Vor 15 Monaten erhielt ich für meine Mutter die Diagnose Alzheimer. Ich hatte die Diagnose eher kritisch beurteilt, weil mir die Ärzte als nicht sehr erfahren erschienen. Ihr Zustand verschlechterte sich allerdings danach rasant, Ihre Vergesslichkeit, Desorientierung und Verwirrtheit wurde immer stärker. Sie stellte den elektrischen Wasserkocher auf den Gasherd, streute statt Dünger Grassamen in die Beete, stürzte mit dem Fahrrad, suchte permanent ihren Schlüssel, obwohl dieser um ihren Hals hing. Die Kommunikation mit ihr klappte jedoch und mein Wunsch war, dass sie solange wie möglich in ihren eigenen Wänden bleiben konnte. Sie erhielt die Pflegestufe 0, eine Caritas Schwester kam täglich vorbei, um ihr Medikamente zu reichen. Später erfuhr ich von den Nachbarn, dass meine Mutter nachts aktiv war, um drei Uhr in der Früh zur Post ging u. Ä. Eines Tages erhielt ich von ihnen einen Anruf, die mir mitteilen, dass es meine nicht mehr alleine schafft und komplett neben sich steht.
Ich fand meine Mutter auf in einem Zustand der
Dehydration.
Ich verstand zunächst nicht was los war. Ich holte sie zu mir nach Hause. Sie schlief jeden Tag fast 20h. Sie schlief beim Essen, beim Gehen ein und es war nicht möglich, mit ihr auch nur ansatzweise ein Gespräch zu führen. Darauf hin kam sie ins Krankenhaus und uns wurde klar, dass das Vergessen des Trinkens alte Menschen komplett außer Gefecht setzen kann. Binnen kurzer Zeit war sie wieder, zumindest was die Folgen der Dehydration angeht auf einem “normalen” Niveau.
Nun kam ihr tatsächlicher Geisteszustand zum Vorschein. Nachts war sie im Krankenhaus sehr aktiv. Sie stieg ihren Mitpatientien ins Bett, zog ihre Sachen an, hatte es nicht erfasst, dass sie in einer anderen Stadt war. Es war eine auf Alzheimerdiagnostik spezialisierte Station in der Uni-Klinik. Die Gespräche und Tests ermüdeten sie sehr. Es wurde immer offensichtlicher, dass sie nicht in der Lage war, ihr vorheriges Leben selbständig weiterzuführen.
Meine Mutter wurde schliesslich nach 10 Tagen und vielen Untersuchungen mit der Diagnose Alzheimer mittlerer Stufe aus dem Krankenhaus entlassen. Ich erhielt von der Sozialstation zwei Adressen von Beratungseinrichtungen, meine Mutter kam vorläufig zu uns in die Wohnung und wurde im Kinderzimmer untergebracht.
Suche nach einer Lösung für die Betreuung.
Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten.
Erstens, der/die Demenzbetroffene wird bei der Familie aufgenommen. Diese Lösung stand bei uns von Anfang an nicht wirklich zur Debatte. Allerdings bekamen wir einen sehr guten Eindruck davon, was es bedeutet. Die drei Wochen, in denen meine Mutter bei uns war, führte und an unsere Grenzen. Wir wollten versuchen, meine Mutter tagsüber wach zu halten, damit sie in der Nacht schläft. Das alleine ist beinahe ein Fulltimejob und ist uns nicht wirklich gelungen. Immer wieder schlief sie ein. Wir schafften es, mit Mühe und Not, sie bis 22:00 wachzuhalten. Ab 1:00 war sie wach, aber nicht ansprechbar. Das ging bis 5:00 weiter und man konnte sie nicht alleine lassen. Eines Nachts klingelte uns die Polizei aus dem Bett heraus. Wir waren eingeschlafen und meine Mutter war mit den Socken auf die Strasse gegangen.
Zweitens, die polnische/rumänische Pflegekraft im eigenen Haushalt oder als Ergänzung zur Betreuung bei der Familie. Wir versuchten uns vorzustellen, wie es eine Pflegerin ergehen würde: Fern von der Heimat, keine bis schlechte Deutschkenntnisse, sechs Tage in der Woche zusammen mit einer herausfordernden Person. Es mag viele Betreuungsfälle geben, wo das vielleicht eine gute Lösung ist. Im Fall meiner Mutter war das unvorstellbar. Unserer Meinung nach hätte es eine Pflegerin vielleicht zwei Monate
Drittens, das Pflegeheim. Die erste Hürde hier ist, dass die meisten Pflegeheime nur Personen ab Pflegestufe 1 aufnehmen, d. h. die Person benötigt mindestens 46min Pflegeunterstützung pro Tag. Es kommt ein Gutachter des MDK, medizinischen Dienstes der Krankenkassen, beurteilt den Zustand des/der Erkrankten und das fühlt sich beinahe wie eine umgekehrte Fahrprüfung an: Man besteht die Prüfung, wenn man nichts kann! Meine Mutter ist in einer guten körperlichen Verfassung und kann die Arme hochheben. Also kann sie sich in der Folge kämmen und somit wird hierfür kein Pflegeaufwand angesetzt. In der Quintessenz muss man sich auf diesen Termin gut vorbereiten. Es könnte der Fall auftreten dass man trotz Pflegebedarfs nicht eingestuft wird. Das ist ein eigenes Kapitel für sich. Wir kamen bei unserer Zeitrechnung auf zwei Stunden, im Gutachten wurden 49min angesetzt und wir lagen also drei Minuten über der Schwelle und meine Mutter erhielt die Pflegestufe 1. Parallel lieft bereits
die Suche nach einem Pflegeheim.
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