„Functional Training“ Was macht funktionelles Training eigentlich “funktionell”?

Für Trainer wird das Internet zunehmend zum Wissensdschungel. Egal, ob Sie im Leistungssport oder im Fitnessbereich als Trainer arbeiten, Sie lesen auf Blogs und in sozialen Medien allerhand “Fakten” und viele Tips zu neuen Methoden und Erkenntnissen, die Sie unbeding in Ihr Training einbauen sollten. Viele der Tips und Vorschläge setzten sich aktuell mit dem “Functional Training” auseinander, bei dem “komplexe” Bewegungen trainiert werden sollen und die für sämtliche Sportarten nie dagewesene Leistungssprünge versprechen. Was ist dran an diesem so genannten “funktionellem” Training, bei dem in “Bewegungsketten” trainiert werden soll, so dass die Übertragung auf die Zielbewegung viel effektiver, wie bei klassichen, isolierten Trainingsübungen sein soll. Aber wirken solche “überlegenen” Trainingsphilosophien überhaupt wie so oft versprochen wird oder ist schon allein die Tatsache, dass etwas im Training “verändert” wird ein Garant für neue Leistungssprünge.

Grundlage dieses Trainingssystems bildet die Philosophie des amerikanischen Physiotherapeuten Gray Cook, nach dessen Annahmen ein Training insbesondere dann „funktionell“ ist, wenn es Bewegungen aus dem Alltag nahe kommt. Anhand diesesn GEdankens möchte ich die Grundlagen eines funktionellen Trainierens hinterfragen einige Überlegungen zur Funktionalität Ihres Trainings zur Diskussion stellen. Ob das Abgrenzen eines „funktionellen“ Trainings von einem unfunktionellen Trainieren überhaupt möglich ist und welche Übungen den nicht funktionell sind, sind weitere Fragen, denen ich einige Gedanken widmen möchte. Bei der historischen Analyse des Themas fällt dabei auf, dass die Diskussion zur “Funktionalität” eines Trainings gar nicht so neu ist, jedoch an Aktualität wieder gewonnen hat!


Die Funktionsgymnastik

Der angebliche Trend “Functional Training” ist in Wirklichkeit gar nicht so neu. Gymnastik und Kräftigungstraining erlebten Mitte der 80er Jahre einen Paradigmenwechsel. Die Funktionsgymnastik löste die bis dahin im Vordergrund stehende Zweckgymnastik ab, mit dem Ziel die Ansätze funktionellen Trainierens in den Mittelpunkt des Sports zu stellen. Kritisiert wurden beispielsweise zu diesem Zeitpunkt extreme Bewegungsformen, wie das Überstrecken des Fußes bei Turnübungen aus ästhetischen Gründen. „Funktionell“ wurde in diesem Zusammenhang wohl primär aus der Perspektive des „Funktionieren des menschlichen Körpers“ gesehen, wobei anatomische und physiologische Grundlagen des Körpers berücksichtigt werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurden etablierte Übungen als unfunktionell betrachtet, da ihnen zugeschrieben wurde gesundheitliche Schäden verursachen zu können.


Brauchen wir einen Paradigmenwechsel?

Wie inflationär der Begriff funktionell gebraucht wird, zeigt die Einteilung von Trainingsübungen in „funktionell“ und „unfunktionell“ Die für das Bauchmuskeltraining effektiv eingesetzten Übungen „Sit-ups“ und „Beinheben im Hang“ wurden aus Sicht der Funktionsgymnastik on den 80er Jahren als schädlich und krankmachend beschrieben. Eine Krankenkasse titelte in einer Veröffentlichung zum funktionellen Training sogar mit „Krankmacherübungen“- Begründet wurde dies mit der Annahme, dass schädigende Bandscheibenbelastungen auftreten würden und dass das Trainieren der Hüftbeugemuskulatur innerhalb dieser Übungen zu einer Verkürzung derselben führen könnte. Das wiederum soll die zur Verkürzung neigenden Hüftbeigemuskulatur weiter verstärken. In späteren empirischen Untersuchungen konnten diese Annahmen jedoch widerlegt werden. Sit-Ups und auch das Beinheben sind effektive Übungen für die Bauchmuskulatur. Aus der Sicht des modernen „funktionellen Trainings“ sind diese komplexen Übungen sogar dem isolierten Training der Bauchmuskulatur vorzuziehen. Die Funktionalität von den selben Übungen wurde im Laufe der Zeit von ein und der selben Strömung unterschiedlich bewertet! Allerdings finden sich im modernen “Functional Training” auch Meinungen, nach denen die Bauchmuskulatur grundlegend gar nicht trainiert werden muss, da sie in vielen Übungen ohnehin stabiliserend arbeiten muss.


Was ist eine muskuläre Dysbalance?

