Der Schuldner vom Bosporus

Yeni Türki Lira (YTL), die neue türkische Lira, sie war lange ein Zeichen für die Stabilität und den Wert der türkischen Wirtschaft unter der Führung des islamisch-konservativen Minister- und später Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Inzwischen aber verliert die türkische Währung an Wert (Stand 9. August 2018 bekam man für 1 EUR gar 6 YTL).

Die türkische Wirtschaft verliert zunehmend an Boden und daran ist — wie auch am Aufschwung —Herr Erdoğan schuld, wenn auch nicht an beiden allein.

Einmischung von oben

Die Einmischung des Staatspräsidenten in die Angelegenheiten der eigentlich neutral agierenden türkischen Zentralbank haben für Verunsicherung gesorgt. Obwohl die Notenbanker höhere Zinsen zur Reduktion der Kreditvergabe anstreben, aber auch, damit die Deponierung von Geld auf türkischen Konten wieder eine interessante Anlagemöglichkeit für Investoren sei, strebt er, der Präsident, niedrige Zinsen an als Gegenteil zum “Übel”, wie er hohe Zinsen bezeichnete.

Doch die niedrigen Zinsen, mit denen Herr Erdoğan liebäugelt, sind absurd. Die Türkei hat ein Problem mit einer zu hohen Staatsverschuldung und einer zu hohen Verschuldung bei Unternehmen und Privathaushalten. Niedrige Zinsen würden die Kreditvergabe eher fördern, da es billiger wäre sich Geld zu leihen. Gleichwohl aber bekäme man als Anleger weniger Geld, wenn man in türkische Anleihen investiere.

Die Zinsen auf türkischen Staatsanleihen sind bereits recht hoch und würden bei einer Einmischung eines Mannes, der offensichtlich panisch oder aber unwissend reagiert, nur noch teurer für den türkischen Staat. Grund: für das größere Risiko will man auch mehr Rendite auf das investierte Kapital haben.

Verschuldung, Kauf auf Kredit

Ein Problem des Währungsverfalls ist, dass sich Importe verteuern und auch Verbindlichkeiten, also Schulden, in anderer Währung. Der oben erwähnte Verfall der Lira hat zur Folge, dass, wenn man am 1. Januar 2018 noch Schulden in Höhe von 100 EUR hatte, was zu der Zeit 455.53 YTL waren, so liegt der Kurs heute bei 639.59 YTL. Die Verbindlichkeiten in heimischer Währung sind somit um 40% gestiegen! Und dies innerhalb von acht Monaten!

Die Verschuldung trifft dabei aber nicht nur normale Unternehmen, unter ihnen auch Autoverkäufer, sondern auch Banken, die darunter zu leiden haben, dass sie nun höhere Verbindlichkeiten haben und entsprechende Sicherheiten vorweisen müssen. Sollte das Vertrauen in die Banken in der Türkei aber schwinden oder gar verloren gehen, dann kann dies zu einem bösen Erwachen führen. Ein Bankrun, also ein Bankensturm, würde davon deuten, dass die Kunden einer oder mehreren Banken nicht mehr trauen und ihr Geld abrufen wollen. Da Banken aber Geld auch weiter verleihen hat man das Geld nicht bereit, um es jedem Kunden auszuzahlen. Ein Grund für einen Bankrun könnte sein: mehrere große türkische Unternehmen könnten zahlungsunfähig sein und könnten ihre Verbindlichkeiten nicht mehr begleichen. Die Finanzinstitute würden einen Default, also einen Kreditausfall erleben. Solche großen Unternehmen könnten Turkish Airlines, Petrol Ofisi oder Tüpras sein.

Die türkischen Privathaushalte sind dabei ebenso ein Risikofaktor, denn diese leben, genauso wie viele Unternehmen und der Staat, auf Pump. Die Privatverschuldung ist hoch, Kredite haben neben steigenden Löhnen das Leben versüßt. Nun aber hangeln sich manche Haushalte von Kredit zu Kredit, um den älteren Kredit abzuzahlen. Doch wenn die Zinsen steigen, die Wirtschaft langsamer oder gar nicht mehr wächst, dann kann die Kreditvergabe sowohl bei Privathaushalten wie auch Unternehmen anders verlaufen, da die Banken nun mehr aufs Risiko achten. Die Folge: es würde endgültig weniger konsumiert, die Binnennachfrage geschwächt. Unternehmen würden zumindest im heimischen Markt weniger Umsatz machen und wahrscheinlich würden dann Arbeitnehmer entlassen. Dies würde aber die Arbeitslosigkeit weiter steigen lassen, die (vor allem unter jungen Leuten) in der Türkei hoch ist (9%). Höhere Arbeitslosenquoten würden aber auch mehr Ausgaben für Sozialprogramme bedeuten, die dem Staat zusetzen können. Es ist korrekt, dass die türkische Staatsverschuldung niedrig ist mit 28%. Dies aber verspricht keine Sicherheit, wie ich am Ende erklären werde.

Inflation

Ein weiteres Problem ist die Inflation. Zwar sank die Inflation von 1998 schon vor Antritt der AKP-Regierung in 2002 von 85.7% auf 44.9% und verharrte dann auf meist 6% bis 7%. Doch sie ist seitdem auf 12% gestiegen. Das heißt, dass bei einer jährlichen Inflation von 12% ein Leib Brot zu 1 Lira zum Ende des selben Jahres 1.12 Lira kosten würde. Die Konsumenten würden verunsichert und könnten in Folge dessen größere Ausgaben — die ja sowieso per Kredit bezahlt würden — zurückschrauben. Das kann einem Abflachen der Inflation zur Folge haben, hieße aber nicht, dass die Menschen dann wieder konsumieren.

