Selbstoptimierung vs. Selbstverleugnung

Warum Persönlichkeitsentwicklung auch immer schmerzhaft ist

Da steht er nun vor der Türe: März 2019. Und mit ihm 31 unverbrauchte Tage, um das Beste aus ihnen rauszuholen und den Zielen, die man sich zu Jahresbeginn gesetzt hat, wieder ein Stückchen näher zu kommen. Der März ist ein besonderer Monat, denn mit ihm endet auch das erste Quartal des Jahres. Ein Meilenstein sozusagen.

In den kommenden 31 Tagen möchte ich mich komplett vegetarisch ernähren und auf jegliche Süßigkeiten verzichten. Außerdem möchte ich mir täglich selbst zubereitetes Essen mit zur Arbeit nehmen. Das hört sich eigentlich gar nicht so schwierig an, möglicherweise sogar banal. Und dennoch weiß ich, dass ich damit sicherlich an dem ein oder anderen Tag zu kämpfen habe. Eigentlich könnte man ja auch einfach alles so lassen wie es ist, denn das Alte muss ja nicht immer schlecht sein…..

Aber klar werde ich es schaffen, denn ich weiß ja warum ich mir diese Ziele gesetzt habe. Mich immer wieder vor kleinere Herausforderungen zu stellen und zu challengen — daran habe ich mittlerweile echt Spaß gefunden. Vor allem, weil ich gesehen habe, dass es mich weiterbringt. Egal ob es in Hinblick auf Durchhaltevermögen, Willensstärke oder Disziplin ist.

Aber was eigentlich, wenn dieses >>Warum<< gar nicht mehr so klar ist? Wenn es verschwimmt? Und wenn all der Hustle es plötzlich doch nicht mehr so erstrebenswert erscheinen lässt?

Immer höher hinaus, auf dem Weg der Selbstoptimierung

Ich scrolle mich durch Social Media und finde ein Visual Statement nach dem nächsten, das mir Tipps zur Selbstoptimierung mitgibt.

“Find your Why — und dann arbeite nur hart genug, dann kannst du alles erreichen.”

Auch wenn ich mir all die Podcasts anschaue, die wie Pilze aus dem Boden schießen — so viele drehen sich darum, noch besser zu werden. Um Persönlichkeitsentwicklung, dem Streben nach … nach was eigentlich? Nach Perfektion? Doch ist es auf der anderen Seite nicht auch tierisch verpönt, wenn Menschen sich so dermaßen “mit sich selbst” beschäftigen?

Vielleicht ist dieser ganze Hype um Persönlichkeitsentwicklung ein aktueller Zeitgeist. Trotzdem glaube ich daran, dadurch seine Stärken noch weiter auszubauen und vor allem achtsamer im Umgang mit sich selbst zu werden. Ich als Workholic steigere ich mich gerne in Dinge rein, klappe den Laptop erst zu, wenn ich das geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe. Und wenn ich nicht auf mich selbst aufpassen würde, würde ich während solcher Phasen weder essen noch trinken!

Was man bei all der Optimierung aber immer wieder im Hinterkopf haben muss ist: Man kann nicht immer perfekt sein. Es ist kein Weltuntergang, wenn man ein Ziel mal nicht erreicht hat. Oder wenn man in einem Moment einfach nicht mehr Prellbock sein kann, sondern wie ein Kartenhaus einklappt.

Und genau darüber erzähle ich euch heute eine persönliche Anekdote.

Man kann nicht immer nur perfekt sein

Erst neulich hörte ich, dass man sich hinter meinem Rücken fragt, wann die Steffi eigentlich all ihre Artikel schreibt. Unterschwellig schwang da natürlich der Vorwurf mit, dass ich das sicherlich während der Arbeitszeit machen würde.

In den meisten Momenten stehe ich über solche Aussagen drüber und habe mir ein dickes Fell zugelegt. Heutzutage bin ich da ganz pragmatisch und sachlich unterwegs: Ich weiß, wann ich sie schreibe. Und sollte das nicht eigentlich reichen?

For the records: Meistens schreibe ich sie Samstags Morgens, während ich auf meinem gelben Sessel in der Bücherecke sitze. Hin und wieder auch mal an einem Sonntag Abend.

Ja, ich bin ein Nerd und hänge auch in meiner Freizeit ständig am Rechner. Warum? Weil ich das Internet liebe, weil ich Social Media liebe, weil ich es liebe, meine Gedanken aufzuschreiben. Weil ich mich für Trends interessiere und immer auf der Suche bin. Weil mich so vieles, was ich aufschnappe neugierig macht und inspiriert. Weil ich wissensdurstig bin. Weil ich übersprudle vor Ideen und ich sie mir notiere, damit sie mir nicht entgleiten. Und damit will ich mich überhaupt nicht selbst loben, vielmehr ist es manchmal sogar lästig. Da ich weiß, dass ich nicht mal einen Bruchteil davon umgesetzt bekomme. #Fokussierung

Hinzukommt: Ich liebe es zu netzwerken und investiere ganz schön viel Freizeit darein, mich mit Menschen zu treffen, die mir andere Blickwinkel aufzeigen und von denen ich Neues lernen kann. Oft bin ich zwei, drei Mal abends unter der Woche auf irgendwelchen MeetUps, Treffen oder Events — und berichte davon auf Social Media. Weil es mir Spaß macht und ich die Erkenntnisse mit meiner Community teilen möchte! Vielleicht sogar, um Menschen zu inspirieren, sich auch mal aus ihrem Schneckenhaus heraus zu wagen und auf Expedition zu gehen!

