“Wir schicken es Ihnen per Post” — Wie man an Standortdaten von 84.492 Funkmasten kommt


Auch wenn es vielen Chefredakteuren noch nicht klar ist: Nichts passt besser zusammen als Lokaljournalismus und Datenjournalismus. In Bezug auf deutsche Behörden ist die Beziehung etwas komplizierter. Mein K(r)ampf mit der Bundesnetzagentur (BNetzA), um an Daten für unsere DDJ-Geschichte “Vergessen im Funkloch” zu kommen, ist der beste Beweis.

Wir wollten aufzeigen, ob und wo es in der Region Heilbronn-Hohenlohe noch Funklöcher gibt. Ein lesernahes Thema, das nahezu jeden betrifft — zumal es, wie sich herausstellte, in der Region ziemlich viele Orte gibt, in denen das Handy im Prinzip unbrauchbar ist.

Die Bundesnetzagentur betreibt die sogenannte EMF-Datenbank, in der sich “der interessierte Bürger” nach offizieller Lesart “unter Einhaltung der datenschutzrechtlichen Bestimmungen über die einzuhaltenden Sicherheitsabstände zu standortbescheinigungspflichtigen Funkanlagen informieren” kann. Der Ausdruck “datenschutzrechtliche Bestimmungen” ist wichtig, denn er wird die komplette Datenrecherche aus Journalistensicht unnötig erschweren.

Damit sich “der interessierte Bürger” auch richtig informieren kann, sind in der Datenbank die Standorte aller Mobilfunkmasten in Deutschland hinterlegt. Die Masten werden ab einer gewissen Zoomstufe auf einer Karte dargestellt. Ab einem Maßstab von 500 Metern, um genau zu sein, was dazu führt, dass die Daten immer nur für kleine geografische Ausschnitte zu sehen sind, niemals aber für größere Regionen wie das Einzugsgebiet der Heilbronner Stimme oder gar die komplette Republik.

So viele erfolglose Mails

Eine IFG-Anfrage über fragdenstaat.de, die ich am 26. September 2016 gestellt habe, schlug fehl. Mit der Begründung, mit der Behörden in Deutschland sich meistens gegen derlei Anfragen wehren: Datenschutz. Die Masten stünden teilweise auf Privatgrundstücken, vor der Weitergabe der Standortdaten müsse die BNetzA die Erlaubnis aller Betroffenen einholen. Das sei nicht zu stemmen, jedenfalls nicht kostenlos.

Stimmt. Allerdings scheint sich die BNetzA in der EMF-Datenbank nicht um derlei Datenschutzauflagen zu scheren. Dort werden die genauen Standortdaten und die ID der Masten unverschlüsselt an den Browser übertragen. Die Datei heißt GetStandorteFreigabe und lässt sich problemlos über die Entwicklertools des Chrome-Browsers auslesen. Allerdings eben nur für den aktuellen Kartenausschnitt.

Die Datei GetStandorteFreigabe enthält alle Geodaten der Funkmasten im Klartext

Mein Hinweis auf diese Übertragung überzeugte den Mitarbeiter des Referats 414 der BNetzA offensichtlich. Zudem hatte ich mich inzwischen explizit auch auf das Umweltinformationsgesetz (UIG) berufen, das strengere Richtlinien hat als das IFG. (Herzlichen Dank an Sebastian Mondial für den Tipp).

Besagter überzeugter Mitarbeiter schrieb mir am 21. Dezember 2016, fast drei Monate nach meiner Anfrage, dass er mir die Daten zuschicken wolle. Per Post. Ich solle ihm doch meine Adresse mitteilen. Die Rede ist von 84.492 Standorten. Da wären ziemlich viele Ziffern abzutippen…

Die Verwunderung über das Angebot hielt nicht lange an, schon einen Tag später meldete sich der Leiter des Referats 414 der Bundesnetzagentur bei mir. Meine Anfrage unterliege nicht dem UIG, die Standortdaten aber dem Datenschutz. Anfrage abgelehnt, keine weitere Begründung.

Eine weitere Mail von mir mit der Bitte um detaillierte Begründung blieb bis heute unbeantwortet. Das war am 9. Januar 2017, mehr als ein Vierteljahr nach meiner ersten Anfrage. Es war die insgesamt zehnte Mail, die in der Sache zwischen mir und der BNetzA kursierte.

Zum Glück gibt es Github

Lange Rede, kurzer Sinn: Zum Glück gibt es Github und zum Glück gibt es Medienanwälte, die dem kleinen Redakteur versichern, dass man nichts Illegales tut, wenn man sich die Daten einfach aus der EMF-Datenbank scraped.

Die Programmierer von Kölnapi haben sich schon vor geraumer Zeit mit dem Thema befasst und ein Pythonscript bei Github hochgeladen, das die Funkmasten von Köln ausliest. Für ganz Deutschland zickte das Script ein wenig, so dass ich ein paar Anpassungen vorgenommen habe.

Jetzt liest es ohne Probleme die ID und den Typ der Masten, ihre Längen- und ihre Breitengrade aus. Das Script beginnt tief im Südwesten und arbeitet sich bis in den höchsten Nordosten des Landes vor.

Was das Script nicht verrät, sind die Anbieter der Masten und den Netzstandard (also LTE, UMTS oder GSM), auf den sie ausgelegt sind. Auch die Höhe, die nötigen Sicherheitsabstände und die Richtung, in die sie senden, wird nicht mit ausgegeben. Wer damit journalistisch arbeiten will, muss also in die interessanten Gebiete rausfahren und den Empfang selbst prüfen.

Zu finden ist das Script unter diesem Link. Wer es verwenden will, ist herzlich eingeladen. (Mit der kleinen Bitte bei einer eventuellen journalistischen Veröffentlichung doch auf mich oder die Heilbronner Stimme hinzuweisen.)

Wer kein Python-Script bedienen kann oder will, kann sich hier den kompletten Datensatz als CSV herunterladen.

Und wer einfach nur mal gucken will, darf gerne bei stimme.de vorbeischauen. Zwischen der lokaljournalistischen Bearbeitung des Themas ist auch eine Karte mit allen Mobilfunkmasten in ganz Deutschland versteckt.

Fortsetzung folgt, die Daten geben noch mehr her…