Our Europe
A Soul for Europe
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Lieber Herr Schneider,

wir kennen uns flüchtig von der Arbeit in der Stiftung, zu der ich ein winziges Scherflein beigetragen habe. Ich habe ihren Beitrag zur neu entfachten Diskussion um Europa in der Krise mit Interesse gelesen und begrüße jede Aktion, jedes Engagement für das weiterhin großartige Projekt der Europäischen Union.

Leider muss ich Ihnen widersprechen, wenn Sie meinen, die Kultur eigne sich, die Europäische Union von der Basis her zu unterfüttern und ihr damit neues Leben einzuhauchen. Die Kultur hatte immer und hat weiter einen hohen Stellenwert in Europa. Sie wird ihn immer haben, selbst wenn die Europäische Union zugrunde ginge. Dafür sorgen die Fülle unserer kreativen Talente sowie die traditionell tiefe Durchdringung des Kontinents mit Kultur, die sie noch in den entferntesten Ecken finden. Ich habe es in den letzten Wochen beim Besuch der Nationalgalerie der Färöer-Inseln und einem wunderschönen Museum für Moderne Kunst auf Bornholm festgestellt. Das unterscheidet uns von den USA, aber auch Russland und China und macht Menschen wie mich stolz auf unseren Erdteil. Die Kultur braucht Europa als politisches Projekt nicht um zu blühen.

Andererseits kann die Kultur dem politischen Projekt Europa keine, nicht einmal eine zusätzliche Identität verleihen. Kultur ist noch weitgehend national bestimmt (und das ist nichts Schlechtes), andererseits aber mittlerweile so international und global ausgerichtet, dass jede kontinentale Abgrenzung oder auch nur Hervorhebung trotz bestehender gemeinsamer Wurzeln und Werte sinnlos, ja geradezu kontra-produktiv für die Fortentwicklung des kulturellen Lebens wäre. Kultur war immer und muss immer weltoffen sein.

Fazit: Wir kommen nicht darum herum, die ‘Basis’ für das politische Projekt Europa zu gewinnen. Das ist sehr schwer, sehr viel schwieriger als Leute um kulturelle ‘Events’ zu versammeln; aber es ist nötig, wenn Europa eine Zukunft haben will. Es bedürfte dazu in erster Linie einiger charismatischer Persönlichkeiten, die Menschen über ihr eigenes Land hinaus in der jeweiligen Landessprache ansprechen und begeistern könnten (Papst Johannes II. konnte das auf seine Weise und für seine Sache), weil sie selbst begeistert sind. Mit bloßem Pragmatismus und den gegenwärtig uns Regierenden ist nichts zu gewinnen. Leider haben die europäischen Austauschprogramme wie Erasmus zwar gute Manager oder Lehrer, aber keine gesamteuropäischen Persönlichkeiten hervorgebracht, von denen es in der Vergangenheit wenigstens einige — oft sehr unterschiedlicher Couleur, aber jeweils geprägt durch ihre Lebenserfahrung und darum fruchtbar für Europa- gegeben hat (Schuman, Churchill, Spaak, de Gaulle, Brandt). Finden wir nicht vergleichbare Persönlichkeiten, denen Europa eine Herzenssache ist, die Menschen in vielen Mitgliedstaaten anzusprechen vermögen, wird ‘die Basis’ in Zusammenhang mit Europa immer nur an konkrete wirtschaftliche und finanzielle Interessen denken, aber nicht an ein großes politische Projekt, das beispielhaft für eine künftige Weltordnung sein kann.

Mit freundlichen Grüßen

Jörn Sack