Gebete der Stille

Booklet-Text für David Ianni’s Album „Prayers of Silence“, OehmsClassics 2014


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Der Herr antwortete: Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn! Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln. Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle. (1 Kön 19,11-12)


Die Stille ist die Quelle der Inspiration für dieses Album. Als Künstler und als Mensch brauche ich die Stille, die ich vor allem in der Ruhe des Gebetes finde. Sie befruchtet meine musikalischen Einfälle und lässt sie zu fertigen Kompositionen heranreifen. Dennoch sind die hier vorgestellten Werke nicht frei von Konflikten, sondern ein inniger Ausdruck jener Sehnsucht nach Frieden, um den wir inmitten der Stürme des Alltags immer wieder ringen müssen. In diesem Sinne lade ich Sie ein auf eine musikalische Reise, die getragen ist vom Lauschen auf das „sanfte, leise Säuseln“. Wenn meine Musik den Weg in Ihr Herz findet, hat sie ihr Ziel erreicht.

Obsculta

Die Regel des heiligen Benedikt († 547), die bis heute die Grundlage vieler geistlicher Gemeinschaften bildet, beginnt mit den Worten: „Obsculta, höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters, und neige das Ohr deines Herzens.“ Meine zahlreichen Aufenthalte im Stift Heiligenkreuz (wo diese Aufnahmen entstanden sind) und seinem Tochterkloster in Bochum-Stiepel haben mich dazu inspiriert, ein Stück über das Hören zu komponieren. Das Lauschen steht — wie die Stille — zu Beginn und am Ende jedes Musikstückes. Die drei Hauptmotive der Komposition (1. vier aufsteigende Sechzehntel in der Begleitung, 2. die fallende Terz und 3. eine absteigende, punktierte Tonleiter) verdichten sich nach und nach, bis schließlich der Gregorianische Choral Ubi Caritas als Antwort aus der Stille erklingt. „Wo Liebe und Güte sind, da ist Gott.“ Die drei, durch den Choral gleichsam geläuterten Motive lassen das Stück friedvoll ausklingen.

De Profundis

Psalm 130

Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir.
Herr, höre meine Stimme!
Wende dein Ohr mir zu,
achte auf mein lautes Flehen!

Würdest du, Herr, unsere Sünden beachten,
Herr, wer könnte bestehen?
Doch bei dir ist Vergebung,
damit man in Ehrfurcht dir dient.

Ich hoffe auf den Herrn, es hofft meine Seele,
ich warte voll Vertrauen auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn
mehr als die Wächter auf den Morgen.

Mehr als die Wächter auf den Morgen
soll Israel harren auf den Herrn.
Denn beim Herrn ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
Ja, er wird Israel erlösen von all seinen Sünden.

(aus der Einheitsübersetzung)

Holy Lake — Der Heilige See

Die Fotografin Monika Schulz-Fieguth lebt und arbeitet am Heiligen See in Potsdam, den sie seit Jahren zu allen Jahreszeiten fotografiert. Ihre wunderbaren Bilder haben sich in Verbindung mit meinen Besuchen am Heiligen See so tief in meine Seele eingeprägt, dass daraus Musik werden musste. Für mich stellt der See das Zeitlose, das Unvergängliche, das Ewige dar, während der Wechsel der Jahreszeiten, das Kommen und Vergehen der Generationen, mir meine Vergänglichkeit vor Augen hält. Jedes der fünf Stücke basiert auf einem sich wiederholenden Motiv, einem so genannten ostinato, das für die Unveränderlichkeit des Sees steht. Um dieses Motiv und aus ihm heraus entstehen Klanglandschaften, vereinzelte Figuren und Andeutungen von Themen. Sind es Erinnerungen an Menschen, die im wechselnden Licht der Geschichte am See gelebt haben? Sind es Regentropfen, die sich mit dem Wasser vereinigen? Oder Blätter, die sprießen und wachsen, um dann letzten Endes in kunstvollen Figuren an den Ufern des Sees wieder hinab zur Erde zu gleiten? Der Zyklus endet mit dem Satz Winter im Vertrauen, dass nichts umsonst gewesen und alles Teil eines vollkommenen Ganzen ist.

Thanking Blessed Mary

Musik hat immer wieder die Entstehung neuer Musik hervorgerufen. Viele Komponisten haben Werke ihrer Vorgänger und Kollegen arrangiert oder umgeschrieben. In dieser Tradition habe ich mich an den Song Thanking Blessed Mary aus Paddy Kellys Solo-Album „In Exile“ herangewagt. Seit vielen Jahren schätze ich die Musik und die Botschaft dieses christlichen Künstlers. Die Melodie habe ich in eine weit angelegte Klavierkomposition eingebettet und versucht, den Geist des Originals in die Welt meiner Klaviermusik zu übertragen. Nach einer ausgedehnten Einleitung erklingt Paddy Kellys Lied und entwickelt sich in einem großen crescendo zu einer Dankhymne, in die immer wieder Elemente meiner Kompositionen Obsculta und Winter einfließen. Im Schlussteil werden alle Motive (die fallende Terz, der Refrain des Liedes, und das „Ave Maria von Lourdes“) kombiniert und münden nach einer Wiederholung der Einleitung in einen lichten, offenen Schlussakkord.

Rosa Mystica

„Mystische Rose“ ist einer der vielen Namen, den die „Lauretanische Litanei“ (ein katholisches Gebet) der Mutter Jesu verleiht. Die drei kurzen Stücke dieses Zyklus sind als Betrachtung ihrer Schönheit zu verstehen. Rosa mystica, ora pro nobis!

Stella Maris

„Stern der Meere“ ist ein weiterer Name, mit dem die Gottesmutter in der „Lauretanischen Litanei“ angerufen wird. Die kanonisch konzipierte Komposition kreist um den Ton C wie um einen fixen Stern, der uns in allen Stürmen und Dissonanzen den Weg weist. „Stern des Meeres, leuchte uns und führe uns auf unserem Weg!“ (Benedikt XVI.)

Angelus

Auch diese Komposition ist eine musikalische Annäherung an ein marianisches Gebet, bestehend aus zwei Teilen. In einem dreifachen, immer höher strebenden Aufstieg werden im ersten Satz die drei „Ave Maria“ angestimmt. Der zweite Satz schließt den Kreis mit einer Oration, dem Schlussgebet.

Afterthought

Afterthought ist als musikalischer Nachgedanke zu Prayers of Silence entstanden. Ein absteigendes, dreitöniges Motiv schwebt über sanft wiegenden Harmonien. Die in sich ruhende Musik verdankt ihre Entstehung dem Gebet, das die heilige Thérèse von Lisieux so zeitlos schön beschrieben hat: „Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens; ein schlichter Blick zum Himmel, ein Ausruf der Dankbarkeit und Liebe, inmitten der Prüfung und inmitten der Freude.“

David Ianni, Oktober 2013