Liberale müssen Populismus lernen
Gerald Hensel
3110

Als Antwort auf das Gesprächsangebot des Autors: Es stimmt nicht, dass wir keine Rezepte gegen die Strategien der Antidemokraten haben. Es stimmt wohl, dass ‘die Liberalen’ oder auch ‘die Linken’ keine Rezepte haben. Das liegt vor allem daran, dass sie den Kampf mit den Antidemokraten (ich schreibe bewusst nicht ‘den Rechten’) mit einer politischen Auseinandersetzung verwechseln. Wie der Kommentar unter mir richtig anmerkt: Sie setzen Moralinsäure und Etiketten ein, weil das im normalen politischen Diskurs bisher gut funktioniert hat.

Es geht aber nicht mehr nur um normale Politik. Es geht auch und insbesondere um die Ermöglichungsbedingungen von Politik, pluraler, streitlustiger, dissensorientierter Politik. Sämtliche antidemokratische Narrative operieren mit der Differenz ‘Entweder-Oder’. Sie zehren von Reaktionen, die ihren Modus Operandi bestätigen. Wer ohne groß darüber nachzudenken ‘zurücktrollt’, wer mit diskursiver Gegengewalt zurückschlägt, der bekämpft sie nicht. Er bestätigt die sorgfältig vorbereiteten Strohmänner und Pappkameraden vom moralinsauren Gutmenschen, der versucht, einem den Mund mit Gewalt zu verbieten.

Ich stimme zu, dass ein demokratischer und republikanischer Diskurs — sei er nun links, liberal, grün oder konservativ, in allen Schattierungen — auch wieder offensive Formen der Auseinandersetzung aktivieren muss. Populismus ist allerdings vor allem dann ein Problem, wenn es zunächst nur eine Seite gibt, die populistisch argumentiert. Denn dann kann sich diese Seite, sobald sie kritisiert wird, populistisch als Opfer stilisieren. Sie kann sich populistisch durch Provokationen in Szene setzen. Und sie kann die Reaktionen auf diese Provokationen für die Plausibilisierung ihrer Narrative ausbeuten — auch und insbesondere dann, wenn diese Reaktionen dieselben Mittel einsetzen. Die Logik des ‘Entweder-Oder’ braucht zwei Seiten. Wer auf Populisten mit denselben Mitteln antwortet, der wird sie in ihrer Logik nur bestätigen. Dasselbe gilt für das Trollen.

‘Populismus’ ist aber eine Sammelbezeichnung für verschiedene Strategien. Darunter fallen natürlich Provokationen und Ausbeutung der (‘getriggerten’) Reaktionen des Gegners. Darunter fällt aber auch die Multiplikation der eigenen Botschaft. Die Darstellung des Umstandes, dass viele — auch und gerade solche aus verschiedenen Bereichen — gegen das Konzept sind, das man angreifen will. Populismus schafft diese Verbindung über das einfache ‘dagegen’, die einfache Negation. Egal, was man inhaltlich vertritt — dagegen kann man immer sein. Was aber passiert, wenn man gegen so ein einfaches ‘Dagegen’ ist? Welche Position müsste man vertreten, wenn man alle Menschen über ein solches ‘Dagegen’ gegen das populistische ‘Dagegen’ miteinander verbinden will — egal, welche politische Ausrichtung sie sonst haben.

Mir fällt nur eine ein: Die Erhaltung der Bedingungen, unter denen ein pluraler Diskurs, ein politischer Streit möglich ist. Gewissermaßen also: Politische Nachhaltigkeit. Der populistische Diskurs, den die Antidemokraten nutzen, will genau diese Bedingungen abschaffen. Statt Freiheit soll eine bestimmte Ordnung geschaffen werden. Statt langwierigen Abstimmungen repräsentieren starke Führer den Willen des Volkes. Statt Gleichberechtigung sollen vor allem die Starken, die Kalten, diejenigen, die sich als Elite sehen und fühlen, die Schwachen und Minderwertigen beherrschen. Die Ähnlichkeit zu alten Adelsherrschaften ist nicht zufällig.

Wenn also ein neuer — wie gesagt: linker, liberaler, konservativer, grüner, sonstiger — Populismus gefordert wird, dann muss es ein kluger, reflektierter Populismus sein. Das klingt wie ein Widerspruch — aber da Populismus eben auch Strategien der Verbreitung von Botschaften, der Repräsentation von Meinungen usw. umgreift, ist es höchstens ein partieller Widerspruch. Wenn gefordert wird, den antidemokratischen Trollen eigene Trolle gegenüberzustellen — dann müssen es Trolle sein, die das Trollen ihres Gegners reflektieren. Trolle vertrauen darauf, dass Herabwürdigung sie im Gespräch als Sieger dastehen lassen. Sie provozieren Reaktionen, die sie dann als Bestätigung ihrer Pappkameraden verkaufen können.

Aber genau deswegen, weil sie darauf vertrauen, sind sie an diese Strategien gebunden. Sie sind berechenbar. Sie verhalten sich — im Grunde — alle gleich. Genau das ist die Achillesferse eines solchen Diskurses: Er muss, am laufenden Band, seine eigene Überlegenheit beweisen, sich selbst und allen anderen. Er klopft sich ständig auf die Brust. Er zeigt laufend sein großes stählernes Gemächt. Und oft nimmt er sogar die Reaktion seines Gegners vorweg, obwohl die fast nie eintritt — indem er seine eigene Großsprecherei vorsorglich noch einmal ironisiert. Aber Ironie ist verräterisch. Sie immunisiert nicht. Wer sie laufend einsetzt, den verrät sie. Wenn offensive Strategien einen Sinn haben sollen, dann müssen sie diese Schwächen mitbedenken und ihrerseits zum eigenen Vorteil wenden. Zur Schulhofschlägerei muss — in bestimmten Anteilen — Schach dazukommen. Also: Vorwegnahme der Gegenreaktion, Provokation bestimmter berechenbarer Verhaltensweisen. Alles, ohne selbst den Troll, den man bekämpft, dadurch stark zu machen, dass man sich einfach nur seiner eigenen Mittel bedient. Denn darauf setzt er.

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.