Das große Fressen

Warum in großen Hosen heute meist kleine Geldbeutel stecken und die Puppen in den Schaufenstern immer dünner sind als die Menschen davor.

Von David Eickhoff

ohlstand für alle” versprach die Politik den Bundesbürgern in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Niemand verkörperte diesen Slogan besser als ein dicklicher älterer Herr mit Schlips und Zigarre: Ludwig Erhard, Vater der sozialen Marktwirtschaft und Autor eines Buchs, das den Slogan im Titel trug. Wohlstand und Körperumfang saßen lange im selben Boot und schwammen auf der Welle des Wachstums. Doch die Wege der beiden haben sich getrennt. Der Wohlstand hat sich die Fitness ins Boot geholt und nur wer arm ist, leistet sich heute noch einen Bauch.

Was paradox klingt, das belegen eindrücklich die Zahlen. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2012 67 Prozent aller deutschen Männer übergewichtig, etwa 23 Prozent litten an Fettleibigkeit. Bei den Frauen waren es 53, beziehungsweise 23,9 Prozent. Das Pikante daran ist nicht, dass es so viele Übergewichtige gibt — in den Industriestaaten, wo der Überfluss herrscht, ist das fast schon eine Randnotiz –, nein: pikant ist, dass die überzähligen Kilos sich ungleich verteilen. Und damit ist nicht gemeint, dass beim einen die Hose zwickt und beim anderen das Hemd spannt. Gemeint ist: Wer in Deutschland wenig verdient, der ist mit größerer Wahrscheinlichkeit fettleibig als ein Gutverdiener im selben Alter. An Umverteilung ist selbstredend nicht zu denken.

Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Frauen in Deutschland nach Altersgruppe und sozialem Status im Jahr 2011. Die entsprechende Grafik für Männer gibt es hier. (Quelle: Statista)

Knapp ein Viertel aller Männer und Frauen mit einem Einkommen zwischen 500 und 1000 Euro sind fettleibig. Von den Frauen, die mehr als 2000 Euro verdienen, sind es nur 15,6, von den Männern gar nur 13,5 Prozent. Übergewicht ist heute längst kein Wohlstandsphänomen mehr.

Geld ist nicht das Hauptproblem

Forscher des Max-Rubner-Instituts fanden in der zweiten Nationalen Verzehrstudie (NVS) heraus, dass Körpergewicht in Deutschland außer mit dem Einkommen und der beruflichen Stellung des Hauptverdieners in einem Haushalt auch mit dem Grad der Ausbildung zusammenhängt.

“Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Bildung und Wissen auf der einen, und richtiger Ernährung auf der anderen Seite”,

sagte Horst Seehofer, damals Verbraucherschutzminister im Bund, als er die Ergebnisse der NVS im Jahr 2008 vorstellte. Unter Hauptschulabsolventen, so Seehofer laut Medienberichten, gab es doppelt so viele Übergewichtige wie bei Menschen mit Fachhochschul- oder Hochschulreife.

ie Berliner Tageszeitung taz titelte damals provokativ “Dumm macht dick”. Ein taz-Leser kommentierte: “Die bildungsfernen Schichten … sind auch die einkommens- und vermögensfernen Schichten, also genau die, die beim Discounter mehr auf die Preise als auf die Zutaten achten müssen.” Das Argument leuchtet ein: Wer arm ist, kann sich keine gesunden Lebensmittel leisten, sondern muss zu billigem Fast- und Junk-Food greifen. Wer Geld hat, wird Mitglied bei SlowFood.

Doch so einfach ist die Sache nicht. Zwar lieben die Deutschen ihre Discounter, aber billig ist nicht gleichbedeutend mit ungesund.

“Man kann sich gut und gleichzeitig günstig ernähren”,

ist sich Ernährungsberaterin Anja Binkert sicher. Die 45-jährige Diplom-Ökotrophologin führt in Freiburg eine Praxis für Ernährungsberatung und -therapie und sagt: Ob Brathähnchen oder Tofu-Salat, ist nicht in erster Linie eine Frage des Geldbeutels, sondern des Lebensstils. “Meist sind es falsche Essgewohnheiten, eine sitzende Tätigkeit und fehlende Bewegung, die dazu führen, dass ein Mensch übergewichtig wird”, so Binkert.

