600er Ostfalen-Brevet — Das Schweigen der Motten

GAME

Der heutige Brevet am 23. Juni 2018 wird präsentiert von ARA Ostfalen. Der Start morgens um 8:30 ab Warberg (bei Braunschweig) gefällt mir: Bis Sonnenuntergang die Hälfte der Strecke fahren, sollte möglich sein.

Einen Brevet mal zu Ende fahren, das war der Plan für heute. Und wenigstens so tun, als hätte man aus vergangenen Fehlern gelernt. Dieses wie von der Leine lospeitschende ab Start erwies sich beim vergangenen 600er Mitte Mai als unklug. Die ca. 50 Randonneure wurden in drei Gruppen unterteilt und hier traf ich eine Entscheidung, auf die ich im Nachhinein sehr stolz bin: Ich wählte die letzte Gruppe.

SET

Fahrradtaschen sind ein ständiges Thema. Eigentlich habe ich die perfekte Lenkertasche gefunden: eine Ortlieb Ultimate6 S Plus. Geräumig, wasserfest und sitzt bombenfest am Lenker. Problematisch an der Tasche ist nicht die Tasche selber, sondern der Platzbedarf. Navi, Frontlampe und Auflieger haben durch die Lenkerhalterung arge Platzprobleme und es benötigte div. Versuche, bis eine scheinbar brauchbare Lösung gefunden war.

BMC Roadmachine 02 ONE

Nachdem ich die Lenkerhalterung der Tasche etwas nach unten und den Auflieger nach oben richtete, fehlte nur noch eine Befestigung für das Navi und die Frontlampe. Die Barfly 4 TT ist eine Halterung für Auflieger, welche auf der Oberseite Platz für ein Navi und auf der Unterseite dank GoPro-Halterung die Frontlampe aufnimmt.

Barfly 4 TT

Um es vorweg zu nehmen: Die Halterung ist top, mein Taschen-Setup ein Flop. Das Gewicht der Tasche und des Inhaltes führte zu einen sehr unruhigen Lauf der Roadmachine. Das Ganze fühlte sich ganz und gar nicht sicher an. Nächstes Mal wird wieder die Arschbombe hervorgekramt.

Durch die zentrale Position unter dem Sattel fällt das Gewicht nicht ins … Gewicht. Es hat schon seine Gründe, warum sich diese Taschenform so großer Beliebtheit erfreut.

Die Vorbereitung auf den Brevet überraschte mit Horrorgeschichten. Zu dieser Jahreszeit und in dieser Gegend sind die Straßen vor allem Nachts überdeckt mit Insekten des Typs Eichen-Prozessionsspinner.

Von Gyorgy Csoka, Hungary Forest Research Institute, Bugwood.org — This image is Image Number 5371232 at Insect Images, a source for entomological images operated by The Bugwood Network at the University of Georgia and the USDA Forest Service.(cropped), CC BY 3.0 us, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7021924

Der Typus ist ein Nachtfalter aus der Familie der Zahnspinner. Die Brennhaare der Raupe enthalten ein Eiweißgift und werden bei günstiger Witterung durch Luftströmungen über weite Strecken getragen. So weit die Theorie. In der Praxis war mein Freund und Helfer der Regen zur Stelle und verhinderte wohl das Schlimmste. Um ehrlich zu sein habe ich nicht eine Motte oder Raupe gesehen.

GO

Um 8:40 wurde dann auch die dritte und letzte Gruppe losgeschickt und ich setzte mich gemächlich, einer letzten Gruppe würdig, in Bewegung. Und es gefiel mir: kein Stress, weder psychisch noch physisch. Das Einzige was störte war der Regen. Und der Wind. Und die Hügel, mit welchen ich garnicht gerechnet hatte. Fährt man von Westfalen Richtung Nordsee sammelt man im Grunde Minushöhenmeter, da es nur bergab geht. Von Ostfalen Richtung Ostsee verhält sich das anders. Wer hätte gedacht, dass die Ostsee so hoch liegt. Ich stelle mir passend dazu einen Bergsee irgendwo in den Alpen vor…

Am Start im Warberg

Die Strecke führte von Warberg bis Kühlungsborn an die Ostsee und wieder zurück. Die 625 km überraschten mit ca. 2500 hm.

