600 km Brevet

Christian Timmer
May 23, 2017 · 6 min read

Veranstaltung von ARA Münsterland am 20. Mai 2017, Start um 8:00

Zwei Tage nach dem Brevet habe ich die größten Wunden geleckt und bin wieder in der Lage auf einer Tastatur zu tippen. Meine rechte Hand befindet sich noch in einem permanenten Tiefschlafmodus (zum Glück bin ich Linkshänder), der Allerwerteste tut weh und ein ausgeprägter Sonnenbrand am linken Unterschenkel weiß zu belustigen.

Es begann mit einer Zugfahrt von Essen nach Münster.

@thinkslowly (Andreas Braukmann) am Start getroffen. 1. Mal gesehen!

@hermesmuenster (Michael Hermes) am Start getroffen. Ok, wir hatten uns abgesprochen. Jetzt fahren wir den 300er, 400er und 600er zusammen.

(Dr.) Hermann Lorenz ist wie bei den zwei vorherigen Brevets auch wieder am Start. Es ist unheimlich beruhigend, wenn ständig ein Arzt neben dir rollt.

Nach einer kurzen Anrede von Ben (Veranstalter) ging es um kurz nach pünktlich los. Start und Ziel in Münster. Vorher Wetter- und Windverhältnisse mit Epic Ride Weather gecheckt. Die Aussichten waren super: kein Regen und nur Rückenwind (Achtung: Rundkurs!).

Novum: Der Start war langsam und auch die folgenden ersten Kilometer eher gemäßigt schnell. Das war bei den vorherigen Veranstaltungen anders (wenn sich die Chance ergab, wurde gebolzt). Scheinbar war der Respekt vor dem was vor uns liegt zu groß (heute wird Radsportgeschichte geschrieben…).

Richtung Nordwesten ging es raus aus Münster. Steinfurt. Rheine hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Hier mussten wir 1 oder 2 km auf einer Bundesstraße fahren; der Radweg war für die Gruppe zu klein. Wir fuhren also möglichst weit rechts. Die Personenkraftwagen-Führer verhielten sich so erbarmungslos, dass Adolf stolz auf sie gewesen wäre. Sowas versaut mir komplett den Spaß am radfahren. Rücksichtslos wird man knapp überholt, geschnitten und angehupt. Obwohl man sich 100 m weiter an der nächsten Ampel wiedersieht (also noch nicht einmal Distanz gewonnen). Ich habe mal irgendwo gehört, dass die zunehmend aggressive Stimmung durch die steigende Anzahl von Radfahrern und deren Platzbedarf verursacht wird. Was für eine primitive Haltung. Hat die AfD eigentlich schon vorgeschlagen, den Radverkehr abzuschaffen?!

Erste Kontrolle nach 120 km in Meppen (Esso Tankstelle). Die Gruppe war recht groß und so muss das Tankstellenpersonal ganz schön auf Zack sein, um die herein brechenden Massen abzufertigen.

Weiter Richtung Norden; ab Meppen entlang der Ems. Super schöne Landschaft, Rückenwind und nur Gefälle (im 0,x %-Bereich).

Die Transrapid-Strecke ein Stück begleitet. Eine Woche vor dem Unglück fuhr ich übrigens noch mit einem der Züge.

In Papenburg die Werft von außen begutachtet. Die Ausmaße sind beeindruckend.

Next stop Emden, womit dann auch der reine Nordkurs beendet wäre. Nettes Städtchen, erstmal ins Café gesetzt und ein Tunfischbaguette gesnakt. Auch lecker. Der Griff zum Weizen war so nah und doch so fern.

Wie verlässt man noch mal diesen Pause-Modus?

Ab jetzt hieß es Richtung Osten fahren. Epic Ride Weather hielt sein Versprechen und der Wind kam ab Emden aus Richtung Westen (vom Meer), also wieder Rückenwind (mehr oder weniger). Ostfriesland zeigte sich mit Aurich, Wittmund und Wilhelmshafen. In Wilhelmshafen nächste Kontrolle bei 312 km (m312 geschafft nach 13,5 Stunden, keine gute Zeit. :) ).

Es wurde Nacht, Zeit für einen Mitternachtssnakk bei Mc Donalds. Die Pommes verschwanden ungekaut im Schlund. Big Mac weggesnakkt. Dazu Kaffee und Cola. Das ist das tolle am Langstrecken fahren: man kann essen wonach einem ist.

Ich fahre gerne nachts. Weniger Ablenkung, weniger Verkehr. Dann kann die Strecke auch gerne direkt auf Landstraßen verlaufen. So werden verlorene Meter durch unzüchtige Fressorgien wieder gut gemacht. Und es lief echt gut. Ich fuhr viel vorne. Das Moped röhrte durch die Nacht.

