Ist die Unabhängigkeitserklärung der USA ein Ausdruck dafür, dass man aus der Geschichte die richtigen Schlüsse gezogen hatte?

Über den Nutzen der Geschichte

Wozu braucht man eigentlich Geschichte? Kann man aus ihr einen Nutzen ziehen? Und wenn ja, welchen?

Eigentlich wollte ich den folgenden Beitrag mit der Frage beginnen: ob man aus der Geschichte lernen kann. Aber diese Frage ist lächerlich, oberflächlich, unreflektiert. Genauso könnte man fragen, ob ein Mensch aus seinen persönlichen Erfahrungen lernen kann. Denn was ist Geschichte anderes als das Festhalten der Erfahrungen aller Menschen?!

Ausgerechnet moderne Historiker tun sich immer schwer mit dieser Frage. Aber das scheint verständlich. Sieht man doch einerseits, dass die Menschen oft genug nicht aus der Geschichte gelernt haben. Anderseits ist es doch ein Selbstschutz, um nicht genötigt zu werden, Orakel sein zu müssen. Denn anders als das Orakel darf der Historiker nicht in Rätseln sprechen. Von ihm will man Konkretes.

Große Denker haben sich aber meistens auf die Geschichte berufen. Eine Fülle von Namen ließe sich aufzählen. Nehmen wir als Beispiel den „Mit-Gründervater der deutschen Soziologie“ Max Weber. Sein Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“, mit dem Kapitel über „Charismatische Herrschaft“, ist ohne Bezug auf die Geschichte nicht denkbar. Auch wenn er gelegentlich etwas missdeutete — wie das Amt des „Oberstrategen“ im antiken Athen, welches es nicht gab –, so besitzen viele seiner Schlüsse heute nach wie vor Gültigkeit.

Ein anderes Beispiel ist Karl Marx. Auch er glaubte aus der Geschichte lernen zu können. In seinem Text „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ weißt er auf Hegel hin, der sagte, „dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen.“ Marx erweiterte es mit den Worten:

„Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“

Der amerikanische Admiral Alfred Thayer Mahan versuchte in seinem 1890 erschienenen Werk „Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte“ die Bedeutung der Marine aufzuzeigen. Auch für ihn war der Blick in die Geschichte selbstverständlich. Selbst wenn man seine Schlussfolgerungen kritisieren wollte, so hatte sein Werk trotzdem einen großen Einfluss auf Politik und maritime Doktrinen verschiedener Länder. Weber, Marx und Mahan haben für ihre Arbeiten und Erkenntnisse die Geschichte genutzt. Sie sind Beispiele unter vielen.

Historiker die meinen, man könne aus der Geschichte nicht lernen unterschätzen entweder die Bedeutung ihres Fachs oder möchten sich einfach nur in ihren Elfenbeinturm zurückziehen.

Dass man aus der Geschichte lernen kann, zeigen eigentlich auch jene Beispiele, in denen NICHT aus der Geschichte gelernt wurde. Also in Fällen, in denen Fehler erneut begangen wurden. So wie George Santayana schrieb:

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.“

Hitler lernte nichts aus Napoleons Scheitern in Russland. Obwohl er und seine Generäle das Werk des „Kriegstheoretikers“ Carl von Clausewitz‘ „Über den Krieg“ hoch und runter beteten und sicherlich auch Clausewitz‘ Werk „Der russische Feldzug von 1812“ kannten, hörten sie nicht auf seinen Rat, dass man Russland auf Grund seiner geographischen Größe militärisch nicht besiegen kann, sondern nur, wenn man seine inneren Widersprüche nutzt. Diese Lehre hingegen zogen Hindenburg und Ludendorff, als sie 1917 Lenin im plombierten Eisenbahnwagen aus seinem Exil in der Schweiz nach Sankt Petersburg fuhren und ihn mit Geld ausstatteten, um eine bolschewistische Revolution auszulösen. So bearbeiteten Hindenburg und Ludendorff die inneren Widersprüche Russlands. Das könnte eine Lehre aus der Geschichte sein: Verstärke die inneren Widersprüche deines Gegners. Also eigentlich ist es offensichtlich: Wenn man eine Regierung stürzen will — egal ob faschistische Diktatur oder rechtsstaatliche Demokratie — muss man die Opposition unterstützen. So verfuhren schon die alten Griechen in den Streitigkeiten zwischen den Oligarchen und den Demokraten. Und gibt es nicht Hinweise auf Unterstützer der modernen Rechten?

Auch die Amerikaner hätten aus der Geschichte lernen können und die Vergeblichkeit ihres Einsatzes in Vietnam einsehen. Ihre eigene Geschichte lehrte sie dies. So wie die Amerikaner im 18. Jahrhundert für ihre Unabhängigkeit gegen die Briten kämpften, kämpften die Vietnamesen für die ihre. In Vietnam spielten die Amerikaner die Rolle der Briten. Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sahen das einige in der Administration der USA. Doch die politischen und militärischen Entscheider hörten nicht auf sie. Die amerikanische Historikerin und Publizistin Barbara Tuchman beschreibt die Geschehnisse in ihrem Buch „Die Torheit der Regierenden“.

