Hallo Papa,

ich bin nun 26 Jahre und depressiv. Meine Semesterferien verbrach ich in der Psychiatrie. Dort erinnerte man mich an dich, an das Loch welches du hinterlassen hast. Ich weiß, dass du es nicht wolltest, auch Mama wollte das nicht. Das Leben hat für uns drei entschieden. Ich nehme es euch nicht übel, aber das kleine Mädchen von damals ist verdammt wütend auf euch. Ihr habt mich allein gelassen. Ihr habt euer versprechen nicht gehalten. Mama kam wieder, aber sie hat nicht verhindert, dass du gehst. Es gab keinen Abschied, auch für sie nicht. Ich kann nicht mal erahnen wie es sich für sie angefühlt haben muss. Ihr Mann war einfach weg. Aber geredet haben wir nie darüber. Bei uns redet niemand über Gefühle. Zumindest nicht so, dass es bis ins Knochenmark geht. Wir kratzen immer nur an der Oberfläche. Mama ist toll. Sie hat mit allen Mitteln versucht mich durch zubringen. Dich zu ersetzen. Doch auch sie konnte es nicht immer.

Nach dem ich nun Jahrzehnte die Gedanken an dich weggeschlossen habe, immer stärker war als ein kleines Mädchen es sein sollte, nie geweint habe, immer artig mich an meine Umgebung anpasste, möchte ich dir erzählen wie es diesem kleinen Mädchen erging. Und da ich immer alles in Bezug auf mich runterspiele, kann ich sagen, dass es gar nicht so schlecht für mich gelaufen ist. Ich hatte Glück im Unglück. Ich was erreicht, aber nun habe ich Angst. Angst, die mich lähmt und hindert. Und du bist dran schuld.

Ich erinnere mich an früher. Da war ich so vier. Du saßt immer im Sessel und hast Zeitung gelesen. Ich bin immer auf deinen Schoss geklettert und habe mich wie eine Katze zusammengerollt. So mache ich das auch heute bei meinem Freund. Er ist so stark. So stark wie du für mich in diesem Moment warst. Ich erinnere mich an deinen Geruch. Du rochst leicht nach Schweiß und Zigaretten. Noch immer mag ich es, wenn Leute nach Zigaretten riechen. Ich meine nicht diesen Kneipengeruch, sondern den den langjährige Raucher mit sich tragen. Du hast Zeitung gelesen und schmiegte mich wie ein Katzenbaby an dich. Da fühlte ich mich sicher. Da kleine altkluge Mädchen hatte in diesem Moment alles: eine Familie, eine Spielecke und eine Katze. Kannst du dich an die rote Katze Alisa erinnern?

Wir haben in dieser verdammt kleinen Ein-Raum-Wohnung gelebt. Noch wie heute kann ich mich erinnern wie Mutti jeden Abend das Kakerlakengift ausstreute, um die Vieher am frühen morgen zusammen zu fegen. Wir hatten auch nie wirklich Geld, aber trotzdem kauftest du mir Spielzeug. Es war oft kalt in der Wohnung. Mein Bettchen, dass eigentlich ein ausziehbarer Sessel war, stand neben eurem Bett. Jede Nacht bin ich zu euch geklettert, weil ich fror. Ich durfte nie neben dir schlafen, weil Mutti Angst hatte, dass du mich aus versehen mit deinem Arm haust. Da war die Chorea Huntington noch nicht bei dir ausgebrochen, aber sie hatte da schon Angst. Du warst nicht sonderlich geschickt. Sie wusste auch, dass es nie Hilfe für dich geben wird, wenn es soweit ist. So war das nun mal in Kasachstan, in den 90er.

Ich erinnere mich auch wie Mama stundenlang mit mir spazieren ging. Wie ich mich diesem Mädchen aus der Nachbarswohnung spielte. Die hatte einen Wandschrank voll mit Spielzeug. So einen wollte ich auch.

Es war schön.

Immer öfter höre ich das Wort “Ausnüchterungszelle”. Ich wusste sogar was es war. Ist es normal, dass eine vierjährige das weiß. Was denkst du?

Mein geliebter Papa du fehlst mir. Mir fehlt die Erinnerung an dich. Ich werde dir weiter schreiben. Ich möchte dir erzählen wie ich mich gefühlt habe als alles zu Brüche ging. Niemand hat damals gefragt, wie viel ich wohl mitbekomme und wie es mir geht, auch du nicht. Aber ich erzähl es dir jetzt. Dir meinem Papa.

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