Was glaube ich?
Valerie
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Hallo Valerie,

ich bin an deiner Bemerkung zu Psychologie hängen geblieben und an dem “Atmoschmarotzer” aus dem Kapitel “Vielleicht fühlen wir …”. Ich glaube, dass Gott und Psychologie zusammengehören. Atmo, Emo, Theo(logie) gehören zusammen, auch wenn viele Menschen (mich eingeschlossen) viel zu rational an den Glauben herangehen.

Natürlich kann man sich auf dem Weg des Denkens Gott nähern — Karl Rahner und Josef Ratzinger aka Benedikt XVI. wären zwei gute Beispiele dafür. Aber meiner Erfahrung nach sind Emotion und Sinnlichkeit — Musik, Gesang, Geruch (Weihrauch!!!), der Kirchenraum — gleichwertige Zugänge. Denke nur an die vielen sog. Naturreligionen, bei denen Ekstase ein selbstverständlicher Weg zu deren Glaubenswelt ist.

Meine Erfahrung ist, dass es ohne Emo nicht geht. Sie sind das Trampolin, dass mich Gott näher bringt. Sie *sind* nicht Gott, aber sie können den Weg zu ihm, in seine Nähe bahnen. Als religiöser Skeptiker (die Ratio und die Widersprüche holen mich auch immer wieder ein) bin ich mir bewusst, dass wir uns Gott nur annähern können, weil er größer und anders ist als alles, was wir über ihn denken, ach nein, nicht völlig anders, aber wir erreichen gedanklich und emotional eben immer nur einen Zipfel dessen, was er ist.

Aber ein Gottesdienst, der mich nicht berührt, eine Predigt, die aus einer Aneinanderreihung von Worthülsen besteht, die nichts mit mir und meinem Leben zu tun hat, lassen mich kalt. Aber manchmal ist es eben ein Lied, mit dem ich etwas verbinde oder wo mich eine Zeile sehr anspricht (“Ich steh’ vor dir mit leeren Händen, Herr” von Huub Osterhuis z.B. oder auch “Meine Zeit steht in deinen Händen” von weiß nicht wem ;-)), die den Gottesdienst retten, die mir eine Ahnung davon vermitteln, dass Gott nicht nur eine in meinen Kopf gesperrte Idee ist.

Aber wie das mit Emotionen so ist, man muss sich auch darauf einlassen können. Kann es sein, dass neben grundsätzlichen Fragen auch deine Rolle als Journalistin für Distanz sorgt? Als Journalistin sollst Du ja aus einer Beobachterperspektive berichten (Ich habe J. Friedrichs Diktum im Hinterkopf, wonach ein Journalist sich nicht mit der Sache gemein machen soll, über die er (sie) berichtet).

Außerdem kannst Du Glaube nicht *machen*. Franzikus auch nicht. Glaube ist immer Geschenk. Geschenk nicht in dem Sinne, dass Gott es einem Menschen verweigern würde — das glaube ich nach allem, was Jesus über Ihn erzählt hat einfach nicht-, aber als Geschenk in dem Sinne, dass es die rechte Zeit, den passenden Moment dafür gibt. Geschenk auch in dem Sinne, dass Gott sich den zu jedem Menschen passenden Weg sucht. Und er ist so verdammt leise und unauffällig dabei. Meine Lieblingsbibelstelle dazu ist 1 Könige 19, 11–13 (Elia am Horeb).

Viele Grüße

Christoph

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