Die Vystopie

Nachwirkungen der “roten Pille”

Neo entscheidet sich im Film “Matrix” für die rote Pille

Was würdest du tun, wenn du herausfinden würdest, dass ein geliebtes Familienmitglied oder deine bessere Hälfte einen Auftragskiller bezahlt hat, um einen Unschuldigen umzulegen? Was würdest du tun, wenn die Polizei sich auf die Seite des Täters stellt? Wenn plötzlich alle mitmachen, Tag für Tag, nur weil sie es können? Wenn mit den Überresten der Opfer Feste gefeiert werden?


Psychologin Clare Mann prägte 2017 erstmals den Begriff vystopia: Eine Neuwortschöpfung aus den englischen Begriffen veganism und dystopia. Überträgt man das ins Deutsche ergibt sich der Begriff Vystopie. Sie ist definiert als die Existenzkrise, die hauptsächlich Veganer erfahren, welche den trance-ähnlichen Zustand unserer dystopischen Gesellschaft wahrnehmen. Dabei leiden sie an einer Art Weltschmerz, der aufkommt, wenn man sich unter anderem der systematischen und extrem zerstörerischen Ausbeutung und Tötung der 60 -150 Milliarden Tiere pro Jahr bewusst wird und der Tatsache, dass diese Lebewesen genauso in der Lage sind Angst, Schmerzen, Trauer, aber auch Liebe und Freude zu erfahren, wie wir Menschen.

Mit ihrer 30-jährigen Erfahrung als Psychologin, 10-jährigen Erfahrung als Veganerin und ihren zahlreichen akademischen Graden, ist Clare Mann mehr als nur fähig die Vystopie als ernstes psychologisches Phänomen zu validieren. So ist auf dem Einband ihres Buches zu lesen:

“Clare Mann; vegane Psychologin, Authorin und Existenzial-Psychotherapeutin, validiert nicht nur die Erfahrung des Veganers, sondern lehnt medizinische Etiketten ab, die behaupten ein solches Verhalten wäre abnormal. Als eine erzählende Zeugin der Vystopie, versorgt sie Veganer mit einer Sprache und einem Werkzeugkasten, mit denen sie ihre Pein verarbeiten und sich mit anderen vereinen können, um die größte Herausforderung sozialer Gerechtigkeit unserer Zeit zu examinieren: Unser Verhältnis mit dem Tierreich.” (eigene Übersetzung)

Die Vystopie ist problematisch, da sie weit über die Empathie zu den Tieren in engen Ställen und Käfigen hinausgeht. Denn hat man diese erst einmal aufgebaut, findet man sich unter Freunden, Familien, Nachbarn, Mitschülern, Kommilitonen und Kollegen wieder, die mit dem Konsum von Tierprodukten (meist unbewusst) zu unermesslichem Leid beitragen. Daraus wird oft eine Existenzkrise, da die meisten täglich mit den Leichenteilen und Ausscheidungen dieser Tiere und/oder mit der teils unbewusst speziesistischen Gesellschaft konfrontiert werden. Das Dilemma liegt auf der Hand: Man möchte sich gegen den unnötigen Konsum von Fleisch, Milch, Eiern, etc. äußern, weiß aber ganz genau, dass man dadurch das Weltbild des Gegenübers in Frage stellt und somit riskiert, ausgegrenzt und/oder verspottet zu werden. Geht man dieses Risiko ein, wird man Zeuge einer Trance, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Wir wurden von einem System indoktriniert, das eine radikal speziesistische Doppelmoral normalisiert und dafür sorgt, dass diese im Alltag bloß nicht in Frage gestellt wird.


Allerdings hört es da nicht auf. Da man nicht dem Mythos des Veganers mit Mangelerscheinung X entsprechen möchte, sobald man aufhört, Tiere und deren Ausscheidungen zu verzehren, informieren sich die meisten, woher sie denn welche Nährstoffe beziehen können. Dabei findet man schnell heraus, dass man Eisen, Calcium, Vitamin B12 und Co. tatsächlich ohne das Ausbeuten und Töten unschuldiger Erdlinge aufnehmen kann. Vergleicht man nun sein neu gewonnenes Wissen mit den vorherrschenden Ernährungsmythen in der Gesellschaft, stellt sich einem die Frage wie diese sich überhaupt durchsetzen konnten. Buddelt man weiter, wird man sich der gigantischen Industrie bewusst, welche die Bevölkerung über die gesundheitlichen Folgen des Konsums von Tierprodukten im Dunkeln lässt.

