Monsieur Jacobs Himmelsleiter

Es war ihre elegante Unnahbarkeit, die sie über die Dächer von Paris hinweg ausstrahlte, welche Monsieur Cri Cri schon seit zwei langen Sommern schlaflose Nächte bereitete. In diesem, so hatte er sich vorgenommen, würde er ihre scheinbar kühle Fassade überwinden, denn hinter jener, so war sich Monsieur Cri Cri sicher, müsse genau das liegen, was früher zum Fall ganzer Reiche geführt hatte.

Sein Herz schlug schneller als er das hohe Fenster seines Salons über der Rue Bonaparte schloss und einen letzten Blick auf ihr dunkles, in der Sonne glänzendes Haar warf. Sie war so nah und doch so fern; diesen Umstand galt es zu ändern, selbst wenn er dazu über die Dächer des gesamten 6. Arrondissements klettern müsse. Morgen, so hoffte er, würden sie zusammen auf ihrer Dachterrasse bei einem Glas Wein zusehen, wie die Sonne langsam hinter dem Eifelturm versinkt.

Die großzügige Wohnung Mademoiselle Juliettes war samt ihrer wundervollen Aussicht seit Jahrzehnten im Besitz der Familie. Sie konnte sich noch gut an ihren ersten Sommer im Saint-Germain-des-Prés erinnern. An all die langen und lustigen Abende, die sie mit ihren Kommilitonen im Jardin du Luxembourg verbracht hatte. Nun saß sie zu später Stunde oft alleine an dem kleinen verzierten Tischchen und genoss den ruhigen Blick bis hin zum Grand Arche, während sie sich um das Wohl ihrer Akazien sorgte. Trotz ihrer regelmäßig aufflammenden Sehnsucht nach angemessener Gesellschaft waren ihr Monsieur Cri Cris Bemühungen, ihre Aufmerksamkeit auf sein gegenüberliegendes Fenster zu lenken, bisher verborgen geblieben.

Der kleine Laden befand sich nahe der Sorbonne in der Rue Descartes. Trotz der geringen Entfernung war seit Monsieur Cri Cris letztem Besuch des Quartier Latin schon einige Zeit vergangen. Unweigerlich wurde er an den schweren staubigen Duft der holzvertäfelten Leseräume erinnert, als er die Bibliothek Saint-Geneviéve passierte. Sein heutiges Vorhaben glich ohnehin dem Leichtsinn eines jungen Cri Cri, wie ihn seine Freunde schon zu Studienzeiten gerufen hatten.

Eine kleine Türglocke verkündete Cri Cris Ankunft in „Jacobs Leiterladen“ mit einem hohen Klingen. Die Auswahl von Monsieur Jacobs Himmelsleitern schien biblische Ausmaße zu haben und nach langer Suche verließ Cri Cri den Laden mit 13 Sprossen, welche ihm seinen Weg zum Glück ebnen sollten.

Die Glocken Saint-Germain-des-Prés läuteten zur Mittagszeit, als Cri Cri die lange Leiter durch die alte Eichentür in das Haus 27 der Rue Bonaparte schob. Er genoss die kühle Luft des dunklen Treppenhauses, welche ihn die Anstrengungen des Transportes vergessen ließen. Sein Ziel hatte sich seit dem gestrigen Abend nicht geändert. Noch heute würde er endlich in Juliettes Leben treten und seinen schlaflosen Nächten ein Ende setzen.

Mit einem lauten Knall traf die Leiter auf dem Boden des Treppenhauses auf. Cri Cri war sein Leben lang nie durch Unbeherrschtheit aufgefallen, in diesem Moment war aber nicht nur die Leiter eine Etage tiefer gerutscht, sondern auch seine Stimmung dem Keller näher gekommen.

Seine genauen Worte blieben Madame Duzinell, welche aufgeschreckt durch den mittäglichen Lärm das Treppenhaus betrat, Gott sei dank verborgen. Cri Cri entschuldigte sich mit einem schnellen „Mille regrets!“ bevor er wieder nach der Leiter griff. Seine Sorge um den Zustand der Leiter blieb unbestätigt, was Madame Duzinells Verwirrung über die vorgefundene Situation jedoch nicht zu lindern vermochte. Kopfschüttelnd wendete ihm die Concierge den Rücken zu und verschwand mit einem unverständlichen Murmeln in ihrer Loge, gefolgt von ihrem dicken Kater, von dessen Verhalten sie tagtäglich mehr anzunehmen schien.

Madame Duzinell hegte seit Cri Cris Einzug ohnehin die Vermutung, dass der junge Mann aus der Provençe stammen müsse. Vielleicht sei er sogar Spanier hatte sie anfangs noch aufgrund seiner Baskenmütze vermutet.

Das Licht der sich langsam senkenden Sonne brach sich im zarten Rosa der gut gekühlten Flasche Coeur de Crains, welche Cri Cri für diesen Abend vorgesehen hatte.

Er hatte die Leiter auf einem kleinen Vorsprung direkt neben dem Austritt seines Schlafzimmers platziert, um sie zu gegebener Stunde kunstvoll Richtung Dachkante des gegenüberliegenden Hauses kippen zu lassen. Der Blick auf das noch immer rege Treiben unten auf der Rue Bonaparte ließ seinen Atem für einen kurzen Augenblick stocken. Es war nicht die Angst vor einem tiefen Fall die ihn besorgte, vielmehr der Gedanke, er könne die Chance Juliettes Herz zu erobern auf den letzten Tritt verpassen.

Die dunklen Gläser ihrer Sonnenbrille verschleierten ihren neidischen Blick auf die Zweisamkeit der Türme von Saint Sulpice. Juliette war das Glück der Liebe bisweilen fern geblieben. Als Kind hatte ihr der Großvater von den Zikarden der Provençe erzählt, welche 17 Jahre schlafen, bevor sie mit einem großen Konzert um die Hand ihrer Angebeteten anhalten. Juliette wählte an diesem Abend die sanften Töne von Charles Trenet‘s „La Cigale et la Fourmi“, ohne zu wissen, dass Monsieur Cri Cri bereit war diesem Lockruf mit der Akrobatik einer Grille über die Dächer von Paris zu folgen.

„Plop“ — Juliette schaute verwundert über ihre Schulter zu dem grauen Zinkdach des gegenüberliegenden Hauses, bevor sie Monsieur Cri Cri auf einer dünnen Leiter über den Abgrund der Rue Bonaparte balancierend entdeckte. In der einen Hand hielt er die geöffnete Flasche, in der anderen zwei kristallene Weingläser, welche mit einem hellen Funkeln das Abendrot am Horizont widerspiegelten.

Ihre Belustigung über die dargebotene Vorstellung vermochte das Gefühl tiefster Bewunderung über Cri Cris Verwegenheit und Mut nicht zu trüben. Mit einem vorsichtigen Schritt an den Abgrund streckte sie ihm ihre Hände entgegen.

„Eh bien, lass uns tanzen“ sagte sie mit einem zufriedenen Lächeln…


Diese kleine Geschichte enstand im Rahmen eines Kundenmailings für die Kölner Agentur IDEE CORPORATE. Weitere Beispiele für eine aufregende Kundenansprache und spannende Aussendarstellung erhaltet ihr auf www.exelsia.de

One clap, two clap, three clap, forty?

By clapping more or less, you can signal to us which stories really stand out.