Ernährungsberaterin Anja Binkert sagt: “Man kann sich gut und gleichzeitig günstig ernähren.” (Fotos: Eickhoff)

Ob beim Discounter oder auf dem Wochenmarkt — gesunde Lebensmittel müssen nicht teuer sein, sagt die Expertin. Man müsse Saisonprodukte kaufen, viel Gemüse und wenige Fertigprodukte. “Geht man unter der Woche kurz nach Mittag auf den Freiburger Münstermarkt, bekommt man übrig gebliebenes Gemüse für weniger Geld”, rät sie. Selber zu kochen, sei außerdem in den meisten Fällen günstiger und lasse einen selbst bestimmen, was und wie viel man isst.

Wie erreicht man die, die sich gar nicht für gesunde Ernährung interessieren?

Das Problem: Die Menschen, die zu Binkert in die Beratung kommen, sind meist ohnehin schon für Ernährungsfragen sensibilisiert. “Die wissen schon viel über Fette und Kohlenhydrate”, sagt die Ernährungsberaterin, könnten es aber noch nicht praktisch umsetzen. “Die anderen”, so Binkert weiter, “erreiche ich nicht.”

Das zu schaffen, bemühen sich die Krankenkassen. Für sie ist Übergewicht sehr wohl eine Frage des Geldes. Sie sind in der Pflicht, wenn in Folge lang andauernden Übergewichts Krankheiten entstehen.

“Etwa sechs Prozent aller Gesundheitsausgaben in Deutschland werden für die Folgen von Übergewicht und Adipositas verwendet”,

sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin der Barmer GEK. Übergewicht und Adipositas können eine ganze Reihe von Krankheiten nach sich ziehen. “Am häufigsten sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall”, so Marschall. Auch Wirbelsäulen-, Hüft- und Kniebeschwerden seien typische Folgen von Übergewicht. Extreme Fettleibigkeit erhöhe sogar das Risiko für Prostatakrebs bei den Männern und Eierstockkrebs bei den Frauen.

Das Interview mit Dr. Ursula Marschall, der Leitenden Medizinerin der Barmer GEK, zum Nachhören in voller Länge.

Die Kassen übernehmen einen Großteil der Kosten einer Ernährungsberatung und bieten Bonusprogramme, Sporttherapie sowie psychologisches Training an, um ihre Versicherten dabei zu unterstützen, ein gesundes Körpergewicht zu erreichen. Doch: “Ernährungsumstellung darf man nicht drohend mit dem Zeigefinger machen”, sagt Marschall. Man müsse vielmehr den Spaß an der Bewegung vermitteln.

Das Geld, das sie heute für Vorbeugung ausgeben, wollen die Kassen morgen bei der Therapie einsparen. Sollte die Adipositasrate in Deutschland wie bisher kontinuierlich weiter steigen, schätzt das Statistische Bundesamt, dann könnten auf das Gesundheitssystem im Jahr 2020 Folgekosten von rund 25 Milliarden Euro zukommen.

Schaufenster spiegeln nicht die Gesellschaft

Angesichts solcher Zahlen überrascht es, dass das Dicksein, das doch so sichtbar auftritt, wie ein Leiden nur auftreten kann, an vielen Stellen in der Öffentlichkeit völlig ausgeblendet wird. Abseits aller Daten und Statistiken lässt sich das im Alltag feststellen. Fragt man zum Beispiel bei C&A nach Kleidung in Übergrößen, dann wird man freundlich in den hinteren Teil des Ladens verwiesen. Bei Breuninger, dem Kaufhaus für das höhere Preissegment, dagegen, herrscht Ratlosigkeit.

Die Bluse für Mollige von C&A für 29 Euro …

Sarah Hofmann, eine angehende Assistenzärztin am Freiburger Universitätsklinikum, berichtet, während sie an den Schaufenstern vorbeischlendert: “Die Putzfrauen aus unserer Klinik treffen sich nach der Arbeit zum Kaffeeklatsch bei Schwarzwälder Kirschtorte und Likör. Meine Kolleginnen aus dem Labor gehen Squash spielen und trinken Vitalcocktails.” Natürlich mache sich das an der Figur bemerkbar.

… oder die elegante Kombo, bei der allein die Gucci-Mütze 499 Euro kostet. (Fotos: Eickhoff)

Einzeln genommen bleiben solche Beobachtungen unbedeutend, doch in der Summe ergeben sie ein Bild — eines, das in keiner Weise dem ähnelt, das sich die Gesellschaft von sich selbst machen will. Von Plakaten an jeder Straßenecke lachen einen sportliche Menschen an, die Beine der Schaufensterpuppen in den Läden sind so dünn wie ihre Unterarme und noch in den Discounter-Katalogen räkeln sich schlanke Schönheiten in ihren Wollpullis. Es scheint, als gelte der Imperativ des Jünger, Schlanker, Schöner.