Ostfalen-Brevet 600 km

Go 200

Der Regen und Wind blieben ein ständiger Begleiter. Es regnete die Hälfte der Zeit. Bei km 200 wunderte ich mich über seltsame Abrollgeräusche des montierten Vorderreifens. Die Lösung war einfach: Die Straße war trocken. Das hört sich nun mal anders an.

Noch bei Sonnenlicht erreichte ich Kühlungsborn und damit die Hälfte der Strecke. Die Ostsee zeigte sich kurz am Horizont.

Ostsee

Den Stempel an der nördlichsten Stelle der Route gab es in der obligatorischen Tankstelle. Direkt nebenan war ein Aldi, welcher mir mit seiner Lebensmittelauswahl weitaus attraktiver erschien. Da es 19:40 war und der Aldi in 20 min schloss, musste ich mich beeilen. Und in genau solchen Situationen macht man unüberlegtes. Das Rad stellte ich irgendwie am Eingang der Tankstelle ab und dachte dabei nicht an den Wind. Als ich wieder vor die Tür trat, lag das Rad auf dem Boden, den Kratzspuren zufolge direkt auf das Ultegra DI2-Schaltwerk gefallen. Der Schaltkäfig war verzogen, na super. Man konnte zwar noch schalten, allerdings lief die Kette nicht mehr sauber. Egal, ab zum Aldi und kurz danach zurück auf die Route.

Go 300

Direkt nach Kühlungsborn führte der Track über eine Straße mit Rollsplitt und mir ahnte schlechtes. Meinen letzten Platten hatte ich in Belgien bei einem Brevet ebenfalls auf einer Straße mit Rollsplitt. Und sollte sich die Prophezeiung erfüllen, müsste jede Sekunde … und tatsächlich: der hintere Reifen verlor an Druck. Hätte ich den ersten Flicken auf das Loch und nicht daneben geklebt, wäre ich auch schnell wieder losgekommen. So dauerte das Ganze 30 min.

Und so langsam wurde es Dunkel. Und damit reduzierte sich auch meine Herzfrequenz. Bis km 300 hatte ich einen Durchschnittspuls von 130. Jetzt pendelte sich Puls bei 110 ein. Ganz schön wenig. Wahrscheinlich lag es an dem Wind. Es war zwar immer noch windig, aber jetzt blies der Wind öfter mal von hinten.

Mit der Dunkelheit und dem reduzierten Puls verringerte sich auch meine innere Wärme. Oder anders gesagt: mir wurde kalt. Aber gegen Kälte hatte ich diesmal vorgesorgt. Ich trug bereits ein Baselayer, ein Jersey und eine Regenjacke. Unter die Regenjacke zog ich noch eine dickere Thermojacke an. Dann war ok.

Für solche Veranstaltungen hatte ich mir die Lupine SL A 7 gekauft. Super hell und mit StVzo-Zulassung genau das richtige. Doch warum sich nur über ein defektes Schaltwerk ärgern? Da geht doch sicher noch mehr. Kurz zur Situation: es war stockfinster, es regnete bei 9 Grad und die Straßen waren von bescheidener Qualität. Und genau in so einer Situation verabschiedete sich die Lupine. Es war ihr wahrscheinlich alles zu viel. Warum der Stress, jetzt ist doch eh Schlafenszeit, also schalte ich mich besser komplett ab. Zwei Sekunden vorher blinkte die Statuslampe und dann ging das Licht aus. Irgendwo in der Pampa in Ostdeutschland. die Lupine ließ sich zwar sofort wieder einschalten, allerdings reichte eine leichte Bodenwelle oder Erschütterung, um sie wieder in den Tiefschlaf zu versetzen. Wahrscheinlich ein Wackelkontakt oder ähnliches. Der Service von Lupine ist echt toll und schnell und direkt nach dem Brevet wurde die Elektronik der Lampe anstandslos ausgetauscht. Das brachte mir in der Situation “Fear and Losing in Ostdeutschland” leider nichts. Das Ganze wurde übrigens noch dadurch getoppt, dass der Akku seltsame Sprünge bei der Kapazitätsanzeige machte: Um 2:00 wurden 50% Restkapazität angezeigt; um 2:37 waren es nur noch 20%. Zum Glück reichten die 20% für 3 Stunden bis Sonnenaufgang.

