Auf der Flucht

Rumänien in den 80er Jahren: Das kommunistische Regime um Diktator Nicolae Ceausescu hat das Land in seinem eisernen Griff; jeder hat einen Arbeitsplatz, aber wenige haben Arbeit. Die Regale in den Läden bleiben immer öfter leer, die Sicherheitspolizei Securitate sorgt für die totale Überwachung. Familien können sich in den Rathäusern der größeren Städte jede Woche Essensmarken abholen, die den Bedarf an Grundnahrungsmitteln decken sollen. Wenn sie diese einlösen möchten, stehen sie jedoch oft vergebens in den Schlangen vor den Lebensmittelgeschäften. Einige haben das Glück, ein Auto zu bekommen, aber der Staat bestimmt, wann wer welches Auto fahren darf. Autos mit geraden Kennzeichen während der einen Woche, die mit den ungeraden während der nächsten.

Unter der nationalkommunistischen Politik leiden vor allem die in Rumänien lebenden Minderheiten. Für das Regime, das 1972 mit der schleichenden Romanisierung begonnen hatte, sind sie ein Störfaktor. Offiziell werden die Minderheiten zum Bleiben aufgefordert. Inoffiziell werden sie jedoch benachteiligt, gedemütigt, aus ihren Häusern vertrieben. Besonders betroffen sind die deutschstämmigen Siebenbürger Sachsen, deren Verhältnis zu den Rumänen seit dem zweiten Weltkrieg angespannt war. Einige von ihnen kauft die Bundesrepublik für bis zu 10 000 DM frei, andere müssen Ausreiseanträge stellen, die nur in Ausnahmefällen genehmigt werden. Wer einen solchen Antrag einmal gestellt hat, wird behandelt als wäre er vorbestraft. Die Securitate bespitzelt dann besonders hartnäckig. Die Siebenbürger sind gefangen in einem Land, das so lange ihre Heimat war. Während sich die ältere Generation größtenteils mit dieser Lage arrangieren kann, ist sie vor allem für junge Erwachsene unerträglich. Sie sehen für sich keine Zukunft in Rumänien.

Einer von ihnen ist Helmut Schuster. Nachdem er den Militärdienst abgeleistet hat, spielt er als Profi Handball in der ersten Liga, er verdient nicht schlecht, genießt hohes Ansehen, hat nie ein Problem mit den Rumänen. Weil seine Eltern aber 1970 einen Ausreiseantrag gestellt haben, ist auch er vorbelastet, muss bei Auswärtsspielen jenseits der rumänischen Grenze zu Hause bleiben. Als er die Dreißig überschritten hat, muss sich Schuster überlegen, was er nach der Handball- Karriere machen will. Zwar hat er eine Ausbildung zum Techniker, aber in den Betrieben, die der Staat zuweist, gibt es kaum Arbeit und keine Aufstiegsmöglichkeiten. Für den Siebenbürger ist klar: In diesem Land gibt es keine Zukunft mehr für ihn. So schnell wie möglich möchte er weg, Deutschland wird zu seinem Ziel, seinem „Traumland“. Als er sich zur lebensgefährlichen Flucht entscheidet, ist er bereits verheiratetet und hat einen Sohn. „Das hat mir nochmal extra Antrieb gegeben“, sagt er, „ich wollte nicht, dass mein Sohn mit den eingeschränkten Möglichkeiten des Kommunismus aufwachsen muss“. Die Behörden bewilligen 1985 Urlaub in Ungarn, der damals 31- jährige reist nach Budapest, kauft dort den Pass eines amerikanischen Medizinstudenten. Mit dem Bild auf dem Pass hat er keinerlei Ähnlichkeit, aber er hat 10 000 DM gezahlt, für damalige Verhältnisse immens viel Geld. Es gibt also kein Zurück mehr. Ein Onkel, der bereits in Deutschland lebt, bringt ihn zum Zug. Helmut Schuster versucht, sich dem Foto des Amerikaners anzugleichen und trägt nun eine Halbglatze und ein T- Shirt von den Olympischen Spielen, die im Jahr zuvor in den USA stattgefunden hatten. Als die Kontrolleure immer wieder durch den Zug gehen, konzentriert er sich auf die amerikanische Zeitung, die er mitgebracht hat. Betont lässig zeigt er bei Bedarf den falschen Pass, weder Grenzer noch Zöllner scheinen zu bemerken, dass ihm der Angstschweißauf der Stirn steht.

