Das Namen-Paradoxon

Christian Schröder
Aug 8, 2017 · 3 min read

Vor ein paar Jahren, als ich meine Semesterferien noch als Teamer auf Ferienfahrten verbracht habe, haben wir uns untereinander die Herausforderung gestellt, spätestens beim zweiten Abendessen vor Ort die Namen aller Teilnehmenden zu kennen. Einige aus dem Team wussten, dass sie das nicht schaffen würden, weil ihr Namensgedächtnis so schlecht ist. Sie haben trotzdem mitgespielt. Weil auch ihnen klar war, dass das eine eine Voraussetzung für eine gute Ferienfahrt ist.

Bei unseren Fahrten kennen wir vorher meistens nur höchstens die Hälfte der Teilnehmenden. Hier fährt nicht eine feste Gruppe weg, die auch sonst regelmäßig miteinander zu tun hat. Sicher, viele kennen sich, weil sie auch sonst viel Zeit in kafarna:um verbringen oder sie auf dieselbe Schule gehen, aber viele fahren auch einfach nur mit, weil sie gesehen haben, dass es eine Ferienfahrt für Jugendliche gibt. Dass diese von einer Jugendkirche bzw. einem kirchlichen Jugendverband angeboten wird, ist zwar klar ersichtlich, aber für viele nicht der Grund, warum sie sich dort anmelden. Viele der Leute, die heute während des Jahres Zeit in der Jugendkirche verbringen, sind einmal über eine Ferienfahrt dazugekommen. Die Fahrt ist also anders als viele andere kirchliche Fahrten nicht das große Gemeinschaftsevent oder das “Dankeschön” (wie manchmal bei Messdienerfahrten), sondern ist selbst ein Weg, neu mit Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Deswegen ist es für mich als Jugendseelsorger wichtig, auch selbst mit dabei zu sein. Es gibt nur wenige Gelegenheiten, bei denen ich sonst mit Jugendlichen in Kontakt komme ohne sofort in einer Lehrer-artigen Rolle zu sein. Wenn Schulklassen oder Firmgruppen vor mir sitzen, ist es viel schwieriger, die Jugendlichen wirklich kennenzulernen. Wenn ich zwei Wochen mit ihnen in Kochtöpfen gerührt, Fußball gespielt oder Musik gemacht habe, dann kennen wir uns. Vielleicht hatten wir einfach nur zwei schöne Wochen im Sommer, vielleicht sehen wir uns aber auch bei anderer Gelegenheit wieder. Weil sie mal austesten, ob der Gottesdienst in kafarna:um auch sonst so schön ist, wie beim Nachtgebet unterm Sternenhimmel oder weil sie sich mit den anderen angefreundet haben, die öfter ihre Zeit in der Jugendkirche verbringen. Das ist beides in Ordnung.

Und der erste Schritt ist es natürlich immer wieder, die Namen zu kennen. Jetzt in den ersten Tagen müssen wir uns abends in der Teamerrunde manchmal noch gegenseitig auf die Sprünge helfen, wer denn jetzt nochmal Paula war. Merken tun wir es uns letztlich über erlebte Geschichten. “Die so gut Basketball spielt”…”Der gestern seine Brille verloren hat”. In den letzten beiden Tagen habe ich manchmal in erstaunte Gesichter geblickt, wenn ich jemanden direkt mit Namen ansprechen konnte, mit dem ich bislang noch nichts zu tun hatte. Es zeigt ihnen, dass sie hier nicht einfach nur “Teilnehmende” sind, sondern dass wir sie kennen, sie mit Namen ansprechen können, sie wertschätzen. Das ist die Basis für mögliche weitere Etappen, die sie mit unserer Gemeinschaft gehen wollen. Egal ob das der nächste Gottesdienst wird, der Firmkurs im nächsten Jahr, viele herrlich verschwendete Freistunden in unserer Hängematte oder einfach die nächste Ferienfahrt. In dem Moment, wo wir sie mit Namen begrüßen, ist diese Kirche auch schon ein Stückchen ihre Kirche geworden.

Hier geht’s zu Teil 1 der Reihe über “Ferienfahrten als Herzstück der Jugendpastoral”: https://medium.com/@cschroeder/verschwende-deine-arbeitszeit-wasseelsorgersomachen-2aea6afe8469

    Christian Schröder

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    Theologe, Storyteller, Serienjunkie, Footballfan