Schreiben
Ich habe heute einen Brief bekommen, der mich sehr berührt hat. Zum einen natürlich inhaltlich, aber auch die Form selbst. Und dieser Brief hat mich dazu angeregt über das Schreiben nachzudenken.

Das Schreiben mit Papier und Stift ist etwas, was mir persönlich sehr schwer fällt. Ich habe schon immer schneller gedacht, als ich je schreiben konnte. Insbesondere in der Schulzeit führte das zu kuriosen Dingen, wie zum Beispiel, dass sich bei Klausuren Sätze mischten. Ich schrieb noch den einen Satz und war gedanklich schon drei Sätze weiter. Ich habe das für mich nie so ganz synchron bekommen. Zum Glück gab es ja irgendwann Tastaturen…
Ich bewundere Menschen die mit Papier und Stift schreiben können. Manchmal ist die Schrift so schön, dass ich denke “Was für ein Kunstwerk”. Schreiben mit dem Stift ist für mich so etwas wie Bilder malen.
Das handgeschriebene Wort auf Papier, trägt irgendwie eine andere Emotionalität in sich. Vielleicht ist es aber auch nur eine emotionale Interpretation, denn es würde ja im Umkehrschluss bedeuten, dass das getippte Wort eine Banalität ist. Und das mag ich so nicht stehenlassen.
Worte sind für mich eine Auseinandersetzung mit etwas oder jemanden. Sie sind mein persönlicher Ausdruck wie ich zu etwas oder jemanden stehe und sie können auch Ausdruck von meinen Empfindungen und Emotionen sein.
Und damit offenbart sich auch der Unterschied zwischen dem Schreiben und den Worten.
Denn Schreiben ist eine Technik, Worte sind Ausdruck. Tippen ist auch eine Technik um Worte auszudrücken, ebenso wie das Sprechen.
Manche behaupten ja, dass das Schreiben mit der Hand die höchste Form der Kulturtechnik sei. Ich halte das für ziemlich abwegig. Erstens entwicklen sich Kulturtechniken weiter. Das Handschriftliche zur höchsten Form zu deklarieren, ist ungefähr so als wäre das Einmeisseln von Buchstaben in Stein noch das non plus ultra. Zweitens ist es eine Irreführung des Begriffs der „Kulturtechnik“, denn es sind Interaktion, Kollaboration und Teilhabe die Kulturtechnik auszeichnen.
Ich glaube niemals zuvor hatten wir so viel Interaktion, Kollaboration und Teilhabe, wie mit den heutigen technischen Möglichkeiten…
Was aber macht nun das handgeschriebene Wort für uns so besonders? Ich glaube es ist das Innehalten, was es erfordert. Wir leiten daraus einen Wert ab, wir nehmen uns Zeit für etwas oder jemanden.
Und wir lernen damit angeblich besser.
Jetzt mag man anführen „Ja aber, es ist doch wissenschaftlich in epischer Breite belegt was das Handschriftliche in unserem Gehirn macht“. Richtig.
Aber es ist mal zu klären was „gutes lernen“ ist und was das Tippen in unserem Gehirn im Lernprozess macht, denn das getippte Wort erlaubt es uns lediglich Querverweise abzuspeichern, letztendlich haben wir so aber viel mehr Wissen verfügbar, als wenn wir uns alle Worte merken würden.
Ist das wirklich nachteilig?
Lernen ist in erster Linie eine tiefe Auseinandersetzung mit etwas. Ich denke es liegt eher an unserem Verhalten ob wir lernen oder nicht. Wenn wir etwas mit der Hand schreiben, dann nehmen wir uns bewußt Zeit für eine Auseinandersetzung, die wir uns sonst nicht nehmen.
Daher denke ich ist es nicht entscheidend ob man etwas mit der Hand schreibt oder nicht, sondern ob man sich Zeit für das Denken und Auseinandersetzen nimmt. Unsere Wirklichkeit lässt uns dafür kaum noch Zeit, nicht umsonst ist das Thema „Deep Thinking“ momentan bei allen Managern omnipräsent.
Ich habe heute sehr viel über den handgeschriebenen Brief nachgedacht, unter ganz unterschiedlichen Gesichtspunkten und ich habe da sehr viel für mich mitgenommen. Auch diesen getippten Text und die damit verbundene Auseinandersetzung.
PS: Ich freue mich natürlich weiterhin über handschriftliche Kommunikation, denn wie ich erwähnte sind es für mich auch immer kleine Kunstwerke.
