Der ewige Kanzler und das Gedenken an Auschwitz

Helmut Kohl galt als der deutsche Erinnerungspolitiker, der Vergangenheitsbewältigung nicht allein den Historikern überlassen und die Geschichte selbst mit Vorliebe zur Inszenierung nutzen wollte. In seiner Kanzlerzeit begann die kollektive Erinnerung an den Holocaust erst wirklich an Intensität zu gewinnen. Sein eigenes Verhältnis zum Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten war jedoch ambivalent.

Wenn Angela Merkel und andere deutsche Spitzenpolitiker zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz an die Verbrechen der Nationalsozialisten erinnern, dann begehen sie ein etabliertes erinnerungspolitisches Ritual. Das Gedenken an Auschwitz und damit stellvertretend an den Holocaust hat sich als konstitutives Element im Selbstverständnis der Bundesrepublik etabliert. Das war allerdings nicht immer so.

Das war vor rund vierzig Jahren noch anders. Die kollektive Erinnerung an den Holocaust etablierte sich in den Achtzigerjahren gerade erst. Zuvor war sie eine Facette von vielen, ein Kapitel in einem Buch der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Nun aber stand eben diese Erinnerung im Mittelpunkt der akademischen wie auch gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. In der zeitgenössischen Debatte war die Wahrnehmung zunächst eine andere. Intellektuelle wie Jürgen Habermas diskutierten etwa Mitte der Dekade, ob die Erinnerung an Auschwitz langsam verschwinden würde. Dabei erlebte sie doch gerade erst einen richtigen Aufschwung.

Die Vormachtstellung der von Hans-Ulrich Wehler und wenigen anderen dominierten Sozialgeschichte war gebrochen. Statt der großen Theorien und Erklärungsansätze für den deutschen Sonderweg rückte in den Achtzigerjahren zunehmend die Erinnerung an Menschen und Orte in den Mittelpunkt. Auschwitz verlor nicht an Bedeutung im bundesrepublikanischen Selbstverständnis, wie manche fürchteten, es nahm erst in dieser Zeit die zentrale Rolle im Erinnerungsdiskurs um den Nationalsozialismus ein.

Angesichts einer weitverbreiteten Verunsicherung aufgrund von Umweltzerstörung, Reaktorunglück in Tschernobyl und Atomkriegsszenarien lag die Rückbesinnung auf die Vergangenheit auch gesellschaftlich im Trend. Sogenannte “Barfußhistoriker” suchten im Lokalen nach den Spuren der Vergangenheit, besonders der nationalsozialistischen, während geschichtliche Expositionen wie die Preußen-Schau in West-Berlin 1981 deutschlandweit für Aufsehen sorgten. In den Vereinigten Staaten drang mit der Fernsehserie “Holocaust” Ende der Siebzigerjahre speziell die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in den Hollywood-Mainstream vor.

In eben jener Zeit kam mit Helmut Kohl ein promovierter Historiker ins Kanzleramt, der sich einen Namen als Erinnerungspolitiker machen wollte. Anders als die großen Konservativen in den USA und Großbritannien, anders als Ronald Reagan und Margaret Thatcher, prägte Kohl die Bundesrepublik nicht zwangsläufig wirtschafts- und sozialpolitisch. Für ihn gab es keinen Ismus wie für seine Amtskollegen mit dem Thatcherismus und auch der Reaganomics. Dafür versuchte er die Deutungshoheit über die Vergangenheit zu erlangen. Geschichte war für Kohl persönliche Leidenschaft und politische Bühne in einem.

Geschichtspolitik als deutsche Erfindung

Dass allerdings ein politischer Amtsträger, noch dazu der amtierende Bundeskanzler, historische Sinnstiftung betreiben wollte und es ihm auch gelang, missfiel gerade der Wissenschaft. Die war sich lange Zeit mit der Politik einig gewesen, dass die kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Geschichte — insbesondere der Geschichte des Nationalsozialismus — keine Angelegenheit für den Staat sei. Größtes Missfallen riefen die Kohl’schen Erinnerungsinitiativen in der politischen Gegnerschaft hervor, die ihn der “Geschichtspolitik” bezichtigten.

