Ulrich Obrist von 2006 bis 2010 geführt hat.

Es wurde im Buch von vielen Kunstwerken von Ai Weiwei gesprochen, davon erscheinen keine Bilder im Buch; daher muss man sich einbilden, wie die ausschauen können. Auch wiederholt sich einiges durch das Buch, weil Obrist einige Fragen zu verschiedenen Zeitpunkten dem Ai stellt. Manchmal ändert sich die Antwort.

Was mögen Sie nicht?
Wiederholung.

Erstens, Ai Weiwei hatte einen Blog, bis diesen 2009 von der chinesischen Regierung versperrt wurde. Das war aber nicht nur ein Blog; darauf hat er zehn tausende Fotos zugunsten über 4 Million Besucher gepostet. Es ist schon zur heutigen Orthodoxie geworden, das Internet sei eine Schrottmanufaktur ersten Ranges — was auch stimmt — aber Ai sieht es komplett anders. Daher ist er praktisch von seinem Blog besessen.

Die Internettechnologie ist zu einer wichtigen Möglichkeit geworden, um die Menschen aus alten Werten und Systemen zu befreien, etwas, das bisher noch niemals möglich war.

Im Kontext der harten Zensur von der chinesischen Regierung scheint der Drang nach Selbstentfaltung noch wichtiger zu sein, wofür das Internet Freiraum anbietet. Außerhalb China ist die Notwendigkeit der Selbstentfaltung noch allgegenwärtig. Wir erfahren die Ära von Pay-Per-Click, wo jede Zeitung verwandelt zum “Content Distributor”. Um die wichtigste Musik der Zeit hören zu dürfen, muss man 15 Euro an Apple zahlen. Es tobt bei mir die Zwiespalt. Aber dann, ich stelle diesen Text im Internet, also…ja.

Der Ai Weiwei nimmt Veränderung offen an. Als in Kassel seine Freiluftskulptur von einem wuchtigem Sturm zerstört wurde, so war seine Reaktion:

Nachdem das Ganze zerstört war, habe ich es mir angeschaut und gedacht, das sieht doch wirklich hübsch aus: “Stellen wir es doch so aus”, habe ich gesagt, und wir entschieden, es nicht anzurühren. Nur die Postkarten haben wir neu gedruckt.

Auch, er erlaubt nachts acht Katzen Modelle in seinem Architekturbüro kaputt zu machen. Ich kann mich noch erinnern, als ich in der Technikklasse in der Schule war, hat der Lehrer uns gefragt, was zu entwerfen und dann zu zerknittern. Ein Mädchen konnte das. Einfach. Nicht. Tun.

Was mich sehr beeindruckt ist, Ai kümmert sich nicht um was nicht wichtig ist — und er kümmert sich um was wichtig ist. Wie er redet, scheint es seine Absicht nicht zu sein, der Regierung zu provozieren; er muss aber machen was gemacht gehört.

Wenn es ein Problem gibt, kann die Polizei gerne zu mir kommen. Ich werde ihnen meine Position ausführlich erläutern und die Konsequenzen tragen. Aber die bloße Tatsache, dass es gefährlich ist, reicht nicht, um mich davon abzuhalten.

Erst nachdem das Buch veröffentlicht wurde (es gibt ja viele Bücher über Ai Wei Wei), wurde er wegen politisch motivierten Vorwürfen verhaftet. In Untersuchungshaft war er ununterbrochen rund um die Uhr von zwei Wärter beobachtet — auch beim schlafen und als er auf die Toilette gegangen ist. Das war eine Ausübung des psychologischen Drucks. Mein Vater hat eine seiner späteren Ausstellungen in London besucht. In Miniaturform war die Erfahrung abgebildet: durch jedes Fenster eines Puppenhauses war Ai Weiwei mit seinen zwei Wärter in verschiedenen Szenarien zu sehen.

Vor allem bewundere ich bei Ai Weiwei die Stärke nicht zu beugen, besonders wenn es sich um wichtiges handelt. So könnte man verstehen: man schafft für sich die ultimative Freiheit, indem man um der Freiheit anderen willen vor nichts fürchtet.

Zum Schluss würde ich gern ein Zitat vom Buch ergänzen, das mir sehr gefallen hat. Es herrscht überall die Meinung, dass der einzelne Mensch wenig Macht hat, etwas zu bewirken, und wenn schon, dann nur temporär und von geringer Bedeutung. Das kann aber nicht stimmen. Es ist zu leicht und zu faul und es schmeckt nach Unwahrheit. Ai sagt wie folgt:

Tatsächlich sind wir ein Teil der Wirklichkeit, und wenn wir das nicht erkennen, sind wir völlig verantwortungslos. Wir sind produktive Wirklichkeit. Wir sind die Wirklichkeit, aber dieser Teil der Wirklichkeit bedeutet, dass wir eine andere Wirklichkeit erzeugen müssen.