Kurz, Pelinka und Stöger: Wenn Österreichs Politik ins Silicon Valley fährt

Im Frühjahr diesen Jahres war der österreichische Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) im Silicon Valley zu Besuch, ORF Generaldirektor Alexander Wrabetz war im Juni, unter anderem mit Nikolaus Pelinka, vor Ort und Anfang November folgte ihnen der Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie, Alois Stöger (SPÖ), nach. Was aber steckt hinter dem großen Interesse für die kalifornische Tech Metropole, das weit über das Go Silicon Valley Programm der WKO hinausgeht, und wo sind die Zusammenhänge?

Das Jahr geht bald zu Ende, ein Grund sich einmal näher anzusehen, was rund um die US-Besuche passiert ist.


Vor nur wenigen Monaten ging das österreichische Startup Runtastic um 239 Millionen Dollar an Adidas. Ein Exit, den man so in Österreich nicht oft sieht. Auch die Politik in Österreich hat sicher nicht nur deshalb ihre Leidenschaft für Startups entdeckt, ressortübergreifend.

“Wir nehmen oft Wirtschaftsdelegationen mit, um Kontakte zu ermöglichen. Diesmal mit jungen Startups, das ist etwas Neues, was anderes, aber ich glaube eine wesentliche Aufgabe unseres Ministeriums,” erzählte Sebastian Kurz im Silicon Valley Interview auf Fillmore.at.

Nicht nur die Wirtschaftsdelegationen und mitreisende Medienvertreter haben diese Reisen gemeinsam, auch der Besuch der großen Tech Firmen, wie Google, Tesla oder Facebook, darf auf dem Programm nicht fehlen. Gerne werden da Österreicher, die in den Unternehmen arbeiten, getroffen. Bei Sebastian Kurz war es etwa Gerhard Eschelbeck bei Google. Oder man lädt auch derzeit in und rund um San Francisco lebende Österreicher zum Dinner ein. So etwa Stephanie Urbanski, Felix Krause und Markus Wagner beim Besuch von Alois Stöger.

Die Connection zum Silicon Valley: Markus Wagner

Markus Wagner, mit i5growth Inc. die US-Vertretung von i5invest, ist mittlerweile zu einem der wichtigsten österreichischen Anknüpfungspunkte im Silicon Valley geworden. Kein Wunder, dass er deshalb auch beim Advisory Bord des Vereins AustrianStartups als die Connection zum Silicon Valley angeführt wird.

Er lebt mit seiner Lebensgefährtin Laura Rudas in Palo Alto und war jüngst etwa auf einem Podium des Austrian Research and Innovation Talks mit dabei. Auch Gerhard Eschelbeck, von Google, und Michael Hirschbrich, Updatemi Gründer und Host eines Empfangs beim Sebastian Kurz Besuch, fanden sich da neben ihm auf der Bühne ein.

Pelinka interessiert, gründet Silicon Valley Innovation Club

In der aktuellen Print Ausgabe des Magazins FORMAT (Nr.47, 20.11.2015) liest man außerdem ebenso über Markus Wagner, der gemeinsam mit Pelinka und Eveline Steinberger-Kern die Idee zu einem neuen Club hatte. Dieser nennt sich Innovation Club und wurde als GmbH ins Leben gerufen.

Wrabetz wollte Nikolaus Pelinka 2011 zu seinem Büroleiter beim ORF bestellen und erhielt dafür Kritik, nicht nur von den ORF Redakteuren. So mancher erinnert sich wahrscheinlich noch an das Youtube Video. Pelinka legte daraufhin sein Stiftungsratmandat und die Leitung des sogenannten SPÖ “Freundeskreises”, der Fraktion im ORF Stiftungsrat, zurück. Im Kurier Interview im Juli versicherte Pelinka bereits, dass der neue Innovation Club mit Parteipolitik nun nichts zu tun habe. Vielmehr soll es hier um strikte Überparteilichkeit gehen.

Unter den auf der Website vom Innovation Club angeführten Teammitgliedern ist, neben Pelinka, ebenso Steinberger-Kern, Founder und Managerin Director der The Blue Minds Company, abgebildet. Steinberger-Kern hat, laut derstandard.at, auch die Tour von Wrabetz ins Silicon Valley im Sommer organisiert. Sie beschäftigt sich mit Energiethemen und ist mit dem Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Bundesbahnen verheiratet.

