Wie der Kapitalismus “die Natur” rettet und sich dabei versehentlich neu erfinden könnte ;)

Anmerkungen zum Film, “Natur — Spekulationsobjekt mit Zukunft”. http://www.arte.tv/guide/de/050583-000/natur-spekulationsobjekt-mit-zukunft // Tags: Naturkapital, Eingriff und Ausgleich, Naturschutz und Kommunikation, Wertschöpfung, Nutzwert, Arte.tv-Doku.

Diese Doku erzeugt Ratlosigkeit, unabhängig davon, welche Perspektive vom Zuschauer bevorzugt eingenommen wird: Die des Befürworters von Naturkapitalausweisungen, Investments, Handels- und “Spekulationszertifikaten“ über „Natur“/„Naturelemente“ oder die Perspektive der Zertifikategegner.

Wenn man die Qualität der „Auseinandersetzung“ kurz skizziert, so ergibt sich in etwa dieses Bild:

__ Auf der Seite der Befürworter argumentiert man, indem man vorhandenes, ökologisches Wissen ausblendet oder missversteht.

__Die typische Reaktion des Kritikers ist das geduldige Auffüllen der Wissenslücken, um mit der Forderung zu schließen, Wirtschaft und Unternehmertum müssten umdenken.

__Als Reaktion darauf folgt die Zurechtweisung, keine Ahnung von Wirtschaft und Unternehmertum zu haben. Diskussion beendet.

So in etwa läuft die Endlosschleife nicht vorhandener Kommunikation ab. Auch deswegen, weil immer suggeriert wird, man spräche über das selbe Thema, aber genau das geschieht nicht. Sie sprechen über das gleiche Objekt, aber unterschiedliche Interessen und Ziele. Ihnen fehlt eine empathische Übereinstimmung, ein gemeinsames Ziel, für das sie einstehen könnten.

Die einen sprechen über Ängste, wenn sie mit der Herstellung von Verlusten in ihrem “Überlebensraum” konfrontiert werden, die anderen erleben Verlustängste, wenn sie Eingriff und Spekulation nicht durchsetzen können. Für sie ist der Eingriff und die Marktfähigkeit eine Möglichkeit, Überleben herzustellen. Dieser emotional aufgeladene Antagonismus kennzeichnet die Nachhaltigkeitsdebatten, sobald unterschiedliche Disziplinen miteinander verhandeln, die sich in den Wertzuweisungen zu einem Objekt grundlegend unterscheiden. Es fehlen die Visionen, die über das sich gleichende Objekt und ihre unterschiedlichen Interessen hinausreichen. Oder eben eine andere Marktbetrachtung. Hier eine Idee dazu:

Letztendlich geht es nie ohne Eingriff

Auch Ausgleichsmaßnahmen sind eine Art “Eingriff”. Der Mensch kann ohne Eingriffe in seine Umwelt nicht existieren. Durch die Eingriffe entwickelt er die Beobachtungsqualiäten vor Ort, dadurch überlebt er. Die durch Eingriffe veränderten Kulturlandschaften stellen immer die neuen Lebensgrundlagen der lokalen Gemeinschaften her. Die Löhne, die neuen Produkte, die neuen Kulturtechniken, die aus einem Eingriff resultieren, müssen also — theoretisch — den lokalen Gemeinschaften einen Nutzengewinn bringen, einen Nutzen der sich auch noch über den Eingriff hinaus realisieren lässt.

Kulturlandschaften entwickeln sich, sie sind ein Gedächtnis der Eingriffsgeschichte. Naturelemente sind da oder eben nicht, sie gehen verloren, neue treten hinzu. Es gibt beobachtbare und unbemerkte Veränderungen. Es gibt Veränderungen die ängstigen, überschätzt werden und andere, die vollkommen unterschätzt werden. Die natürlichen Systeme sind träge, vergessen langsamer, aber sind deswegen auch gnädig bei kurzzeitigen und vielfältigen Einflüssen.