Wofür sich auch mehrere Beispiele in der Geschichte finden lassen, ist, dass unter bestimmten Umständen Staaten sich eingekreist und verfolgt fühlen und dadurch zu Kriegen neigen.

Der antike griechische Historiker Thukydides beschrieb so die Lage der Korinther, die Sparta deshalb zum Krieg gegen Athen trieben. Dabei ging es Korinth weniger um militärische oder territoriale Umzingelung als vielmehr darum, dass es „Märkte“ an Athen verlor. Dieses Gefühl, eingekreist zu sein, einen Minderwertigkeitskomplex und Verfolgungswahn schreiben verschiedene Historiker und Journalisten dem deutschen Kaiserreich und Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu — ähnlich wie Russland heute. Man kann sagen, dass die Europäische Union mit der Ukraine versucht hat, Russland einen Markt abzunehmen — im weitesten Sinne. Absichtlich oder Unabsichtlich — beides war naiv.

Dabei bietet Geschichte aber nicht nur Lehren für die politischen Entscheidungsträger, sondern auch für Bürger eines Gemeinwesens.

Besonders ist hierfür — trotz seines „Alters“ — das Geschichtswerk des Thukydides geeignet. Er beschreibt in seinem Werk den Krieg der Spartaner gegen die Athener von 431–404 v. Chr. Nebenbei berichtet er aber auch über menschliche Verhaltensweisen. Diese Beschreibungen sind so zeitlos, dass man sie fast wie eine Folie über unsere Zeit legen könnte. Wer Thukydides gelesen hat, ist in der Lage mit aktuellen Krisen viel gelassener umzugehen.

Aus seinem Werk kann man lernen, leere Versprechen von Politikern zu erkennen. Umgekehrt aber auch zu ahnen, was Politiker planen, worüber sie aber schweigen. Von Thukydides lernt man die Welt danach zu betrachten, was möglich und wahrscheinlich ist und was nicht.

Für die Verführungsversuche von Populisten ist man nach seiner Lektüre weniger anfällig, weil man besser unterscheiden kann, was diese wirklich durchsetzen wollen und können und was nicht. Wer von Thukydides gelernt hat, wird weniger von Krisen und Skandalen in Politik und Wirtschaft überrascht, und überlegt gelassen, was dagegen getan werden kann.

Thukydides legt in seinem Werk menschliches Verhalten offen. Er beschreibt Grausamkeiten, von Egoismus getriebene aber der Vernunft widersprechende Handlungen, Dummheiten von Volksmengen, Streit zwischen Staaten und innerhalb von Staaten und Verrohung von Sitten — aber nicht als Verfallsursachen, sondern an konkreten Beispielen, die sich heute immer noch genauso finden lassen. Besonders eindrucksvoll ist sein Kapitel über die Bürgerkriegswirren auf der Insel Kerkyra (heute Korfu) und der daraus folgenden Verwilderung der politischen Sitten. Er beschreibt, wie sich unter diesen Umständen die Bedeutungen von Begriffen änderten: Sittlichkeit wurde zum Deckmantel von Angst; Klugheit zu Trägheit;

wer schimpfte „und eiferte, galt immer für glaubwürdig, wer ihm widersprach, für verdächtig.“

Die Parallelen zur modernen Rechten sind offensichtlich. Der liberale Journalismus ist „Lügenpresse“ oder „Fake News“. Thukydides beschreibt die Spaltung eines Gemeinwesens. Wir erleben im Moment die Anfänge. Thukydides lässt einen Athener sinngemäß sagen:

„Nichts ist widersprüchlich, was nützlich ist.“

An Donald Trumps Reden und Tweets lässt sich das sehr gut nachvollziehen. In Reden richtet sich sein Gesagtes je nach dem Publikum. Vor Militärs ist er für die Nato, vor seiner Klientel dagegen.

Das alles spaltet natürlich eine Gesellschaft. Genauso spaltet auch das Lenken von Hass gegen eine Minderheit eine Gesellschaft. Dabei lehrt die Geschichte, dass Fremdenfeindlichkeit und Hass gegen Minderheiten für jedes Gemeinwesen schädlich sind. Im Jahre 1492 wurden in Spanien alle Juden gezwungen, Spanien zu verlassen oder zum Christentum zu konvertieren. Durch die Vertreibung verlor Spanien einen großen Teil seiner wirtschaftlichen Elite. Der Staat hatte deshalb große Schwierigkeiten seine Steuern einzutreiben; diplomatisch versierte sprachkundige Berater fehlten; es mangelte an Handwerkern. Als die Gold- und Silberquellen aus der neuen Welt versiegten, welche die wirtschaftlichen Schäden überdeckten, schied Spanien aus dem Kreis der Großmächte aus. Dort, wo die Juden Aufnahme fanden, trugen sie zum Florieren der Wirtschaft bei, wie zum Beispiel in England oder im Osmanischen Reich. Der osmanische Sultan Bayezid II. sagte:

„Wie töricht sind die spanischen Könige, dass sie ihre besten Bürger ausweisen und ihren ärgsten Feinden überlassen?!“

Auch die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich im 17. Jahrhundert hat für Frankreich wirtschaftliche Probleme zu Folge gehabt. Für die aufnehmenden Länder, wie unter anderem Brandenburg-Preußen, bedeutete es eine demografische und somit wirtschaftliche Stärkung.