Steigt man tiefer in den Hasenbau, stellt man fest, dass die Industrien, die Tierprodukte herstellen und verarbeiten, bewusst oder unbewusst auf Taktiken der Tabak-Industrie zurückgreifen, seitdem bekannt ist, dass Fleisch krebserregend ist. Denn penibel ausgearbeitete Umweltberichte und alle brauchbaren wissenschaftlichen Publikationen im Gesundheitswesen sind sich einig: Tierprodukte sollten der Vergangenheit angehören. Mit den Standartpraktiken — beispielsweise in der Schweinezucht oder der Geflügel-Industrie — lässt sich ebenfalls schlecht werben. Somit haben die entsprechenden Industriezweige nur noch einen letzten Strohhalm, an den sie sich klammert: Gewohnheit. Was ist also das effektivste Mittel, um die so schon hektische Gesellschaft vom Schwenker im Supermarkt zu pflanzlichen Alternativen hin abzuhalten? Zweifel. Somit setzt der gefährdete Teil der Nahrungsmittelindustrie enorme Geldmengen ein, um unter anderem Studien zu ihrem Gunsten zu verzerren, damit in den Medien gesagt werden kann “Studien haben gezeigt, dass…”. Die so erzeugten, vermeintlich guten Nachrichten über schlechte Gewohnheiten verkaufen sich extrem gut.

Beispiele wie Karzinogene an den Mann gebracht werden

Sobald man die Manipulation und Täuschung durch Lobby-Arbeit beispielsweise beim Thema Ernährung aufgedeckt hat wissen viele erstmal nicht, wessen Informationen man trauen kann.

“Der Hang zu unseriösen Heilslehren ist bei ein paar Vegetariern und Veganern stark ausgeprägt — ich erkläre mir das so, dass der Schritt zu einer Ernährung ohne Tierprodukte oft mit der Erkenntnis einhergeht, dass man diesbezüglich einen großen Teil seines Lebens stark in die Irre geführt wurde und man sich gegen die eigenen Überzeugungen und Vorstellungen eine entscheidende Wahrheit erkämpft hat. Für menschliche Gehirne, die sich die Realität wahnsinnig gerne mit Mustern erklären, liegt der Gedanke nahe, dass es auch in anderen Lebensbereichen unfassbare Skandale aufzudecken gilt und womöglich sinistere Mächte am Werk sind.”
Der Graslutscher

Somit fangen einige an auch in anderen Bereichen im Leben den Status quo in Frage zu stellen: Macht es Sinn unser Essen durch dutzende Herstellungsprozesse zu schleusen oder sollten wir es nicht essen wie es in freier Wildbahn vorkommt? Braucht unser Körper wirklich dubiose Tabletten oder Pillen, welche von Chemie-Konzernen vertrieben und hergestellt werden, wenn wir mal krank sind? Ist unser Trinkwasser in Ordnung? Zucker? Handys? SCHUHE? Bei den teils sehr kostspieligen Abhilfe-Maßnahmen, kann man den Eindruck bekommen, dass optimale Gesundheit nur für wenige Privilegierte erreichbar ist.


Nichtsdestotrotz fragt man sich im Zeitalter des Internets, wieso die Leute nicht schon eher herausgefunden haben, dass der enorm gestiegene Fleischkonsum für den Großteil heutiger Regenwaldabholzung, Treibhausgasemissionen, Hungertode und für das sechste Massenaussterben auf diesem Planeten verantwortlich ist. Allerdings kann man es kaum jemandem übel nehmen, wenn angesichts der medialen Sturzflut, die das Internet ermöglicht hat, die Prioritäten so gesetzt sind, dass sich die wenigsten damit auseinandersetzen was nun die Ursache jener katastrophalen Umweltschäden ist.

