“Die armen Araber” — Ein Märchenversuch

Meine Nichte ist noch zu jung für Gutenachtgeschichten. Momentan muss man ihr den Bauch kraulen, während sie grinsend wiederholt: „Ariella doesn´t sleep.“ Das hat sie im Urlaub aufgeschnappt. Ihr Chinesisch ist ähnlich kreativ. Sie ist zwei, und der beste Mensch auf Erden.

Irgendwann wird sie Geschichten vor dem Einschlafen hören. Weil mir bei der Durchsicht von Märchen erneut auffiel, wie brutal diese sind, habe ich ihr hier eine eigene kleine Geschichte geschrieben. Ähnlichkeiten zu realen Begebenheiten sind beinahe zufällig.

„Leg dich hin, dann erzähl ich dir deine Geschichte. Also, es war einmal ein Mädchen, das wohnte an einem schönen Ort. Meer, Hügel, die Sonne schien warm vom Himmel. Das Mädchen hatte liebe Eltern und Grosseltern, es ging ihr richtig gut. Am liebsten spielte es im Sandkasten hinter dem Haus, genau so wie du, meine kleine.

Allerdings gab es ein Problem. Das Nachbarsmädchen wollte nicht mitspielen. Sie hatte immer wieder gefragt. Sie meinte, das ginge nicht. Stattdessen zerstörte sie ihr die Sandburgen, wenn das Mädchen nicht aufpasste. Oder warf mit Steinen über die Hecke. Einmal hatte das Mädchen deshalb eine richtige Beule am Kopf. Das tut weh, gell?

Die Eltern des Mädchens wollten mit den Eltern der kleinen vom Nachbarshaus sprechen. Die aber nahmen ihre Tochter in Schutz. Sie sollten doch besser wegziehen, sie hätten hier nichts zu suchen. Die Eltern verstanden nicht. Sie wohnten schon lange da, in dem Haus wohnten drei Generationen. Oma und Opa hatten zwei Zimmer unter dem Dach.

Als das Mädchen wieder einmal im Garten war, flog ein weiterer grosser Stein in ihre Richtung. Diesmal hatten die Eltern des Nachbarsmädchens geworfen. Die Eltern versuchten nochmals, mit den Nachbarn zu reden. Diesmal zusammen mit einer dritten Person, die helfen sollte, den Streit zu lösen. Du kennst das, wie bei euch im Kindergarten manchmal, nur für Erwachsene.

Auch das half nicht. Die Nachbarn wollten erst aufhören, wenn das Mädchen mit seiner Familie an einen anderen Ort gezogen wäre. Aus Angst bauten die Eltern der Kleinen einen hohen Zaun. So hoch, dass keine Steine mehr in den Garten geflogen kamen. Die Nachbarn konnten nicht so hoch werfen. Von nun an spielte das Mädchen alleine im Sandkasten. Manchmal flogen noch Steine aussen gegen den Zaun. Oder sie hörte die Nachbarn laut über sie fluchen. Aber man konnte ihr nicht mehr weh tun.“

„Aber Onkel, haben Gutenachtgeschichten nicht ein Happy-End?“

„Tut mir leid, ist nicht die beste Geschichte, die es gibt, stimmt. Aber für das Mädchen ist dies wahrscheinlich das bestmögliche Ende. Manchmal fliegen Steine, manchmal wird laut geschimpft. Aber zumindest tut ihr niemand mehr etwas.“

PS: So, liebe erwachsene Leser. Und wer findet jetzt, die Palästinenser würden sich nur mit „ihren Mitteln“ gegen eine „Besatzung“ wehren, wenn Raketen auf Zivilisten geflogen kommen? Oder eine jüdische Familie in Jerusalem niedergestochen und getötet wird, unter Applaus der umstehenden Araber? Oder dass „Mauern keine Lösung sind“? Ich frag´ ja nur.

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