Schaut man sich den Innovation Club genauer an, fällt unter anderem die Liste der Vertical Market Advisors auf. Die Website wurde allerdings nach dem Wochenende aktualisiert und zeigt jetzt eine kürzere Teamübersicht.

Links: Screenshot von der Website (innovation-club.org) am Wochenende, rechts ein Screenshot von der Website am Montag (23.11.2015).

Siegfried Meryn, Rudi Kobza waren als Advisors gelistet

Auf der Liste der Berater des Clubs fanden sich Siegfried Meryn, der 2014 als SPÖ naher Stiftungsrat des ORF gewählt wurde, und Marcin Kotlowsky, Geschäftsführer der Wien Holding GmbH und ehemaliger SPÖ Kommunikationsleiter. Ebenso auf der Liste war Rudi Kobza, er ist Gründer der Kobza Media Agentur, Geschäftsführer ist dort Nikolaus Pelinka.

Nun wurden Markus Wagner und Thomas Pamminger ergänzt, die im Absatz oben genannten sind hingegen auf der Website nicht mehr zu sehen. Eine positive Veränderung, wenn es um weniger parteipolitische Zusammenhänge geht.

Female Founder

Positiv ist außerdem zu vermerken, dass dieser Club eine weibliche Co-Gründerin hat. Dies steht im Kontrast zum neuen, männlichen Berater des Außenministeriums im Silicon Valley.

Dass es in der österreichischen Startupszene zu wenige Frauen gibt, fällt nicht erst dann auf, wenn man sich zum Beispiel den Verein AustrianStartups anschaut: Birgit Hofreiter ist die einzige Frau im Advisory Board, Adiam Emnay die einzige im Board des Vereins.

Ein Magazin von Kathrin Folkendt widmet sich ebenso diesem Thema.

Off Topic, trotzdem lesenswert: www.paulgraham.com/jessica

“Connecting you to the Silicon Valley”

…das steht auf der Website des zuvor genannten Innovation Clubs, darunter ist ein Bild der Golden Gate Brücke platziert. Unter dem Bild ist dann weiters “The exclusive Innovation Club is your fast track to thought-leadership and success in Silicon Valley. Founded by and for leaders of the Austrian economy” zu lesen. Für einen Membership Antrag kann man sich noch anmelden, der erste Schritt um aufgenommen zu werden, ist ein face-to-face Meeting mit einem bereits bestehenden Mitglied.

Der Club will etwa auch “Trainee-Arbeitsplätze in dynamischen Coworking Spaces in der Bay-Area” für österreichische Unternehmen organisieren, verriet Pelinka bereits im August in einem Interview auf derStandard.at. Wie und ob diese Arbeitsplätze mit dem J-1 Trainee Programm Visum verbunden werden, wurde da nicht verraten.

Clubevents und Reisen ins Silicon Valley

Laut FORMAT ist ein erstes Meeting des Clubs bereits für diese Woche geplant. Auch Wirtschaftsstaatssekretär Harald Mahrer (ÖVP), der Österreich zum Gründerland Nummer 1 machen will und sich das auch gerne aufs T-Shirt schreibt, soll dort anwesend sein, ebenso wie Alexander Wrabetz und der zukünftige österreichische Botschafter in den USA, Wolfgang Waldner.

Wolfgang Waldner leitete einst das MuseumsQuartier und wurde später Staatssekretär im Außenministerium, zuletzt war er Botschafter in Ungarn. Bei dem bereits genannten Dinner, mit Alois Stöger in San Francisco, war noch sein Vorgänger Hans Peter Manz als österreichischer Botschafter in den USA mit dabei.

Im FORMAT Artikel über den Club werden übrigens ebenso Touren erwähnt, die in Zukunft ins Silicon Valley, jeweils mit einem Schwerpunktthema, führen werden. So wird im Dezember eine Inspirationstour für Energieversorger und Logistiker zusammen mit Eveline Steinberger-Kern angekündigt. Vermutlich wird man bei den Teilnehmenden dieser Touren den Schwerpunkt aber nicht auf kleinere Startups legen, sondern vor allem Vertreter größerer Unternehmen mitnehmen. Sie sollen nicht nur in die Bay Area, sondern auch nach Tel Aviv, Berlin oder nach China führen.

Inspiration Tours ins Silicon Valley gab es schon länger

Diese Touren klingen sehr ähnlich zu dem Programm der Silicon Valley Inspiration Tours, die schon seit einiger Zeit stattfinden (Fotos vorangegangener Touren findet man auf Flickr, etwa hier, hier und hier). Das Team dieser Touren setzt sich aus Niki Ernst, Mario Herger und Marko Haschej zusammen. Als Kontaktadresse in den USA wird IACy LLC, the innovationagency network, angegeben.