Ich machte innerlich drei Kreuze als es wieder hell wurde. Die Sache mit der Lupine hat mich ziemlich gestresst. Und jetzt zeigte sich auch wieder die Sonne, wie schön. Apropo Schönheit: Das Ostdeutschland an meiner Route hat da seinen ganz eigenen Reiz. Diese kleinen Dörfer mitten in der Pampa sind oft erschreckend verfallen. Es fehlten eigentlich nur die Einschusslöcher in den Wänden, um sich wie in Bosnien zu fühlen. Das hat natürlich nichts mit den Menschen zutun, die dort leben. Die mir bekannten Bosnier und Ostdeutschen sind sehr herzlich und gastfreundlich.

Irgendwo in Ostdeutschland

Go 500

Die letzten 100 km. Meine Energievorräte scheinen jetzt komplett im Keller zu sein. An der letzten Tankstelle hatte ich mir Colaschnüre gekauft. Das sind diese ca. 40 cm langen braunen mit Zucker bestreuten Schnüre, welche sich prima zum Verkleben von Handschuhen, Lenker und Brille eignen. Wie gesagt hatte ich scheinbar meine Glykogenspeicher komplett aufgebraucht. Und wenn diese Speicher einmal leer sind, füllen sich sich nicht mehr auf (zumindest während Belastung). Zugeführte Kohlenhydrate werden nicht mehr gespeichert, sondern direkt zur Verfügung gestellt. In der Praxis bedeutete das: für einen Moment hatte ich keine Power mehr, aß dann eine Colaschnur und hatte dann für ca. 15 min wieder Power. Das wiederholte sich bis alle Colaschnüre verfüttert waren. Im Nachhinein eine interessante Beobachtung.

Go 600

Ab km 600 zählte ich in 500 m-Schritten. Davon gab es ja nur noch 50. Irgendwann gegen 11:00 kam ich dann wieder in Warberg an. Insgesamt hatte ich 17000 kcal verbrannt (34x Tafel Schokolade). Ich war der 4. im Ziel. Es gab sehr viele Abbrüche wegen des Wetters. Mit stolz geschwellter Brust passte ich noch so gerade vor den Frühstückstisch. Vom Veranstalter gab es ein tolles Frühstück. Ich bekam leichte Kreislaufprobleme nach 5 min sitzen. Mein Körper wunderte sich wohl über die fehlende Belastung. Ansonsten wunderte ich mich über den Zustand eines der Veranstalter. Der Mann sah trotz der Tortur aus wie aus dem Ei gepellt. Frisch geduscht und wahrscheinlich schon seit x Stunden am Frühstückstisch sitzend zeigte er keinerlei Ermüdungserscheinungen. Sowas macht einen fertig.

Conclusion

Tolle Veranstaltung. Bei besserem Wetter eine wahrscheinlich noch schönere Erfahrung. Von meinen technischen Problemen möchte ich nicht weiter reden. Das Wetter hatte auch etwas positives: Die zahlreichen Kiefernwälder in Ostdeutschland hätten ohne den Regen wahrscheinlich nicht so intensiv gerochen.

Übrigens hat mich die Bibshorts von Everve wieder nicht enttäuscht. Ich hatte keinerlei Gesäßprobleme. Das war sonst die Körperstelle, welche an eindringlichsten an die gefahrene Distanz erinnerte. Vielleicht liegt es auch ein bißchen an den Brooks C15 oder der Rapha Chamois-Creme. Zumindest hat mein Hintern dank der Chamois-Creme selten so gut gerochen.

Und auch in Sachen Taubheitsgefühle an den Fingern kann ich positives berichten. Die Specialized Body Geometry-Handschuhe in Kombination mit dem Specialized Body Geometry Bar Phat-Lenkerband wirken. Es gibt zwar Taubheitsgefühle, aber nur minimal. Kein Vergleich zu früher.

Der Wahoo Bolt mit der letzten Firmware läuft endlich stabil. Allerdings bedingt durch den Dauerregen wurden die Signaltöne kurzzeitig sehr leise. Als der Regen aufhörte, verflog dieses Verhalten und er piepste wieder mit alter Lautstärke.

Der DI2-Akku war nach den 625 km bei 40%. 974x schalten kosten also 60% Akku. Genug für heute.