Wir waren jung und brauchten die Kilometer

Der (Weg zum) Brocken

Der Plan war einfach, wie sich herausstellte zu einfach: @Michael Piechocki und ich nehmen unsere Räder und fahren Rad, ab Essen, als Ziel den Brocken. Das kann doch nicht so schwer sein. Schließlich sind wir beide gestandene Brevetfahrer. Michael sogar noch eine Ecke mehr als ich (1000 km Brevet abgeschlossen).

Den 600er Brevet im Münsterland fuhren wir teils zusammen und haben uns da kennen und … ja, unsere Räder waren sich sympatisch (wir sind verheiratet; er mit Katrin und ich mit Lejla). Und so reifte die Idee für eine gemeinsame Ausfahrt wie eine reife Tomate in unseren Köpfen.

Die Strecke war mit Komoot schnell erstellt: Link.

Am Donnerstag den 13. Juli 2017 trafen wir uns bei mir zuhause in Essen um 6:30 in der früh. 10 min später fuhren wir los, erstmal zum Bäcker um die Ecke. Wenn ich etwas von vergangenen Brevets gelernt habe: Du sollst nicht zu viel Essen einpacken (beim letzten 600er schleppte ich 3 kg Reiskuchen mit mir herum). Ich lagerte die gerade gekauften Backwaren in Michaels Rucksack aus.

Die Fahrt durch das Ruhrgebiet war beschwerlich. Der Berufsverkehr hat wenig Verständnis für Fortbewegungsmittel, welche sich nicht artig im Stau einreihen. Wie toll wäre es, wenn Komoot stark frequentierte Straßen berücksichtigen könnte und je nach Uhrzeit Alternativen einplant. In Dortmund folgten wir dem Ruhrschnellweg auf einem parallel verlaufenden Radweg. Und kurz danach Ruhe. Die Wege wurden schmaler, die Anzahl von Häusern mit Garagenausfahrten und Autos geringer.

Die Soester Börde war angenehm zu erradeln. Auf der B1 machten wir zwischen Soest und Geseke ordentlich Kilometer., Wir rechneten mit einem 25er Schnitt bis Kilometerstand 280. Gegen 19:00 wären wir also in Duderstadt, von wo es noch ca 70 km bis zum Brocken sind. Ab Duderstadt würde sich der Schnitt auf 20 km/h reduzieren, was einer theoretischen Ankunftszeit auf dem Brocken von 24:00 entspricht.

So weit die Theorie. Die Erkenntnis, dass unsere Rechnung (ich formuliere es mal wohlwollend) Mängel hat, kam uns im Kreis Paderborn. Mit dem zusätzlichen Gepäck für solch eine Tour und der bereits ab Paderborn hügeligen Landschaft wären wir um 24:00 niemals auf dem Brocken angekommen. Wahrscheinlicher ist eine Ankunftszeit im Morgengrauen. Das hieße 20 Stunden Hinfahrzeit und genau so lange Rückfahrzeit. Zwei schlaflose Nächte und eine derart anspruchsvolle Strecke hätten uns vor einige Probleme gestellt. Noch dazu waren wir beide gesundheitlich leicht angeschlagen, was man vorher noch super ignorieren konnte, sich jetzt aber mit hohem Selbstbewusstsein bemerkbar machte.

Wir entschieden uns nicht für den einsamen Radlertod im Harz. Unsere Liebsten zuhause waren begeistert. Wir planten für den Rückweg noch einen Schlenker über Paderborn ein und fuhren dann gerade zurück in den Pott (Link zur Strava-Aktivität).

Ich habe jetzt die Erklärung gefunden, warum mir niemand bekannt ist, welche(r) aus meiner Gegend schon einmal zum Brocken gefahren ist: So eine Tour macht man nicht einfach mal so. Bei der langen Anfahrt hätten wir wesentlich früher losfahren müssen (z.B. Donnerstag um 0:00 morgens). Dann bleibt aber das Problem der zwei Nächte ohne Schlaf. Das traue ich mir bei den Höhenmetern einfach nicht zu. Im Münsterland beim 600er war das einfacher. Warum muss das hier alles so kompliziert sein? Eine weitere Möglichkeit wäre, eine Übernachtung in Brockennähe einzuplanen. Allerdings kann es dort oben nachts recht kalt werden, was zusätzliches Gepäck erfordert.

Es gibt einige Möglichkeiten den Brocken doch noch zu rocken. Eine wie anfangs geplante selfsupported Durchfahrt ohne Schlafpause wird es wohl nicht werden. Das ist schade; ich hatte die T-Shirts schon gedruckt.

In der nächsten Zeit denken wir uns einen Plan B aus und versuchen es dann nochmal. Und wenn es dann nicht klappt, ein weiteres Mal. Und wenn sie nicht gestorben sind, planen oder radeln sie noch immer.

Vielleicht sollte ich Märchen schreiben. Oder mit anderen Worten: Ich habe gerade mein ersten Märchen geschrieben.

Zwischen Bochum und Essen an der Ruhr
Me not cycling
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