Allein im letzten Jahr wurden weltweit 197 Umweltaktivisten ermordet, weil sie die Umweltzerstörung nicht hinnehmen wollten, die wir mit unserer Nachfrage antreiben. Und doch erscheint die Zahl verschwindend gering verglichen mit den hunderttausenden Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, welche “durch eine rein pflanzliche Ernährung beseitigt werden kann.”. Doch nicht nur im brasilianischen Regenwald werden Aktivisten eingeschüchtert: In den USA beispielsweise gilt es als terroristische Aktion, wenn man dort dem Profit der Unternehmen, die sich dirket durch die Ausbeutung, Knechtschaft und Tötung unschuldiger Erdlinge finanzieren, schadet, zum Beispiel, indem man Videos von Schlachtbetrieben der Öffentlichkeit zugänglich macht oder direkt versucht Tiere vor einem grausamen Tod zu bewahren. Wenn man dann noch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit leistet, wie in diesem Beispiel, wird man “Tierrechts-Terrorist” genannt. Doch selbst im ach so fortschrittlichen Deutschland schwebt über Aktivisten stets die Gefahr der systematischen Ausgrenzung:

“ […]. 1 Tag später stand die Polizei vor seiner Tür. Diese führte mich zwangsweise einem Psychater vor, weil meine Familie mich (wegen meiner Weltansichten und Ernährungsweise und ihren Psychischen Problemen) als vermisst, Eigen- und Fremdgefährdet und Psychisch gestört gemeldet hat. Die geschlossene Klinik für Psychatrie entlies mich direkt wieder mit der Diagnose “Anpassungsstörung”.”
Manuel Earthling

Die Obszönität der Ei-, Milch- und Fleischproduktion wäre mehr als offensichtlich, wenn die Bevölkerung mit den Bergen an täglich anfallenden Fäkalien und Körperteilen (eben alles, was sich nicht schick in Plastikschalen verpacken lässt) konfrontiert werden würde. Aber es soll ja nichts verschwendet werden, deshalb wird Letzteres zum Teil zu bunten, vermeintlich unschuldigen Gummibärchen zusammengeköchelt. Ersteres nimmt dann doch zumindest einer unserer Sinne wahr, und zwar beim saisonalen Mistdüngen. Dass es den Böden ohne Extremente besser gehen würde, erfährt jedoch kaum einer.

Kommende Generationen werden auf das Zeitalter des Speziesismus als das ungerecheteste, grausamste und destruktivste dieses Planeten zurückblicken und uns fragen, wir das zulassen konnten. Ungefähr so wie wir uns heute fragen, wie denn unsere Groß- und Urgroßeltern die Gräueltaten des Dritten Reiches zulassen konnten. Wie man auf so eine gewagte These kommt? Zum Beispiel, indem man einem Opfer einer lebensverachtenden Behandlung und maximalen Entrechtung wie Alex Hershaft dazu befragt und zuhört.

“Menschen, die in direktem Aktivismus involviert sind, müssen sich durch eine kolossale Menge an Dunkelheit arbeiten. Sie sind so mutig und begegnen dem Schlimmsten, was Tieren zustößt von Angesicht zu Angesicht, und sie bezahlen einen riesigen Preis in Form ihres geistigen Friedens und ihrer mentalen Gesundheit. Als Resultat ist es manchen fast unmöglich als Mitglied der Gesellschaft zu funktionieren.” (eigene Übersetzung)
— Karyn Jane (The Lost Lemurian)

Eine Umfrage ergab, dass unter Veganern gut 80% an der Vystopie leiden und das zur Zeit beste Gegenmittel scheint Vernetzung und effektiver Aktivismus zu sein. Solange wir uns gegenseitig unterstützen, gesunde Beziehungen und Freundschaften aufbauen, werden wir diesen tristen Zeiten mit einem Lächeln begegnen können.

Wenn du also nur eines von diesem Artikel mitnehmen möchtest, dann lass es das sein: Sprich mit jemandem darüber, wenn du dich einsam oder hilflos fühlst. Da draußen gibt es eine Menge toller Leute, die jederzeit ein offenes Ohr haben und sich tatsächlich Sorgen machen wie es denn den Mitmenschen um sie herum geht, auch wenn man diese oft nicht auf Anhieb findet.

“Er half mir aus meinem Leiden. Das ist eines der größten Geschenke, das wir jemandem machen können.” (eigene Übersetzung)
James Aspey

Herzlichen Dank an Lara Gutbrod und Manuel Earthling für eure Inspiration und tolle Unterstützung beim Schreiben dieses Artikels!


Veröffentlicht: 03.06.2018

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