Doch wem muss ich das beweisen? Ich habe nicht den Anspruch, von jedem gemocht zu werden. Manche sagen mir sogar nach, ich wäre total stark und solche Situationen würden an mir mit Leichtigkeit abprallen. Manche würden mich vielleicht sogar als distanziert und sehr rational empfinden.

Je mehr ich mich mit Persönlichkeitsentwicklung und Selbstreflexion beschäftigt habe, desto selbstsicherer bin ich geworden — das stimmt. In 99 von 100 Fällen stehe ich tatsächlich über solch kindischem Verhalten und Gossip.

Mein Anspruch ist es, andere Menschen in ihren Stärken zu stärken und mich nicht gleich abzuwenden, wenn mir irgendwas an ihnen nicht passt. Denn ich weiß, wie sehr es mich in meiner Persönlichkeit nach vorne gebracht hat, als im richtigen Moment die richtige Person an mich geglaubt hat. Menschen haben es verdient, wohlwollendes Feedback zu erhalten!

Aus dem Grund erhoffe ich mir gegenüber aber auch den nötigen Respekt — und erwarte ihn sogar! Beispielsweise mich selbst zu fragen, wann ich meine Artikel schreibe, statt hinter meinem Rücken zu spekulieren — das wäre etwas, was ich wirklich schätzen würde.

Tränen statt Konfetti

Und dann — wirklich sehr selten — gibt es sie trotzdem: Diese einzelnen Momente, in denen mich solch ein Gerede eiskalt erwischt und mir einfach nur die Energie raubt. Dann bin ich alles andere als rational und stark und frage ich mich: Wieso fragen sich die Leute das überhaupt? Wieso denken die Leute negativ über dich? Was für ein Problem haben sie mit dir? Was hast du falsch gemacht? Was kannst du besser machen? Soll ich weniger Artikel schreiben? Soll ich mehr in den Hintergrund treten? Soll ich lauter werden, so wie man es mir hin und wieder rät? Dabei bringt genau die Lautstärke mir so viel Negativität entgehen. Soll ich die Veranstaltung lieber absagen, damit keiner denkt, ich wäre zu viel geschäftlich unterwegs (obwohl ich mir dafür extra Urlaub genommen habe)? Soll ich dieses und jenes lieber lassen, weil es möglicherweise Neid hervorrufen könnte? Soll ich weniger posten? Aber da sind auch Leute, die es scheinbar inspirierend finden.

Im Business gilt es tough zu sein

Es ärgert mich, dass ich in diesen (kleinen) Momenten schwach bin und diesen negativen Stimmen Raum gebe. Dass ich dem Gerede Macht über mich gebe und in diesen Bruchteilen nicht in mir ruhe. Dann bin ich hin und her gerissen und diese aufkommende Schwäche werte ich als riesige Niederlage mir selbst gegenüber.

All die guten Ratschläge aus den Podcast und all die schlauen Sprüche, wie “Kämpfe für deine Träume” haben dann für ein paar Momente einfach keinen Wert mehr.

Immerhin darf man einfach nicht schwach sein, wenn man ein Vorbild sein will, oder? Wenn man irgendwann mal den nächsten Schritt gehen will. Im Business gilt es tough zu sein, oder nicht?

So in etwa steht es auch im aktuellen t3n-Artikel über Siemens-Personalchefin Janina Kugel.

Konfliktscheu dürfe man im Management nicht sein, so Kugel: „Den Anspruch, täglich von allen geliebt zu werden, muss man sich als Führungskraft abschminken.

Das Menschliche bewahren

Eine Freundin sagte erst jüngst zu mir: “Steffi, du bist eine Inspiration. Und du kannst nicht immer nur stark sein. Dann würde dir doch jegliche Menschlichkeit fehlen!”

Und damit hat sie wohl sehr wahre Worte gefunden. Auch toughe Menschen sind am Ende des Tages Menschen, bei denen hin und wieder einfach mal das Fass zum Überlaufen kommt. Wo man einfach nur Mensch statt Prellbock sein will. Wo man es sich erlauben darf, auch mal eine Pause zu machen — so wie Philipp Steuer es in seinem Artikel beschrieb.

Vielleicht ist die Gabe, schwache Momente zulassen zu können, sogar eine der größten Stärken, die man sich bewahren sollte. Was meint ihr?

Mal ehrlich: Seid ihr immer stark?