Eskalation um jeden Preis?

Es mag wirklich vorbildlich und mutig erscheinen, wie die Niederlande auf die plumpen Angriffe aus der Türkei reagieren. Und man kann diese Reaktionen auch zweifelsohne verstehen. Allerdings kann man sich im Vorfeld schon überlegen, dass ein Regime, wie es unter Erdogan geführt wird, immer nur mit zwei möglichen Antworten umgehen kann: Klare Zustimmung oder klare Ablehnung. Im ersten Fall fühlt sich das Regime bestätigt und muss keine Opferrolle einnehmen. Im Zweiten Fall gibt es die totale Eskalation, weil man das Opfer ist bzw. sich als solches darstellen kann. Erdogan ist kompromisslos, kritikunfähig und selbstverherrlichend: Denkbar ungeeignete Eigenschaften, um Demokratie zu leben. Aber auch denkbar ungeeignete Eigenschaften, um das Ausmaß einer möglichen Eskalation im Vorfeld annähernd einschätzen zu können. Die Niederlande machen da nun ihre Erfahrungen mit. Das hätten wir auch durchmachen müssen, wenn wir nicht besonnen und vor allem gelassen auf diese Anschuldigungen reagiert hätten. Tugenden dieser Art scheinen vielen politisch Verantwortlichen mittlerweile einfach fremd oder gar abhandengekommen zu sein. Wahrscheinlich muss sich Erdogan mit der nahezu nicht vorhandenen Reaktion der Bundesregierung sehr viel mehr beschäftigen als mit der Variante der totalen Eskalation. Wahrscheinlich bringt ihn das innerlich zum Platzen. Lasst ihn doch schimpfen wie er will. Man kann Veranstaltungen für die türkische Wahlpropaganda offenbar auch anders unterbinden — und zwar ohne die ganz große Eskalation. Soll er uns als “Faschisten” bezeichenen. Wir wissen doch, dass wir es nicht sind. Und er weiß das auch. Und alle anderen wissen das auch.

Und dem Türkischen Volk würde ich am liebsten einen Satz von Dylan Thomas mit auf den Weg geben: “Geh nicht so fügsam in die dunkle Nacht…”, liebe Türkei. Ich gehe jetzt zum #PulseOfEurope. Schönen Sonntag noch.

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