Boekelo 600 (partly)

Unsere Geschichte beginnt in dem kleinen verschlafenen Dorf Boekelo in der Nähe von Enschede. Die Menschen aus Boekelo und deren Behausungen erinnern an das Auenland. So zumindest meine Vorstellung. Verifizieren kann ich das nicht, da ich in Boekelo nie gestartet bin <düstere Hintergrundmusik/>.

Boekelo ist seit ein paar Jahren der Start- und Zielort für einen 600 km-Brevet. Organisiert wird der Brevet von @schemerwoude. Als ich die Streckenführung das erste Mal sah, fielen mir genau drei Worte ein: fantastisch. Welch ein Bauwerk. Das Design.

Boekelo 600

Von Boekelo führte die Strecke Über Hamm und Winterberg bis nach Fritzlar. Ab Fritzlar ging es dann wieder zurück nach Boekelo über Paderborn, Salzkotten, Mantinghausen und Oelde. Die Gegend kenne ich sehr gut, bis auf einige Ausnahmen. All diese Orte an einem Stück zu erradeln war für mich der besondere Reiz.

Es gab nur ein Problem: mit öffentlichen Verkehrmitteln ist Boekelo aus Essen nicht kurzfristig erreichbar. Auf eine Übernachtung vorab oder Anfahrt mit PKW hatte ich keine Lust. Den Aufwand wollte ich möglichst in Grenzen halten. Deswegen änderte ich die Strecke: Start und Ziel waren jetzt in Essen. Die geänderte Strecke sollte die selbe Länge wie das Original haben und möglichst der original Streckenführung folgen. Das Ergebnis sah so aus:

Boekelo 600 modifiziert

Wegen der geänderten Strecke fuhr ich natürlich ohne Brevet-Karte. Das spielte diesmal keine Rolle, da ich im Mai bereits im Münsterland einen 600er fuhr.

Ich startete am Samstag, den 26. August 2017 morgens um 8:00, die Randonneure in Boekelo um 9:00. Über kurz oder lang sollte ich so den ein oder anderen Fahrer auf der Strecke treffen. Und das klappte auch, allerdings erst kurz vor Meschede. Der Organisator von Boekelo schleppte sich mit seinem schweren Velomobil den Anstieg Stimm Stamm hoch. Ein Anstieg mit geringer Steigung, aber für die heimischen Gefilde recht lang gezogen. Ich zog gemächlich an ihm vorbei. Das Erfolgserlebnis hielt genau 5 min an: In der folgenden Abfahrt schoss er förmlich mit seinem rotschwarzen Velomobil vorbei.

Trinkwasser direkt aus der Ruhr?

In Komoot hatte ich erst vor ein paar Tagen die Möglichkeit entdeckt, öffentliche und frei erreichbare Trinkwasserquellen anzuzeigen. Das kam mir in Meschede sehr gelegen. Nur wenige Meter entfernt von der Strecke befand sich eine Trinkwasserquelle direkt an der Ruhr. Ob das Ruhrwasser vorher nochmal gereinigt wurde? Ich betete das dem so ist. Gierig füllte ich meinen ausgedörten Körper mit dem kühlen Nass. Die beiden Trinkflaschen natürlich auch.

Es folgte der Anstieg nach Winterberg. Was hatte ich mir im Vorfeld doch für Gedanken gemacht, welche Übersetzung die Richtige für Winterberg ist. Wie sich herausstellte, alles unnötige Panikmache. Natürlich gab es einen Anstieg, jener war aber im unteren einstelligen Prozentbereich. Alles kein Problem. Ein Problem war lediglich mein Wahoo Elemnt. Jener meldete auf dem Weg nach Winterberg “Geringer GPS-Empfang”. Anfangs dachte ich mir, der fängt sich schon wieder. Leider nicht. Nach 10 Minuten schaltete ich das Gerät aus und ein. Danach wurde die Streckenaufzeichnung wiederhergestellt und das Gerät meldete sich hochmotiviert zum Dienst. Ich hätte Militärromane schreiben sollen…

Die Auffahrt nach Winterberg bot einige schöne Aussichten.

Zwischen Meschede und Winterberg

In Winterberg gab es eine Tankstelle und eine nahgelegene MC Donalds-Filiale. Zuerst steuerte ich den MC Donalds an. Auf dem Parkplatz zuckte ich merklich zusammen, als ich das rotschwarze Velomobil von @schemerwoude sah. Wir trafen uns im MC Donalds und verspeisten genüßlich Pommes und Burger. Das Essen werteten wir durch unsere Heldentaten vergangener Brevets auf. Wobei @schemerwoude eindeutig mehr zu bieten hatte: Er absolvierte erfolgreich LEL 2017, was erst wenige Wochen her war. Jetzt habe ich das Finisher-Jersey auch mal in live gesehen; leider nicht an meiner Hühnerbrust. Es war ein nettes Gespräch und bevor ich überhaupt zurück an meinem Rad war, war @schemerwoude bereits über alle Berge.

