Einmal Everest, bitte… (ok, nicht wirklich)

Ok, nicht wirklich. Das kommt in zwei Jahren, aber immerhin ging’s in den letzten acht Tagen genau 8600 Meter rauf und wieder runter. Und Schnee gab’s auch. Der Sauerland Höhenflug ist, mit seinen 224 gelaufenen Kilometern, jetzt Geschichte. Und… scheeee woars.

Die Wanderung ging von Altena nach Korbach, und damit vom verregneten Irgendwaswetter in den Winter und wieder zurück in den Frühling. Drei Jahreszeiten in acht Tagen und 224 Kilometern, das war schon irgendwie nett.

Die Burg Altena und das erste schwarze Höhenflug Logo. Zubringer-Wege sind schwarz, der eigentliche Höhenflug ist gelb.

In Altena habe ich erstmal die Burg besichtigt. Die ist der Welt erste Jugendherberge, da muß man schon mal vorbeischauen. Dann ging’s steil den Berg runter und wieder rauf, ein erstes Omen für die kommenden Tage. Das zweite Omen kam am Ende des Aufstiegs… ich hatte dem Wanderführer zu sehr vertraut und mich, statt eines satten Frühstücks, auf Mittagessen im „Windsack“, dem Restaurant am Flughafen über Altena, gefreut. Zu früh, wie sich herausstellen sollte, der Windsack war wegen Urlaub geschlossen. Also weiter, Snickers im Bauch, und prompt auf dem geteilten MTB- und Wanderpfad von einem Biker in den eiskalten Sumpf getrieben worden. Das war nicht das letzte Mal, daß „a wild biker appears“ zu Verletzungen und/oder Notfallausweichmanövern führen würde, ein drittes Omen.

In Neuenrade zum Abendessen in die Eule, wo für etwas zu viel Geld ein ganz annehmbares Essen serviert wurde.

Die zweite Etappe war, laut Wanderführer, nur zehn Kilometer lang, und nicht sehr anspruchsvoll. Also entschied ich mich, stattdessen gleich den Großteil der nächsten, bis Hagen, mit einzubeziehen. Das stellte sich als doppelt gut, und einmal nicht so gut, heraus. Wir (Jenny lief diese Etappe mit mir) erreichten Altenaffeln schon gegen 11 Uhr morgens, also viel zu früh um schon für den Tag aufzugeben. In Altenaffeln war alles geschlossen, selbst die einzige Wirtschaft und Hotel im Ort öffnete erst um vier ihre Pforten. Wieder kein warmes Mittagessen, immerhin hatte ich gut gefrühstückt.

Die Schäden des Orkans Kyrill sind nach neun Jahren immer noch zu sehen. Des Walde’s Leid führt dann jedoch zu tollen Aussichten.

Hier im Sauerland wütete 2007 der Orkan Kyrill. Ganze Waldflächen der, seit Jahrzehnten, als Weihnachtsbaumwald gebrauchten Hänge, sind immer noch kahl. Das führt zu oft tollen Aussichten, der Preis erscheint mir dann aber doch etwas zu hoch.

Weiter ging’s, wieder mal von Snickers gepowered, bis wir an einem Parkplatz an der L619 in einen komischen Wegweiser liefen. „Das knallharte Landleben“ stand da. Und ein Café war es. Also die drei Kilometer extra in Kauf genommen und den Berg ‚rauf. Oben angekommen erwartete uns die coolste Gallerie des Sauerlands, komplett mit Besitzern und Betreibern Klaus und Michelle. Michelle ist Designerin und das Café dient auch als Gallerie ihrer Arbeiten. Witzige, sehr toll gemachte, Bilder hingen an den Wänden, zum Essen gab’s eine Brotzeitplatte, gewürzt mit Geschichten von Klaus. Gestärkt und sehr glücklich ging’s dann weiter den Berg runter, aus dem Empfangsgebiet des mobilem Intenet, und in den Bauernhof der unsere Herberge für die Nacht sein sollte.