“Das Körperbild, das uns von der Werbung vorgegaukelt wird, entspricht nicht der Realität”, sagt auch Medizinerin Marschall. Und diese Diskrepanz zwischen Werbung und Wirklichkeit könne ernste psychische Folgen haben. Es gebe zum Beispiel kaum ein Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren, das nicht schon einmal eine Diät gemacht habe. Bei Menschen, die dieses Idealbild nicht erreichen können, schlage die einseitige Fokussierung aufs Essen häufig ins Gegenteil, das sogenannte Frustessen, um.

Es ist, als trenne eine unsichtbare Schranke die Wirklichkeit von dem, wie wir sie uns selbst vorstellen. Sie trennt die Vorstädte von der Innenstadt, sie trennt die Discounter von den Wochenmärkten und sie trennt die Konfektionswaren von den Designerstücken. Die einen passen in das Bild, das sich unsere Gesellschaft von sich selbst macht — sie finden in den Schaufenstern und Hochglanzmagazinen Platz — , die anderen bleiben außen vor und müssen sich mit dem Zuschauen begnügen.

Grünes Licht fürs Dicksein?

Was all das zeigt, ist, dass das alte Stereotyp vom dicken Reichen nicht mehr passt. Die Zahlen stehen Kopf. Das Übergewicht sammelt sich bei denen, die wenig haben und Gesundheit ist ein rares Gut, das man sich mit Bildung erkauft. Information und Hilfe erreichen die Betroffenen meist zu spät und so entstehen psychische sowie physische Leiden, die von der Gesellschaft gerne einfach ausgeblendet werden.

Noch hat das Dicksein rot. (Illustration: Eickhoff)

Natürlich gilt für Stereotypen das Gleiche wie für tierische Fette: Sie sind mit Vorsicht zu genießen. So war auch Ludwig Erhard umgeben von vielleicht noch wohlhabenderen Schlanken (Man denke an den hageren Adenauer) und nicht jeder Top-Manager im einundzwanzigsten Jahrhundert springt wie eine Katze federnd von Dach zu Dach. Doch das alte Stereotyp anzupassen, hilft dabei, zu verstehen, warum in den größten Hosen heute meist die kleinsten Geldbeutel stecken.

Noch ist es leicht, bei einem Schaufensterbummel oder einem Blick ins Fernsehen zu vergessen, was für ein großes Problem Übergewicht in Deutschland ist. Wer nicht betroffen ist, der kann sich abwenden und läuft Gefahr, den Sinn für die Realität zu verlieren. Wer betroffen ist, kann das nicht.

Wenn Wahrnehmung und Wirklichkeit heute derart auseinanderklaffen, vielleicht müsste man dann damit beginnen, ein klares und solidarisches Bild von der Lage zu zeichnen. Menschlich betrifft das Problem mit dem Übergewicht uns ohnehin alle. Wem das nicht genügt, der sei an die Umlagen des Gesundheitssystems erinnert und daran, welche Therapiekosten auf die Gesellschaft zukommen. Was wäre verloren, wenn die Schaufensterpuppen ein paar Kilos zunähmen, wenn im Gegenzug ein wenig von dem psychologischen Druck von den jungen Mädchen genommen würde? Was wäre falsch daran, den Hamburger als das anzupreisen, was er ist: eine Köstlichkeit, die man besser nicht jeden Tag verspeist.

Mag sein, dass wir die systematische Verschleierung von Wirklichkeit noch lange aufrecht erhalten können. Mag aber auch sein, dass das Problem uns eines Tages mit seinen Folgen einholt — spätestens dann nämlich, wenn die Krankenkassen ihre Beitragssätze wieder erhöhen. Besser beraten sind wir in jedem Fall sicher, wenn wir anerkennen, was ist: 67 Prozent aller deutschen Männer sind übergewichtig, bei den Frauen sind es 53 Prozent.


David Eickhoff, der Autor dieser Geschichte, ist als Lokalreporter für die Badische Zeitung in Freiburg und im umgebenden Breisgau unterwegs. Zuletzt hat er über die Schwierigkeiten einer deutsch-polnischen Schulpartnerschaft geschrieben. Eine Auswahl seiner Texte findet sich auf seiner Website.

Bei den Recherchen zum „großen Fressen“ hat er gelernt, die Freiburger Innenstadt mit neuen Augen zu sehen.

Dieses Werk und die darin enthaltenen Fotografien und Illustrationen sind — sofern sie nicht von Dritten stammen — unter einer Creative Commons Namensnennung — Nicht kommerziell — Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz lizenziert.