Desgleichen lehrt die Geschichte — nicht nur die Moral, die Ethik oder das Gewissen –, dass Gewalt gegen Minderheiten nie etwas Positives bewirkt hat. Im Gegenteil: die sozialen Risse einer Gesellschaft, die durch Gewalt entstanden, waren und sind (und werden sein) schwer zu beheben. Sie zerstören das Vertrauen, ohne das eine Gesellschaft nicht funktionieren kann. Auch das zeigt Thukydides am Streit zwischen Oligarchen und Demokraten im Athen des fünften Jahrhunderts v. Chr. Dieser Streit zerstörte den gemeinsamen gesellschaftlichen Konsens und damit das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft, was letztlich zur Niederlage Athens gegen Sparta führte. Gerade Thukydides hilft beim Umgang mit solchen Krisen.

Von ihm lernt man Gelassenheit und einen sachlichen und zornlosen! Umgang mit den Dingen.

Allerdings gibt es auch Beweise dafür, dass die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat! Der Renaissance-Politiker und Politiktheoretiker Machiavelli lernte zum Beispiel von Agathokles, dem Tyrannen von Syrakus, dass „Grausamkeiten“ — wenn man schon welche zu begehen hat — immer zu Beginn einer Herrschaft durchgeführt werden sollten. Agathokles ließ während seines Putsches mehrere tausend wohlhabende Bürger von Syrakus erschlagen, galt aber danach durch gelegentliche Wohltaten für das Volk seinen Zeitgenossen und antiken Historikern als guter Herrscher. Das mag man grausam finden, aber nach der Wahl einer neuen Regierung werden heutzutage gern erst einmal die Steuern erhöht und zum Ende der Legislaturperiode „Geschenke“ an die Wähler verteilt. Hat man da nicht von Machiavelli beziehungsweise Agathokles gelernt? Insgesamt sind ja gerade Machiavellis Werke „Der Fürst“ und die „Discorsi“ Ausdruck dessen, was Machiavelli aus der Geschichte gelernt zu haben glaubt. Und er ist heute neben der Politik auch im gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereich noch interessant, wie die Werke „Machiavelli für Frauen“, „Machiavelli für Manager“ oder ähnliche Titel belegen. Auch der englische Philosoph Thomas Hobbes lernte aus historischen Ereignissen den Sinn des Gewaltmonopols des Staates, wie er es in seinem Werk „Leviathan“ entwickelt hat.

Es gibt aber noch bedeutendere Beweise, dass die Menschheit aus der Geschichte gelernt hat. Das sind die Belege, die — wenn nicht die ganze Welt, so doch mindestens die „westliche“ Welt betreffen und diese maßgeblich geprägt haben. Dies sind die UN-Menschenrechtscharta und ihre Vorläufer, wie die Virginia Declaration of Rights, die Unabhängigkeitserklärung der USA oder die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte durch die französische Nationalversammlung während der französischen Revolution, die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionen. Ebenso ist das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ein Beleg dafür. Denn was ist jeder einzelne Artikel dieser Erklärungen anderes als eine Lehre, die man aus der Geschichte gezogen hat?!

Ohne das ganze Unheil, das vorher angerichtet wurde, wären diese Erklärungen und das Grundgesetz nicht zu diesem Zeitpunkt verfasst worden, an dem sie verfasst wurden.

Diese Texte sind Einsichten, dass vergangene Fehler sich nicht wiederholen dürfen. Dafür hat man sie schriftlich festgehalten. Und ihre Geltung ist zeitlich nicht begrenzt, sie sollen nicht nur für einen bestimmten Zeitraum gültig sein.

Man kann also aus der Geschichte lernen. Aber man darf nicht wie der Esel in Äsops Fabel denken. Dieser fiel mit Salz beladen in einen Bach. Und weil sich das Salz im Wasser auflöste, war seine Last leichter. Deshalb ließ er sich das nächste Mal, als er jedoch Schwämme trug, wieder in den Bach fallen. Diese sogen Wasser auf und erschwerten seine Last. So kann man an die Geschichte nicht herangehen.

Man kann Vergangenes nicht eins zu eins übertragen.

Man muss, wie Machiavelli das sagte, schon die „qualita dei tempi“, die Zeichen der Zeit, erkennen. Man muss das Denken in Schubladen oder immer gleichen Bahnen ablegen.

Also lautet die Frage nicht, ob man aus der Geschichte lernen kann. Die Frage muss lauten: ob der Mensch in der Lage ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen, beziehungsweise ob er sich oder seine Herangehensweise ändern kann.