Am nächsten Morgen fuhr uns die Mutter der Herbergsmutter, also eigentlich die Herbergsgroßmutter, höchstpersönlich auf vereisten Landwegen zurück zum Höhenflug. Etappe Drei ging bis Wenholthausen, dort verabschiedete sich Jenny und ich kehrte für die Nacht ein. Wenn sich diese Etappenbeschreibung etwas kurz anhört, dann hat das seinen Grund. Außer der Zusammenführung des Meinerzhagener und Altenaer Weges gab es wirklich kaum Höhepunkte. Wald, halt. Rauf, runter, rauf, runter.

Höhenflug Pin

Viel besser war der nächste Tag, offiziell als „schwer“ auf der Tourenbeschreibung angegeben. 750 Höhenmeter galt es auf dieser Etappe zu bezwingen, deshalb machte ich mich früh morgens, nach einem stärkenden Frühstück auf den Weg. Tolle Aussichten, eine Imkerkapelle, und wirklich schöne Wanderwege machten diese Strecke einfach unterhaltsam und ließen sie sehr schnell vorrüber ziehen. Zum Picknicken war’s dann doch etwas zu kalt, am anderen Ende, in Bad Fredeburg, erwartete mich jedoch Kerstin Berens, Regionalmanagerin des Bezirks Olpe, und ganz und gar tolle Person. Wir tranken Tee, plauderten über Tourismus, Destination Marketing, und Wandern.

Wie’s bei solchen Sachen aber immer ist, irgendwann muß man sich auch von netten Menschen trennen, und nach einer Nacht (die dritte ohne mobiles Internet oder WiFi) ging es dann weiter von Bad Fredeburg nach Altastenberg. An schönen Aussichten vorbei ging es dann (nach einer „near death experience“ mit einem Steinbruchlaster der gerade den Berg raufdonnerte den ich runter wollte) richtig rauf… zur Hunau, die mit 880m dem Höhenflug richtig den Namen verdient.

Bad Fredeburg im Hintergrund. Noch ist’s warm und sonnig. Das wird sich in einer Stunde ändern.

Hier machten sich die ständig addierenden Höhenmeter erstmals bemerkbar. Die Wege waren größtenteils vereist, und an der SGV Hütte, die auch fast den höchsten Punkt dieser Etappe darstellte, wehte ein eiskalter Nebel um die vereisten Wände. Habe mich trotzdem in’s Hüttenbuch eingetragen, der einzige Beweis meiner Wanderung.

Die SGV Hütte. Hier mußte ich Lightroom’s „Dehaze“ fast bis zum Anschlag aufdrehen um überhaupt noch etwas Anderes als Nebel und Schnee zu zeigen.

Weiter ging’s bis in’s „schöne“ Altastenberg. Vorher passierte ich noch das Grab der „Isolde von Hunau“, einer Jagdhündin die hier oben ihre letzte Ruhe fand, und das „Große Bildchen“. Im Sternlauf treffen sich hier jedes Jahr die Gebirgsvereine der Umgebung um Andacht zu halten.

Altastenberg ist das Portal zu „Sauerholland“, dem den Niederlanden nächstgelegenen Skigebiet und damit primäres Winterziel für Tausende von Niederländern mit Ski und Rodel. Die zweite Märzwoche war hier schon Saisonende, also mußte ich mit dem Bus nach Winterberg und dem Taxi zurück fahren um noch etwas zu Essen zu bekommen und Einkäufe zu erledigen. Die Nacht war kurz und schlaflos, papierdünne Wände, kombiniert mit streitenden und … errmmm … „sich wieder vertragenden“ Nachbarn, ließen mich nicht zu Ruhe kommen.