„Immer wieder hat man von Leuten gehört, die erwischt worden sind. Man hat sie erschossen oder eingesperrt und verprügelt. Als sie wieder aus dem Gefängnis raus sind, waren sie nicht mehr dieselben.“

Hinter der österreichischen Grenze, in Bruck an der Lech, steigt Helmut Schuster aus und ist gerettet.

Auch Renate Stefani wollte weg. Kurz vor dem Zusammenbruch des Ostblocks wendet sich die 25- Jährige an eine Schleuserbande, die sie, ihren Freund und heutigen Mann Georg und ihre jüngere Schwester Margot nach Deutschland bringen soll. Keiner weißvon ihrem Plan, nicht einmal ihre Eltern. Ein Kipplaster fährt sie und etwa dreißig weitere Flüchtlinge in einer mondlosen Nacht im Juni 1989 an die jugoslawische Grenze. Dort werden sie abgeladen und müssen bis zum Morgengrauen durch Schlamm und Wasser laufen. Als es hell wird, suchen sie in einem Waldstück Schutz vor den Blicken der Grenzpolizei. „Wir hatten nichts zu essen oder zu trinken dabei, es war kalt und wir waren hundemüde“, erzählt die heute 50- Jährige. „Eine Frau aus unserer Gruppe war im siebten Monat schwanger, für sie war es besonders hart.“Als sie in der nächsten Nacht den Rest der Todeszone durchlaufen, werden sie in Jugoslawien von den Schleusern in Empfang genommen und zu einer Polizeistation gebracht. Als Strafe für die illegale Einreise stehen ihnen nun zwei Wochen Gefängnis bevor. Männer und Frauen werden getrennt und in Zellen zusammen mit anderen Flüchtlingen und Kleinkriminellen eingesperrt. „Margot und ich hatten Glück und sind zusammengeblieben. Aber als die schwere Eisentüre hinter uns zugegangen ist, haben wir uns Rücken an Rücken auf eine Pritsche gelegt und versucht, uns nicht in die Augen zu sehen, damit wir nicht anfangen zu weinen. Wir wollten stark sein.“

Nach ihrem Aufenthalt im Gefängnis müssen die Geschwister für weitere zwei Wochen in ein UNO- Lager, bevor sie in der deutschen Botschaft einen Antrag auf die Einreise nach Deutschland stellen können. Dort treffen sie auch Georg wieder und fahren mit dem Zug nach Nürnberg, wo sie sich in einem Übergangslager ihre deutschen Papiere holen. „Alle unsere Ansprüche verfielen. Weil wir nicht in die uns zugewiesene Stadt Koblenz ziehen wollten, sondern in den Raum Stuttgart. Mein Mann ist Maschinenbauer und konnte dort leichter Arbeit finden. Mit der Hilfe unserer Freunde und viel Arbeit haben wir es aber alleine geschafft, uns hier etwas aufzubauen“, sagt Stefani. Auch Helmut Schuster findet bald Anschluss. „Ich habe schnell Arbeit in der Firma gefunden, in der ich bis heute arbeite und habe mich durch den Handball auch sehr schnell integrieren können.“Vier Jahre nach seiner Flucht, als Ceausescu vom rumänischen Militär gestürzt wird, können endlich auch seine Frau und Sohn Jens auswandern.

Renate Stefani hat lange gebraucht, um neues Selbstbewusstsein zu entwickeln, lange Zeit hat sie das Gefühl, sie sei nicht gut genug für die Deutschen, nicht gut genug ausgebildet, nicht eloquent genug. Erst mit der Zeit findet sie Selbstvertrauen und ihren Platz in Deutschland.

Heute fühlen sich beide in Deutschland zu Hause. Und doch hat Helmut Schuster vor ein paar Jahren ein Haus in seinem Geburtsort Zied gekauft. „Irgendwie zieht es mich jetzt doch zurück zu den Wurzeln. Ich habe dort einfach eine innere Ruhe, die ich hier nicht habe“, sagt der heute 59- Jährige. „Aber Rumänien ist nicht mehr mein zu Hause, nur ein Ort, an dem ich gerne Urlaub mache.“Auch Renate Stefani war seit ihrer Flucht einige Male in ihrer Heimat.

„Es macht mich schon traurig, dass die alten siebenbürgischen Dörfer heute so verfallen sind, aber man kann die Zeit eben nicht zurück drehen. Und ich möchte auch gar nicht mehr zurück, weil mich nichts mehr mit diesem Land verbindet. Ich habe mich schon immer eher deutsch als rumänisch gefühlt und alle, die mir nahe sind, sind heute hier in Deutschland. In Rumänien sind nur die schönen Jugenderinnerungen.“