Im Rahmen der Entwicklungsgeschichte der Funktionsgymnastik entstanden theoretische Konstrukte zu bestimmten Eigenschaften der Muskulatur. In subjektiven Muskeltests zeigten einige Muskeln erstaunlich schwache Leistungen während andere eine unerwartet hohe Spannung aufwiesen2. Aus diesen Beobachtungen heruas etablierte sich die Sichtweise, dass es Muskeln gäbe, die zur Abschwächung neigten, während andere eher zur Verkürzung neigen sollten. Diese Reaktionen sollen physiologische Reaktionen bestimmter Muskelgruppen sein und keineswegs pathologische Veranlagungen sein. Allerdings basiert diese Einteilung ebenso wie die theoretischen Grundlagen lediglich auf Meisterlehren und halten einer kritischen Überprüfung nicht stand2,3! Auch moderne mikrobiologische Befunde sprechen gegen diese Theorie, so dass wichtige Grundlagen der Funktionsgymnastik primär nicht auf empirischen Befunden zu beruhen scheinen.

Nicht-funktionell kann funktionell sein!

Während Vertreter des funktionellen Trainings oft einseitig freie Übungen als funktionell beschreiben, muss eine umfassende Betrachtung des Themas auch isoliertes Training an einer Maschine als funktionelle Trainingsform beinhalten. Die Frage nach der Funktionalität muss eben stets vor dem Hintergrund des individuellen Sportlers und der mit dem Training verbundenen Fragestellung betrachtet werden. Wenn beispielsweise ein Kniepatient in Folge einer Kreuzbandruptur mit dem muskulären Aufbautraining beginnt, kann es sein, dass insbesondere die medialen Anteile des Oberschenkelstreckers — also die Muskelanteile an der Oberschenkelinnenseite stark an Kraft eingebüßt haben. Diese müssen aus Sicht von wirklich funktionellen Therapiekonzepten möglicherweise zunächst isoliert trainiert werden, bevor komplexe Trainingsübungen korrekt ausgeführt werden. So kann ein isoliertes Trainieren eines bestimmten Muskelanteils eben durchaus auch eine Form des funktionellen Trainierens sein!

Übungen müssen differenziert betrachtet werden.

An dem eben genannten Beispiel ist erkennbar, dass das Unterscheiden in gesunde und schädigende Übungen kaum möglich ist! Je nach Zielstellung einer einzelnen Trainingseinheit oder einer Trainingskonzeption lassen sich Begründungen und Einsatzzwecke für vielfältige Trainingsformen finden, so dass ein wirklich „funktionelles Trainieren“ eben abhängig vom Trainingsstand des Athleten, von der Zielstellung und von etwaigen Vorerkrankungen ist! Vor diesem Hintergrund stellt sich sogar die Frage, ob der Begriff „Funktionalität“ bzw. „Funktionell Trainieren“ nicht gänzlich überflüssig ist und vielmehr ein Marketing Gag für das Einführen neuer Trainingstrends darstellt. Trainer dürfen Übungen also nicht anhand von vermeintlich „richtigen“ oder „falschen“ Übungen auswählen, sondern allein auf der Basis des vor ihnen stehenden Athleten. Bei einem Patienten in der Rehabilitation sind andere Maßstäbe für ein funktionelles vorgehen anzusetzen wie bei einem Leistungssportler. Das alleinige Bevorzugen von koordinativ anspruchsvollen Übungen oder komplexen Bewegungsabläufen ist unzulässig, wenn es um die Betrachtung der „Funktionalität“ geht. Hinzu kommt, dass das Trainingsziel unbedingt zu berücksichtigen ist! Kraftgewinn und Koordinationsverbesserung sind unterschiedliche Zielstellungen, die unterschiedlicher Trainingsmethoden bedürfen. Im „funktionellen Training“ wird beides oftmals vermischt, so das Kniebeugen einbeinig auf einem instabilen Untergrund oder als Kastenaufsteiger trainiert werden. Kraftsteigerungen sind so nur begrenzt möglich, während das Koordinationstraining im Vordergrund steht. Auch hier gilt, dass die Zielstellung letztendlich die Trainingsmethode bedingt und nicht eine Übung als universell eingesetzt werden kann.


Schlussgedanken

Ob eine Übung als funktionell gelten kann kann oder eben nicht ist letztendlich allein von den Zielen eines Trainings abhängig. Trainer und Sportler müssen dabei die individuellen Voraussetzungen ebenso berücksichtigen, wie die Trainingsplanung insgesamt. Eine Übung für sich genommen kann im Kern nicht in die Kategorien „funktionell“ oder „unfunktionell „ eingeordnet werden. Allein die Anforderungen an den Sportler sowie dessen aktueller Leistungsstand bilden die Grundlagen für die Entscheidung für oder gegen eine Übung. Das Etikett „funktionell“ erscheint mir grundlegend überflüssig, da Übungen zwar anhand ihrer Komplexität oder ihres Schwierigkeitsgrades eingeteilt werden können, nicht jedoch anhand ihrer Funktionalität! Der Begriff wird so oftmals zum Marketinggag und muss eher als Oxymoron gesehen werden als eine inhaltlich treffende Übungsbeschreibung. Genau hier wird allerdings auch wieder deutlich, wie schwer es für Trainer ist an gesicherte Informationen zu kommen. Für den Triathlon und auch für andere Sportarten hat das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften eine spezielle Datenbank geschaffen, die genau das macht: Artikel suchen, die dem Trainer auf seine Fragen hin antworten liefern können.