Am nächsten Morgen erklomm ich den Kahlen Asten auf dem kombinierten Höhenflug und Rothaarsteig, wo sich angeblich ein Restaurant befinden sollte. Tat es auch, aber war halt für vier weitere Stunden nicht geöffnet. Also weiter nach Mollseifen wo, trotz eigentlich geschlossener Küche, eine nette Gastwirtin mir ein „Süppken und eine Stulle“ anbot, welche ich auch hungrig verdrückte. Nach weiterem Bergab und Bergauf kam ich dann, mehr gerädert als nach der eigentlich schwereren Etappe nach Bad Fredeburg, in Hallenberg an.

Dort kehrte ich im „Rabenhorst“ ein, eine kombinierte Pension und Tagungsstätte. Mit frisch gebrautem Kaffee und Plätzchen zog ich mich auf mein Zimmer zurück, trank beide Flaschen des bereitgestellten Mineralwassers, und schlief ein. Am nächsten Morgen gab’s lecker vegetarisches Frühstück, selbst ein paar Blätter Folie zum Einpacken eines Proviants waren bereitgelegt. Pensionsmutter Beate ist eine Heilige in meinem Wanderuniversum.

Am nächsten Tag passierte ich einen acht Meter hohen „Stuhl“ der als Aussichtsplatform dient. Wegen Eis und Kälte sparte ich mir das Erlebnis und zog gleich weiter in Richtung Medelon. Medelon ist, man ahnt es schon, wieder einmal in einem Tal ohne Netzwerk. Immerhin konnte der Herbergsvater, ein junger Mann mit einer Stimme die Tote erwecken könnte und einem ungebrochenen Mitteilungsbedürfnis, das WLan reparieren und ich hatte langsames aber existierendes Internet und konnte meine Karten herunterladen und das Wetter checken.

Alle vierhundert Höhenmeter des nächsten Tages lagen in drei der zwölf Kilometer dieser Etappe. Hoch hinaus, dann weiter nach Küstelberg. Panorama, ja, ansonsten eher eine weniger interessante Strecke, die sich zuerst durch das Orketal schlängelte, dann die erwähnten vierhundert Meter in drei Kilometern hinauf zog, um in dem am höchsten gelegenen Dorf der Stadt Medebach zu enden. Schlafen ging ich hier sehr früh, nicht einmal zum Abendessen reichte es, da am nächsten Tag eine Mörderstrecke vor mir lag.

In meinem Wahn hatte ich nämlich den (dummen) Plan gefaßt, die verbleibenden zwei Etappen an einem Tag zurück zu legen. Knappe vierzig Kilometer lagen vor mir, bis etwa vier Kilometer vor Korbach, dem letzten Punkt meiner Wanderung. Also verließ ich, auf Zehenspitzen, das Hotel gegen drei Uhr morgens, knippste meine Stirnlampe an, und lief los. Aussichten und Wahrzeichen interessierten mich heute weniger, ich wollte nur fertig werden und endlich meine Thermo-Unterhosen gegen schickere Modelle austauschen.

Und dann, im schönsten Frühlingswetter, war es geschafft…

224 Kilometer, knappe 8600 Meter rauf und wieder runter, sechzehn Snickers, unzählige Auf- und Abstiege, später, war ich in Korbach. Hier erwartete mich typich hessische Unfreundlichkeit, die mich, nach dem reservierten aber herzlichen Ton des Sauerlands, stracks auf den Boden der Realität zurück holte. Nach einem schnellen Subway Sandwich und einem Besuch im kargsten Elektronikladen der Welt, bezog ich mein Zimmer in einem Hotel welches klar versuchte den Preis für „Beste Emulation eines 1980er SED Funktionärshotels“ zu gewinnen. Der Weg liegt hinter mir, ein paar Tage Ruhe sind jetzt angesagt, bevor ich den 147 km langen „Müritz Nationalparkweg“ und den 120 Kilometer langen „Nord-Ostsee Wanderweg“ beginne.


Originally published at jml.is on March 21, 2016.

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