Dieser Neologismus war eine deutsche Erfindung, bevor er zum Exportschlager wurde und seinen Weg beispielsweise nach Polen und Russland antrat. Anders als heute war “Geschichtspolitik” in der Bundesrepublik zunächst ein publizistischer Kampfbegriff im Zuge des Historikerstreits von 1986. Im großen Kontext richtete er sich gegen Kohls geistig-moralische Wende und dessen Anspruch auf erinnerungspolitische Deutungshoheit. Innerhalb weniger Jahre vollzog sich jedoch die Genese “vom unreflektierten politischen Schlagwort über das feuilletonistische Aperçu zur wissenschaftlichen Konzeptionalisierung”, wie es der Politikwissenschaftler Harald Schmid einmal zusammenfasste.

In keiner anderen Dekade stritten die Deutschen mehr über Geschichte und Erinnerung als in den Achtzigerjahren. Kohl war daran federführend mit seiner beabsichtigten Deutungshoheit, aber auch mit seinen kommunikativen Ausrutschern und geschichtspolitischen Initiativen beteiligt. Zum Ende seiner Kanzlerschaft im Jahr 1998 konnten allein diese ganze Bücher füllen. Für internationales Aufsehen sorgte er beispielsweise mit der von Günter Gaus übernommenen und missverstandenen Formel der “Gnade der späten Geburt” bei seinem Besuch in Israel 1984, als er sich als Mann der neuen und unbelasteten Generation präsentieren wollte.

Kohl bei seinem Israel-Besuch 1984.

Eine bleibende Hinterlassenschaft waren derweil seine Museumspläne — konkret die Gründung des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn sowie die Umgestaltung der Neuen Wache und des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Auch das Denkmal für die ermordeten Juden Europas entwickelte sich für Kohl zu einem persönlichen Anliegen, was unterstreicht, wie ambivalent seine Position gegenüber dem Gedenken an den Holocaust war. Denn gegen das geplante Holocaust-Museum in Washington hatte er jahrelang Aversionen gehegt.

Kohls Unbehagen mit den amerikanischen Juden

In der Gründungsphase der Einrichtung von 1993 fürchtete Kohl noch, dass ein Erinnern an den Holocaust — prominent platziert in der Hauptstadt der USA — das Ansehen der Deutschen in der Welt beschädigen könnte. “Wenn eine ganze Schülergeneration aufwächst und deutsch als Synonym für Holocaust empfindet, dann ist das eine fürchterliche Sache”, sagte er seinen Kollegen im Bundesvorstand der CDU. Er hatte seit seinem Amtsantritt 1982 vergeblich versucht, Einfluss auf die Gestaltung des Museums zu nehmen. Sein Ziel war es, dass neben dem Grauen auch die deutschen Widerstandskämpfer ebenso wie die Nachkriegsdemokraten einen Platz erhalten.

An sich passte genau dieser konzeptionelle Ansatz in die Erinnerungspolitik des Kanzlers. Kohl positionierte sich zwischen denen, die befürchteten, dass historische Verantwortung verblassen würde, und denen, die ein Übermaß an Erinnerung an den Nationalsozialismus beklagten. Und er wollte selbst Geschichte zur Inszenierung nutzen, weshalb es für ihn gewiss opportun erschien, sich für eine Denkmalinitiative in Berlin oder das Jüdische Museum in Frankfurt einzusetzen, aber Museumsplänen in der Hauptstadt der Vereinigten Staaten entgegenzustellen oder diese zumindest zu beeinflussen.

Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin
Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin | Foto: Nick Fewings, Unsplash

Die Aversion gegen das Holocaust-Museum verleitete Kohl zu antisemitischen Fehlgriffen, die mittlerweile von der Forschung aufgearbeitet sind und keinesfalls ein positives Licht auf den Geschichtspolitiker werfen, der sich in seiner Funktion als Außenpolitiker doch stets israelfreundlich präsentierte. Noch in seinen politischen Erinnerungen von 2005 bemerkte Kohl, wie das Museum eine Initiative der “amerikanischen Juden” war, obwohl es in Wahrheit auf den US-Präsidenten Jimmy Carter zurückgeht. Insbesondere den Juden in den Vereinigten Staaten unterstellte Kohl, dass sie das Gedenken an den Holocaust als “einen moralischen Hebel ansetzen, um der amerikanischen Öffentlichkeit fortdauernd zu sagen, ihr müsst Israel auf Gedeih und Verderb unterstützen.”