Cockpit View in Winterberg

Was nach Winterberg folgte, war Neuland für mich. Die Ecke östlich von Winterberg war mir komplett unbekannt. Lediglich am Edersee war ich als pupertierender Sprößling, woran ich mich ungern zurück erinnere (3 Wochen zelten, während zuhause C64 und Floppy wartete). Was soll ich sagen, dieser Abschnitt war besonders schön. Das lag zum einen an den verkehrsarmen Straßen, zum anderen an dem Sonnenuntergang. Es wurde nämlich so langsam Nacht. Besonders die Ecke um die Oerke (Fluss) gefiel mir sehr.

Irgendwo an der Oerke

Gegen 22:30 trudelte ich dann in Fritzlar ein. Kurz vor der Kontrolle (Tankstelle) kam mir @schemerwoude und zwei Rennradler entgegen. Endlich mal andere Teilnehmer. @schemerwoude erzählte mir bei MC Donalds, dass mit mir 22 Teilnehmer unterwegs sind. Die Anzahl von Fahrern kann sich auf der Strecke recht gut verteilen und so war ich über jede Nase froh, die ich traf.

Das Rad der Wahl für die heutige Veranstaltung

Mein Packkonzept war diesmal anders: ich nahm möglichst wenig Zeug mit (beim 600er im Mai hatte ich geschätzte 100 kg Reiskuchen dabei; man will ja vorbereitet sein). Das Taschenkonzept war auch anders: am Lenker eine 3 Liter-Tasche mit Reisverschluss in der Mitte, daneben jeweils ein Foodpouch. Die Taschen am Lenker funktionierten super, störten nicht eine Sekunde. Lediglich die Oberrohrtasche hatte erhöhten administrativen Aufwand. Alle paar Minuten musste man sie neu zentrieren, da sie ständig zur Seite rutschte. Im Wiegetritt rieb man sich zusätzlich die Knie an dem Teil wund. Für das Thema passende Oberrohrtasche scheint es keine Lösung zu geben.

Die Weiterfahrt ab Fritzlar gestaltete sich als dunkel; also so richtig dunkel. Der Himmel war zwar meistens sternenklar. Große dichte Bäume verhinderten allerdings die freie Sicht zum Himmel. In einem kleinen verschlafenen Ort gegen 0:30 in der Nacht wurde ich von einen lauf kläffenden Dackel überrascht. Eine Gefahr ging von dem Hund nicht aus, er trieb allerdings mein Adrenalin ordentlich in die Höhe. Das war für den kommenden Anstieg recht praktisch. Und dieser Anstieg zog sich wie Kaugummi. Kurzzeitige Steigungen im zweistelligen Prozentbereich und dieser super dichte dunkle Wald links und rechts bereiteten wenig Freude.

Um so erfreulicher war es diesen Part geschafft zu haben. Wie ein Phoenix stieg ich aus dem Wald auf und breitete meine 29"-Laufräder aus. Die Foodpouches sorgten für den nötigen Auftrieb.

Der nächste größere Ort war Salzkotten, welchen ich gut kannte, da ich hier ganz in der Nähe aufgewachsen bin. In einem kleinen Dorf mit dem Namen Mantinghausen verzehrte ich meine erste Fleischwurst (mein Patenonkel war Metzger und wohnte direkt um die Ecke).

Fleischerei Timmer in Mantinghausen

Ich fuhr an seinem Geschäft vorbei, welches um 3:30 morgens einen trostlosen Eindruck machte. Lass die Leute besser schlafen, sagte eine gute Stimme in mir.

Und so langsam wurde ich müde. Die Strecke orientierte sich weiter Richtung Westen. Unterwegs trank ich bereits einige Cola (Koffein). Mit Koffein muss ich eigentlich sehr vorsichtig sein, irgendwie hat mein Magen ein Problem mit zu viel davon. Das ignorierte ich natürlich komplett. An einer weiteren Tankstelle kippte ich mir einen Cappuccino in den Rachen, was mir den Rest gab. Mein Magen drehte sich auf links und sagte: Nöh, kein Bock mehr. Ich schaffte es noch bis nach Sendenhorst in eine Bäckerei. @thinkslowly war so nett und gabelte mich hier frühmorgens auf. In dem Moment muss ich wie ein Zombie gewirkt haben. Ich hatte aber nicht vor ihn zu beißen; noch nicht.

Gut, das wars. Nach 1–2 Stunden in der Bäckerei ging es mir wieder so weit gut, dass ich mit @thinkslowly zum nächsten Bahnhof in Drensteinfurt fahren konnte. Immer 480 km geradelt. Ich muss unbedingt mal zum Doc. Diese Art von Koffeinempfindlichkeit ist nicht normal. Im November habe ich einen Termin bei einem Gastroenterologen. Vorher gibts keine 600er mehr. Basta. Ich freu mich schon auf 2018. :)

(Danke an @thinkslowly für den Beistand. Mir gings echt dreckig.)