Grundsätzlich erlauben physische Raumzusammenhänge vielfältige, unterschiedliche Beobachtungen und Entscheidungen, sie generieren eine Vielzahl unterschiedlicher Lösungen und Handlungen. Die Gestaltung unserer Umwelt, der umgebenden Landschaft, ist deswegen keine Nebensächlichkeit.

Dieses ominöse Wort “Natur” ist eine Vorstellung von unserer Umgebung, wie sie ohne Eingriff wäre. Diese Natur gibt es nicht. Es gibt nur eine historisch aufgezeichnete und damit verlorene, eine potenziell natürliche und eine vorhandene Natur. Natur zu schützen heißt, Arten und Artenvielfalt zu schützen, gegen die Eingriffe des Menschen. Naturschutz entwickelt sich in diesem Verständnis immer nur an diesem Konflikt: Wie viel “Eingriff” ist verträglich, wie ist ein “Ausgleich” möglich. Wobei der Ausgleich nie den Eingriff tatsächlich ersetzen kann. Naturschutz greift auf diese Weise auch in lokale Gemeinschaften ein.

In Deutschland stehen Eingriff und Ausgleich im Naturschutz meist noch in einem regionalen Zusammenhang. Die Ausgleichsleistung im Amazonasregenwald für einen Eingriff hier ist aber für den, der den Eingriff durchführt, sehr abstrakt. Die Ausgleichszahlung gleicht dann eher einem Ablasshandel: Ein Akt, der das schlechte Gewissen vollständig wendet. Das klingt nach einem attraktiven Produkt, das auch Konsumenten erlaubt, sich von ihren Ökoschulden zu befreien.

Ein Handel mit Ausgleichstiteln, die sich im Lauf der Jahre zu wertvollen Bilanzwerten ausgewachsen haben (z.B. Wälder für die Holzindustrie, für Tourismus etc.) bringen dem Artenschutz und der Artenvielfalt nur eine Verschnaufpause.

Der relativ sinnlose Handel spült jedoch Geld in die Naturschutzkassen zur Finanzierung der wissenschaftlichen Begleitung von seriösen, langfristigen Naturschutzmaßnahmen und Schutzgebietsausweisungen.

Verzwickte Situation

Naturschutz macht bewusst, dass lokale Eingriffe effizienter werden müssen (um die Arten und Artenvielfalt zu schützen) — hinsichtlicher der Anzahl, der Intensität und der Angemessenheit, aber auch in Bezug auf die neuen Handlungsqualitäten, die Eingriffe vor Ort erzeugen. Der Naturschutz ist als Verwaltungsakt aufgezogen worden, um Eingriffe und Folgen und Nutzengenerierung (durch den Eingriff) zu thematisieren. Der Naturschutz ist für den “Kapitalismus” genau deswegen keine ausreichende Blaupause für kapitalbasierte Schutzkonzepte von Natur. Die Domäne “des Kapitals” ist es ja, über den Kapitalfluss nachzudenken und demnach auch indirekt über die Ressourcenverteilung und -vergeudung rund um den Globus sowie die irreversible Verteilung von Energieressourcen. Ein ernsthaftes Schutzkonzept von “Natur” würde die Unternehmen zu neuen Produktkonzeptionen und neuen Beoachtungsqualitäten in ihren Wertschöpfungsprozessen anregen. Die Entwicklungsbestrebungen, Naturkapital bilanzfähig zu machen, zeigt, dass nur halbherzig angenommen wird, was die fortschreitende Umwelt- und Ressourcenzerstörung in die Agenda schreibt.

Neue Perspektive gesucht!

Vielleicht ist es hilfreich, die Wertschöpfungskette als eine Nutzenschöpfungskette zu entwickeln: Neue Akteure in neuen Netzwerken, neue Distributionsformen, Recycling und Cradle-2-Cradle sind nur Stichworte. Letztendlich geht es darum, Produkte zu entwickeln, die individuelle, lokale, regionale Qualität entwickeln, um Eingriffe zu minimieren und Lebensqualität langfristig zu ermöglichen. Die digitalen Technologien kommen da gerade recht…

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