Anhand derartiger Aussagen versuchte zum Beispiel der Historiker Jacob S. Eder dem Kanzler in einer Studie einen “sekundären Antisemitismus” nachzuweisen. So bezeichnet man für gewöhnlich einen Antisemitismus, der sich aus dem Wunsch speist, mit den Verbrechen des Nationalsozialismus nicht mehr konfrontiert zu werden, und dabei alte Vorurteile bedient — wie jenes der gewollten politischen Instrumentalisierung des Holocaust durch “führende Juden” in den Vereinigten Staaten. Den Auschwitz-Überlebenden Elie Wiesel, der in den USA als Schriftsteller in seinen Büchern den Holocaust aufarbeitete, nannte Kohl beispielsweise einmal abschätzig den “Herrn Wiesel, der aus Auschwitz kam”. Diese unanständige Einlassung im Jahr 1985 war eine Reaktion auf Wiesels Kritik an Ronald Reagan für dessen mit Kohl initiierten und hochumstrittenen Besuch des Bitburger Soldatenfriedhofs, wo auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind.

Allerdings eine antisemitische Triebfeder kann Kohl niemand nachsagen. Dafür zeigte er zu viel Achtung vor wichtigen jüdischen Persönlichkeiten wie Simon Wiesenthal. Dafür kritisierte er in seiner Rede bei der Eröffnung des Jüdischen Museums in Frankfurt 1988 die Verschwörungstheorien und “Wahnvorstellungen der Antisemiten”. Dafür fand er in seiner Rede in Bergen-Belsen 1985 viel zu scharfe Worte für die Ermordung der Juden. Aber seine Auffassung, die Deutschen und der Kanzler an ihrer Spitze müssten erinnerungspolitisch das Heft des Handelns in der Hand behalten und auch die Erinnerung im Ausland steuern, ließ den Kanzler sein politisches Gespür vergessen und verleitete gelegentlich zu mehr als fragwürdigen Aussagen und Vorstößen.

Sein Erinnern an Edith Stein

Aber Ambivalenz machte die Figur Kohl schon für seine Zeitgenossen und auch in der Retrospektive faszinierend. Im Jahr 1986, nur einige Monate nach Bitburg und der Bemerkung zu Elie Wiesel und während der Hochzeit des Historikerstreits, zeigte er sein Gespür für geschichts- und realpolitische Inszenierung gleichermaßen. In der ersten Krisenzeit seiner Kanzlerschaft waren er und seine Partei mit diversen Problemen konfrontiert, darunter auch die Asylfrage, die sich aufgrund der massenhaften Einwanderung nach West-Berlin immer mehr zuspitzte.

Insbesondere die CSU um Franz Josef Strauß und den Law-and-Order-Politiker und Innenminister Friedrich Zimmermann drängte auf eine schnelle Lösung. Kohl jedoch missfiel der Streit um Einwanderer. Einerseits zählte er in der Asylfrage lange Zeit emotional zum “Barmherzigkeitsflügel der eigenen Partei”, wie Hans-Peter Schwarz in dessen Kohl-Biografie notiert. Andererseits sah Kohl auch seine Bemühungen auf dem erinnerungspolitischen Terrain gefährdet, wenn die Deutschen plötzlich wieder von der internationalen Presse als xenophob charakterisiert werden konnten, weil sie Ausländer wie Menschen zweiter Klasse behandelten.