Auf der Website dieser Touren findet sich auch als nächste Tour die “Inspiration Tour #9 Energy” ein, sie wird als Upcoming Tour angeführt, datiert ist sie aber auf Ende Juli 2015. Die von Steinberger-Kern angekündigte Inspirationstour für Energieversorger und Logistiker findet im Dezember statt.

Der im Tourteam gelistete Herger gründete vor zwei Jahren auch das Austrian Innovation Center Silicon Valley. Dessen Website war zur Zeit der Recherche für diesen Artikel offline, aber im Internet Archive kann man nachlesen, dass das Team hier neben Herger, aus Niki Ernst (Geschäftsführer der Werbeagentur planetsisa) und Markus Wagner besteht. Das Center möchte den Weg ins Silicon Valley für österreichische Startups leichter machen. Auch auf dieser Website wird (wurde) auf die Silicon Valley Inspiration Tours verlinkt.

Innovation Agency Network

Auf der Website des IACy wiederum finden sich nur spärliche Informationen, in einem Bestseller Interview aus dem Jahr 2013 gibt es aber mehr Einblicke. Niki Ernst gründete das “weltweite Innovation Agency Network” gemeinsam mit dem seit vielen Jahren im Silicon Valley aktiven Österreicher Florian Brody.

Gemeinsam haben sie ein Netzwerk mit 20 Unternehmen an 40 Standorten aufgebaut, liest man da. “Florian has been instrumental in developing groundbreaking media solutions and communication strategies for Fortune 500 companies, including Kodak, Apple and Accenture”, heißt es des Weiteren auf Brodys Website.

Florian Brody ist die neue Verbindung des Außenministeriums zum Silicon Valley

Sebastian Kurz sprach bei seinem Besuch im Frühjahr von einem Österreich-Center, das direkt und sofort in San Francisco eingerichtet werden soll. “Die Initiative sei eine Kooperation des Außenministeriums mit Staatssekretär Harald Mahrer und Wirtschaftskammer-Chef Christoph Leitl”, hieß es damals auf derStandard.at.

Wer das Österreich-Center leiten soll, wurde damals aber nicht gesagt, es wurde nur von einem Experten gesprochen, der im Honorarkonsulat sitzen soll. Das Österreichische Generalkonsulat hingegen ist in Los Angeles angesiedelt, vom AußenwirtschaftsCenter Los Angeles aus wird auch das Go Silicon Valley Programm betreut.

Aber wieder zurück zu Florian Brody und zu dem von Kurz angekündigten Österreich-Center: auf der Website des österreichischen Generalkonsulates Los Angeles liest man da jetzt über die “Neue Anlaufstelle für österreichische Start-ups in der Bay Area” und dem “Silicon Valley Start-up Adviser for Austria: Florian Brody”. Weiters findet sich auch auf der Website des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres ebenso der Hinweis zu Brodys Rolle. Auf seinem LinkedIn Profil wird es dann noch etwas deutlicher. Hier gibt Brody an, seit Juni 2015 für “Supporting Austrian Companies in the Silicon Valley in collaboration with the Austrian Ministry for Foreign Affairs” zuständig zu sein.

Ob es sich hierbei um die von Kurz ebenfalls angekündigte diplomatische Präsenz im Silicon Valley handelt, ist offen.

Brody ist auch Founding President von ASCINA, dem Network für Austrian scientists and scholars in North America. Im Rahmen des Austrian Research and Innovation Talk, der seit 2004 von der OSTA, Office of Science and Technology Austria in Washington D.C., organisiert wird, wurden vor kurzem in San Francisco auch die ASCINA Awards für besondere wissenschaftliche Leistungen verliehen. Diese fanden im Rahmen des Besuches von Minister Alois Stöger statt.

Brody auch Experte für “Landing Zone

Auch bei dem neuen Projekt “Landing Zone” wird Brody als Experte im Silicon Valley gelistet. “Landing Zone is a specialized acceleration service providing Austrian startups a permanent presence in the San Francisco Bay Area and the Silicon Valley”, liest man auf deren Website.

Neben dem Zugang zu einem bereits aufgebauten Network, wird dort ebenso Infrastruktur angeboten, die einem Präsenz in Kalifornien für österreichische Startups bietet. Dabei bietet man etwa “Virtual Office, Street Address, US phone number” und einen “Trusted Manager in Silicon Valley” an.

