Wenn die Dämme brechen
Vor der Gruppentherapie fragte ich mich noch allzu oft, ob ich mich überhaupt öffnen könnte vor anderen, ob ich es überhaupt “wagen” würde, meine Stimme zu erheben, mich aktiv zu beteiligen. Ganz zu schweigen von wirklichen Gefühlen wie Zorn, Trauer und Enttäuschung.
Aber nun bin ich schlauer. Und nasser. Heuli eben.
Im Einzelnen kann ich gar nicht mehr genau sagen, was die Auslöser waren. Ich weiß nur, dass unfassbar viel Trauer und Enttäuschung in mir ist, die anscheinend raus möchte. Es ist, als bahne sich die Depression immer mehr ihren Weg, denn seit dem spüre ich sie stärker, empfinde ich Emotionen direkter. Eher die dunklen Seiten des Lebens zwar, aber immerhin finde ich so mehr zu mir und habe so weniger Chancen, mir etwas vorzuspielen.
Das muss ich schon jedes Mal nach der Therapiestunde, um im Alltag bestehen zu können. Es ist eine der größten Herausforderungen und sicher ein schmaler Grat zwischen Engagement und Selbstaufgabe. Aber genau das ist ja der Punkt: Man zieht sich emotional zurück, um nicht anzuecken, um nicht aufzufallen, um nicht als “schwach” und “hochsensibel” aufzufallen. So spielt man nicht nur anderen etwas vor, sondern am meisten und schlimmsten sich selbst.
Nur wie sollte es anders sein, bei all der emotionalen Kälte und “survial of the fittest”. Jeder versucht, irgendwie durchzukommen. Wer will schon, dass sein Arbeitgeber weiß, wie zerbrechlich man ist, wie sehr man mit dem Leben zu kämpfen hat und sogar an Aufgabe denkt.
Ich weiß jetzt auf jeden Fall, wie wichtig es ist, sein Herz nie außer Acht zu lassen und es vor allen Dingen auch zu kommunizieren, andere an den Gefühlen teilhaben zu lassen, so sehr man sich auch verletzbar macht.
Es ist der einzig gesunde Weg.
Alva Noto & Ryuichi Sakamoto — Logic Moon (beim Schreiben gehört)
