Christian Meyer
Aug 26, 2017 · 3 min read

In seinem Kommentar (“Afrika braucht Kapitalismus”, Die Zeit Nr. 35/2017) schildert Jochen Bittner seine Wahrnehmung, dass konventionelle Weisheiten zur Entwicklung des Kontinents mehr schaden als nutzen. Er bedient sich dabei genau jener Halbwahrheiten, die er selber kritisiert.


Ein digitaler Leserbrief

Herr Bittner, Sie sprechen wichtige Probleme in der Entwicklungspolitik an. Autokratische Regierungen und Korruption verwehren jedes Jahr auf der ganzen Welt Millionen von Menschen lebenswichtige Ressourcen.

Bedauerlicherweise verfallen Sie in Ihrem Kommentar in abgegriffene und einseitiger Klischees zu “Afrika”. Sie verallgemeinern grob über eine Vielzahl von Staaten und circa eine Milliarde Menschen. Zwei spezifische Reaktionen und ein Vorschlag.


Der afrikanische Familienacker

Bei Ihrer Bewertung vom „afrikanischen Familienacker“ liegen Sie leider schlicht falsch. Die meisten Daten aus landwirtschaftlichen Erhebungen zeigen eine negative Korrelation zwischen der Größe der Ackerfläche und Produktivität. Das heißt, dass größere Ackerflächen tendenziell weniger produktiv sind als kleinere. Diese ökonomisch in der Tat nicht intuitive Korrelation zu erklären ist ein aktives Forschungsfeld. Übrigens: Auch wenn Sie nur wenige Traktoren sehen ist es generell nicht richtig, dass afrikanische Bauern nur wenige moderne Produktionsmittel verwenden. Dies stimmt insbesondere nicht für anorganische Düngemittel.

Ein Traktor pflügt ein Feld in Arsi, Oromia, Äthiopien. Bild: IFPRI (via Flickr.com, CC BY-NC-ND 2.0)

Richtig ist hingegen, dass die gesamte landwirtschaftliche Produktion auf dem Kontinent in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen muss und Kleinbauern alleine dabei wahrscheinlich nicht genug leisten können. Das Bevölkerungswachstum erfordert ernorme Verbesserungen in der Produktivität. Riesige landwirtschaftliche Industriebetriebe, wie es sie beispielsweise in Deutschland gibt, einfach in Afrika “nachzubauen” ist allerdings völlig fehlgeleitet. Dies ist vor allem dann gefährlich, wenn Institutionen und politische Einflussnahme den Prozess beeinflussen. Mischlösungen, die Kleinbauern in die Kommerzialisierung einbinden, sind vielversprechender.

Entwicklungshilfe an den richtigen Stellen, beispielsweise in Infrastruktur, kann diese Transformation der Landwirtschaft unterstützen. Unsere EU-Außenhandelspolitik hingegen kann auch nach einigen Reformen diese Transformation noch unterwandern.


Kolonialvergleiche und Klimawandel

Ihre Feststellung das “in weiten Teilen Afrikas” neue Machthaber die Methoden der Kolonialherren “kopierten oder sie noch verschlimmerten” ist — um es vorsichtig auszudrücken — irreführend. Allein im Belgischen Kongo starben 8 bis 10 Millionen Menschen an den Gräueltaten ihrer Kolonialherren. Es ist richtig, dass auch heute noch viele unschuldige Menschen in Konflikten ihr Leben lassen. Aber Ihr Vergleich ist unangebracht: Seit dem Jahr 2000 sind auf dem gesamten Kontinent circa 366,000 Menschen in Konflikten umgekommen (nach Daten des Armed Conflict Location and Event Data Project). Das sind weniger als 4 Prozent der Opfer in einer einzigen Kolonie!

Richtig ist hingegen, dass der Kontinent durch den von uns verursachten Klimawandel besonders gefährdet ist. Millionen von Menschen, im Inland sowie in Küstenregionen, werden ihre Felder nicht mehr bewirtschaften können und ihre Länder aufgeben müssen. In Mosambik könnten bis zu 10 Prozent der Bevölkerung dazu gezwungen sein, wegen des steigenden Meeresspiegels ihre Häuser zu verlassen. Verändertes Klima begüngstigt tropischen Krankheiten wie Malaria, so dass Infektionen deutlich ansteigen könnten. Das sind leider keine Halbwahrheiten, sondern wissenschaftlich-fundierte Erkenntnisse.

Satellitenbild des Irrawaddy Delta in Myanmar. Die fruchtbare Delta-Region ist dicht besiedelt und beliefert das gesamte Land mit Reis. Als im Jahr 2008 Zyklon Nargis das Land überrollte konnten die entwaldeten Ufergebiete den Sturm nicht zurückhalten. Dörfer verschwanden in den Fluten. Der Sturm kostete knapp 140,000 Menschen das Leben. Bild: European Space Agency (via Flickr.com, CC BY-SA 2.0)

Auch hier kann Entwicklungshilfe eine Schlüsselrolle spielen. Weltweit werden Entwicklungsländer Milliarden in die Reduktion von Klimarisiko stecken müssen. Es ist in unser aller Verantwortung, dies mitzufinanzieren.


Mehr Migration, statt “Migrationsursachen bekämpfen”

Statt Migrationsursachen zu bekämpfen sollten wir über neue Ansätze in der Migrationspolitik nachdenken. Statt reißerisch mehr Kapitalismus in Afrika zu fordern, mache ich einen Gegenvorschlag: Entgegen Kritik und Populismus auf der linken und der rechten Seite des politischen Spektrums wäre die beste entwicklungspolitische Maßnahme eine Rücknahme von Einwanderungshemmnissen.

Die gesamtwirtschaftlichen Vorteile wären immens. Es wäre wohl der einfachste Weg, um — wie Sie in Ihrem Kommentar sagen — “den Afrikanern das pluralistische Spielfeld offener Chancen zu bieten, das so viele Auswanderer in Europa sehen”.

Grenzzaun an der Südgrenze der USA. Bild: BBC World Servce (via Flickr.com, used under CC BY-NC 2.0)
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