Wie all dies genau abgewickelt wird, wer der “Trusted Manager” ist, wie viel Personal etwa für die angebotenen Präsentationen auf Kongressen und Events in den USA gebraucht wird und wie intensiv die Zusammenarbeit ablaufen wird, verrät die Website alleine nicht.

Packages kann man um 500 bis 1000 Euro pro Monat erwerben, so liest man auf der Website. Ein gemieteter Schreibtisch in einem “central SF co-working space” ist da zum Beispiel auch dabei, das unterscheidet sich wohl aber von den von Pelinka gebotenen “Trainee-Arbeitsplätzen in dynamischen Coworking Spaces in der Bay-Area”.

Das angebotene Netzwerk kommt, wie auch für das Außenministerium, von Brody und nicht von Markus Wagner. Brody setzt sehr auf persönliche Kontakte, verriet er im September in einem Gespräch mit Werbeplanung.at.

“Landing Zone” möchte sicherlich Teilnehmer spezieller Programme ansprechen, denn man bietet Teilnehmenden des Go Silicon Valley und des Advantage Austria Programms einen Discount an.

Anflug auf die Landezone San Francisco

Baurek-Karlic, CEO Venionaire, ebenso bei “Landing Zone”

An der auf der Website angegebenen San Francisco Adresse befindet sich der Coworking Space und Incubator Runway, welcher direkt im Twitter Gebäude auf der Market Street angesiedelt ist. Die Wien Vertretung findet sich unter einer “c/o” Postanschrift bei Venionaire Capital GmbH ein. Venionaire Capital CEO Berthold Baurek-Karlic wird, neben Brody, als zweiter Experte auf der Website gelistet. Bei Venionaire beschäftigt man sich mit Venture Capital and Corporate Finance und hat etwa schon in den österreichischen Slack Konkurrenten ChatGrape investiert.

Die Domain von “Landing Zone” ist ebenso auf Baurek-Karlic registriert. Venionaire selbst möchte sich übrigens neben dem Silicon Valley mehr auf New York konzentrieren. Im April schrieb Baurek-Karlic dazu auf VentureBeat einen Artikel, in dem es darum ging, warum New York die beste Wahl für europäische Startups ist.

Tourschwerpunkt: Es geht um die Energie

Baurek-Karlic war übrigens Mitte Juli auf Tour im Silicon Valley und in New York. Er berichtet in einem Gastkommentar auf derbrutkasten.at davon, dass er mit Vertretern der Verbund AG unterwegs war, man ließ sich über Trends im Energiesektor informieren.

Von der Silicon Valley Inspiration Tour zum Thema Energy von Niki Ernst oder von Steinberger-Kerns Energietour wird in diesem Artikel allerdings nicht gesprochen.


Eliteunis, Wirtschaft und Politik: Wer hat das beste Netzwerk?

Fährt man von Facebook, dessen Campus von jeder Delegation gerne besucht wird, weiter nach Palo Alto, kommt man auf den Campus der Eliteuniversität Stanford. Hier geht es, ebenso wie in der Politik, nicht nur um eine gute Ausbildung, sondern um das angebotene Netzwerk, die Community und die Kontakte.

So ähnlich ist es nun auch mit den Clubs, Touren und Politikern mit ihren Wirtschaftsdelegationen. Jeder will die Besten vor Ort haben, will aus erster Hand wissen was im Silicon Valley passiert, will mitgestalten und Innovation mit nach Hause nehmen.

Folgende Fragen stellen sich nun konkret:

  1. Was genau ist die Aufgabe des Beraters des Außenministeriums im Silicon Valley? Kann man etwa als Startup an ihn offiziell herantreten, bietet er unentgeltlich Unterstützung an? Oder kann man sein Netzwerk nur über andere Wege, wie etwa den Erwerb eines “Landing Zone” Packages, in Anspruch nehmen?
  2. Wenn Projekte Nähe zu anderen Unternehmen, wie Agenturen und Investmentfirmen, haben, kommt schon mal die Frage auf, wie sehr diese Nähe in die Projekte einfließt?
  3. Welche Ergebnisse, Fortschritte und Vorhaben werden 2016 mit der Öffentlichkeit geteilt werden? Wird mehr davon, was im Silicon Valley von österreichischen Projekten umgesetzt wird, nach außen getragen?

Mit diesen Fragen kann man gespannt in das Jahr 2016 und die weiteren Entwicklungen blicken.

🙈