Niedrige Zinsen wie von Herrn Erdoğan erwünscht würden die Inflation weiter befeuern, da Geld in die Taschen strömt und Kredite billig sind. Außerdem kann hohe Inflation bei gleichzeitig wachsender Wirtschaft die Schuldenlast reduzieren. Hohe Leitzinsen aber würden Kredite verteuern, könnten den Schwung aus der Wirtschaft nehmen. Ohne Zinserhöhung würde der Spielraum der Zentralbank geringer sein, wenn man bei einer Rezession die Zinsen senken will, um die Märkte zu stimulieren.

Märkte

Eine schwache oder unsichere Wirtschaft, ein unberechenbarer Staatschef können Investoren verunsichern. Da die Türkei viel auf ausländisches Kapital setzt ist es wichtig, dass man eben diese ausländischen Geldgeber auch zufriedenstellt. Doch Angriffe auf bekannte Institutionen, Ausnahmezustände, der Eingriff des Präsidenten Erdoğan in die Notenbankpolitik und der Schwiegersohn als Finanzminister wirken da nicht vertrauenserweckend. Es würde dann, auch zum Beispiel wegen der Angst vor einem Konflikt in Syrien mit türkischen Soldaten, oder vor einem Putsch oder willkürlichen Verhaftungen Gelder abgezogen. Es würden zum Beispiel Wertpapiere veräußert für die Abnehmer gefunden werden müssten und dieser krampfhafte Verkaufsdruck kann auch die Aktienkurse drücken und so auch den Wert aller türkischen Aktien, wenn der Druck außerordentlich groß ist. Auch dies wirkt sich auf die türkischen Unternehmen und Banken aus, denn die Märkte sind auch ein Vertrauensindikator in Unternehmen, vor allem aber auch in die Wirtschaft des Herkunftslandes.

Halb so schlimm?

Ich habe erwähnt, dass die Staatsverschuldung der türkischen Republik gerade einmal 28% beträgt. Doch wovon 28%? Nun, es sind 28% vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) und somit ist die Verschuldung auch von der Wirtschaftsleistung abhängig. Käme es also dazu, dass Unternehmen bankrott gehen, die Haushalte weniger konsumieren, dann könnte das BIP sinken und die Verschuldung stiege, sofern man nicht in der Lage ist, dass man weiter Schulden abbaut.

Eine Wirtschaft, die ein BIP von 100 Lira erwirtschaftet und wo die Staatsverschuldung 20 Lira beträgt, da liegt die Verschuldung bei 20%. Doch schrumpft die Wirtschaft um 15 Lira, dann läge die Verschuldung bei nun 24%. Doch mit Schulden im Ausland können die Verbindlichkeiten noch schneller steigen. Man vergesse auch nicht, dass eine schrumpfende Wirtschaft die Investoren besorgt, die so mehr Geld haben wollen.

Gleiches Szenario beträfe auch die Unternehmen. Man mag gut aufgestellt sein, doch ein oben gezeigter Anstieg von Schulden um 40% kann schnell zu Problemen führen. Vor allem dann, wenn 70% der Schulden der türkischen Wirtschaft in ausländischer Währung, also nicht in Lira laufen. Beziffert wurde dies gar mit 5.5 Billionen US-Dollar. Mit den Schulden wurden dann neue Wolkenkratzer, Shopping Center und mehr gebaut.

Für die Bankinstitute überall auf der Welt ist dies umso schlimmer, denn sie haben in der Boomzeit der türkischen Wirtschaft das Geld verliehen und müssen nun darum bangen, ob sie es denn jemals wiedersehen.

Die Risiken sind aber eben noch höher: 25% der türkischen Staatsanleihen liegen allein in der Hand US-amerikanischer Investoren und gar die Hälfte aller Aktien. Ein Umschwenken der türkischen Wirtschaft zum Beispiel in eine Rezession würde dazu führen, dass die Investoren noch schneller ihr Geld vom Bosporus abziehen und die Aktienmärkte wie auch die Lira weiter an Wert verlieren würde.

Solche Entwicklungen hätten nicht nur negative Auswirkungen auf Kurse, sondern auch auf Menschen. So würde dies die Menschen in der Türkei beeinflussen, die ihren Konsum zurückfahren müssten, die um ihr Erspartes bangen müssten und die eventuell auch ihre Jobs verlören. Auch würde dies zu Problemen für Präsident Erdoğan führen, der seine Popularität vor allem, aber nicht nur, dem wirtschaftlichen Aufschwung des Landes zu verdanken hat. Mit kruden Verschwörungstheorien käme er dann aber nicht davon, denn dem Vertrauensverlust in die Wirtschaft zuvor kam der Vertrauensverlust in die Rechtsstaatlichkeit der Türkei durch willkürliche Verhaftungen, Enteignungen und fehlendem wirtschaftlichen Verständnis durch den Präsidenten selber.

Während die Lage in der Türkei schlimmer werden könnte, so würden Anhänger Erdoğan im Ausland, u.a. in Deutschland, wohl erst später reagieren. Mit einem westeuropäischen Einkommen lebt es sich im Land der Eltern und Großeltern weiterhin sehr gut. Dank Erdoğan.

Nachtrag: Am 12. August um 17:00 betrug der Wechselkurs von Euro nun mehr 7.35 Lira.