Einen Tag vor dem Brevet hatte ich mir ein ganzes Backblech Reiskuchen gebacken, in Riegelform geschnitten und in den drei Radtaschen verpackt. Lustig, dass ich den Großteil davon garnicht angepackt habe. Ein Paket bestand aus zwei Reiskuchenriegel und wog ca. 300 g. Ich hatte 10 Stk. davon dabei. Die Windjacke, welche ca 150 g wiegt, hatte ich vorsichtshalber wegen Gewicht zuhause gelassen. Dafür hab ich mir den Asch nachts abgefroren, zumindest wenn wir standen oder ich nicht vorne fuhr. Ich war also dazu verdammt vorne Tempo zu machen. Welch ein böser Fluch.

Wie die Dämonenjäger mit rot glühenden Augen jagten wir durch die Nacht (ich hatte tatsächlich rote Augen, wegen Kontaktlinsen zu lange drin…). Ich mag diese Vorstellungen; irgendwie motiviert mich das extrem.

Spotify-Playlist auf den Ohren. Eine recht poppige Playlist mit einzelnen Tracks längst vergessener Boybands. Weil ich zu faul war jeden schlechten Track zu skippen, dachte sich wohl Spotify, dem Junge gefällt das und spielte mehr und mehr Boybands. Irgendwann liefen nur noch Tracks von Backstreet Boys. In den Pausen war ich anderweitig beschäftigt und vergaß eine andere Playlist auszusuchen. Die Dämonenjäger saußten also mit Backstreet Boys auf den Ohren durch die Nacht.

Kontrolle 4 bei 368 km in Oldenburg. Endlich wieder Kaffee und süße Riegel… Das Aufwärmen war super.

Nächste Kontrolle bei 409 km in Delmenhorst. Endlich wieder eine 24h-Tankstelle, wo man sich aufwärmen konnte. Wir fielen dort um 4:00 morgens ein. Die Bedienung enttäuschte auf ganzer Breite: Die nette Dame an der Kasse durfte uns nur von innen bedienen. Die Tore und damit die warmen Örtlichkeiten blieben für uns verschlossen. Vielleicht hätte ich vorher die Kontaktlinsen rausnehmen sollen…

Also weiter durch die mittlerweile aufgehende Sonne. Gegen 7:10 taten wir eine gerade geöffnete Bäckerei auf. Selten haben frisch belegte Brötchen so gut geschmeckt. Die Remoulade tänzelte zwischen den Salatblättern, sodass sich meine Magenwände vor Freude kräuselten. Das Ganze wurde mit frischen Cappuccino garniert. Bei 470 km erreichten wir Kontrolle 6 in Diepholz um 8:15.

Vorbei am Dümmer Meer steuerten wir auf den Teutoburger Wald zu. Jetzt hieß es also nochmal Höhenmeter durch Beinarbeit sammeln. Vorherige Bergwertungen wurden ausschließlich durch kleinere Überführungen und Brücken gesammelt. Ab Bad Essen begann die Kletterei und das Feld wurde separiert (jetzt erst?!). Die Höhenmeter fielen allen sichtlich schwer. Kein Wunder mit weit über 400 km in den Beinen. Trotzdem ließen wir es uns nicht nehmen die Anstiege in frivolen Tempo zu meistern. Hach, endlich mal was anderes als nur flach.

Dann kam irgendwann die letzte lange und echt schöne Abfahrt und wir steuerten auf Dissen zu. Kontrolle 7 bei 545 km. Und hier dann der Supercoup: @kaeterakete begrüßte uns. Sie war so nett uns hier aufzugabeln und den Rest der Strecke zu assistieren, was wir bitter nötig hatten. Endlich eine sympatische Abwechslung, das tat gut.

Mittlerweile glänzten alle verbliebenden Teilnehmer der Gruppe durch ausgeprägte Salzkrusten im Mundbereich und einem männlichen Geruch. In Griechenland hätten sich jetzt wahrscheinlich einige Hunderudel für uns begeistern können.

Die letzten 60 km waren sehr zäh. Motivation war nicht mehr existent und die Landschaft überzeugte durch typisch westfälische Monotonie. Ich war ganz schön angeschlagen. Mir tat alles weh und in der Nacht muss ich mich leicht erkältet haben. Ich war froh den Rest der Strecke überwiegend passiv fahren zu können.

Bei 605 km die letzte 8. Kontrolle in Münster erreicht. Done. Well done nach Netto 23 Stunden. Brutto waren es ca. 31 Stunden, also 8 Stunden pausiert.

Bis zum nächsten Brevet. Ich freue mich schon auf die Gruppe.

Welcome to a place where words matter. On Medium, smart voices and original ideas take center stage - with no ads in sight. Watch
Follow all the topics you care about, and we’ll deliver the best stories for you to your homepage and inbox. Explore
Get unlimited access to the best stories on Medium — and support writers while you’re at it. Just $5/month. Upgrade