Einige Mütter und Väter des Grundgesetzes hatten den Artikel 16, der den Satz zum politischen Asyl beinhaltete, auch aufgrund ihrer persönlichen Biografien in seiner ursprünglichen Universalität unterstützt. Sie wussten selbst um die Hintergründe von Flucht, die zur Zeit des Nationalsozialismus zumeist gleichbedeutend für die Flucht vor Auschwitz und anderen Orten des Mordens war. Kohl selbst zog die Verbindung zwischen Asyl und Auschwitz und nutzte diese bei einer Kabinettssitzung am 26. August 1986. Bei der Zusammenkunft der Regierungsmitglieder sprach sich Kohl erneut gegen eine Verschärfung des Asylrechts aus. Das Asylrecht wäre ein “äußerst sensibles Thema” und die Bundesrepublik dürfte auf gar keinen Fall den Eindruck der Ausländerfeindlichkeit erwecken, unterrichtete er die Mitglieder seines Kabinetts.

Was bis jetzt in der Forschung nur sehr vereinzelt diskutiert wurde: Kohl brachte bei dieser Sitzung das Beispiel von Edith Stein vor. Die bekannte Frauenrechtlerin wurde im August 1942 in Auschwitz ermordet. Vor ihrer Verhaftung wollte sie in die Schweiz fliehen, aber wegen des Fehlens “irgend eines bürokratischen Stempels”, wie Kohl in der Sitzung bemerkte, geriet sie in die Fänge der Gestapo und konnte der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten nicht entkommen. Kohl warnte mit diesem Beispiel, dass Bürokratie und Paragraphen nicht über Wohl und Wehe von Flüchtlingen entscheiden können. Deshalb durfte es auch nicht das Ziel dieser, seiner Regierung sein, das Asylrecht grundsätzlich einzuschränken. Gegenspieler Strauß war von Kohls Haltung überhaupt nicht angetan und wollte, dass eine Änderung des Artikels 16 ins gemeinsame Wahlprogramm von CDU und CSU geschrieben wird, “vorausgesetzt, Strauß setzt sich gegen Helmut Kohl und dessen Erinnerung an Edith Stein durch”, wie Der Spiegel bemerkte. Das sollte ihm jedoch in dieser Zeit nicht gelingen.

Gedenktafel für Edith Stein am St. Magdalena-Klosters in Speyer

Dass der Bundeskanzler gerade dieses Beispiel zitierte und sich auch darüber hinaus persönlich für das Vermächtnis von Stein — insbesondere ihre Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. — einsetzte, kam nicht von ungefähr, sondern passte neben seiner persönlichen Affinität zur historischen Figur Stein auch zu Kohls erinnerungspolitischem Kalkül. Stein war 1922 als geborene Jüdin zum Katholizismus konvertiert. Sie entwickelte sich zu einer Brückenbauerin zwischen Christen- und Judentum und selbstlosen Verfechterin der religiösen Interessen und Frauenrechte auch noch in der Zeit des Nationalsozialismus.

Stein war für Kohl ein eindrückliches Beispiel für eine Deutsche, die nichts gemein hatte mit der Führungselite der Nationalsozialisten, von der sich der Kanzler wünschte, dass diese als alleinige Tätergruppe in der Erinnerung wahrgenommen wurde. Doch so redlich sein Ansinnen in Bezug auf Stein auch war, das Gedenken an einzelne Opfer genügte für die Aufarbeitung und die Erinnerung an den Holocaust nicht. Kohl musste anerkennen, dass die Darstellung der Mordmaschinerie der Nationalsozialisten, ob nun im Museum in Washington oder auch in Auschwitz selbst weit mehr als einen kleinen Täterkreis in die Verantwortung nahm, was aufgrund der schieren Ausmaße des Holocausts auch nur logisch war.

Was blieb: In der Ära Kohl etablierte sich erst das Erinnern an Auschwitz und den Holocaust als eine zentrale Institution im Geschichtsbewusstsein der Bundesrepublik. Kohl selbst scheiterte in seinem Versuch, der Dirigent dieses Erinnerns in Deutschland und über die Grenzen hinaus zu werden. Nicht wenige fremdelten mit der generellen Vorstellung eines Geschichtskanzlers und im Speziellen mit Kohls Art der Erinnerungspolitik. Im Vergleich zu den Achtzigerjahren ist das deutsche Gedenken heute politisch entschärfter.

Constantin Christoph Eckner

Written by

What yesterday says about the future, and what today says about past.

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