Wie wir jetzt trotzdem Theater machen können

Still aus der AI-Installation “Eternity Be Kind” von LaTurbo Avedon and Myriam Bleau

Vorweg: Die jetzige Situation ist die absolute Ausnahme. Dass so unvorbereitet ein so massiver Einschnitt in das öffentliche und theatrale Leben passiert, werden wir alle wohl (hoffentlich) nicht nochmal erleben. Trotzdem kann dies für Theater die Chance sein, neue Strukturen und Formate zu entwickeln, im Analogen wie im Digitalen. Und: We are all in this together. Corona betrifft uns alle und sowohl die finanziellen als auch die künstlerischen Herausforderungen werden nur gemeinsam bewältigt werden können. Lasst uns also reden. Dieser Text soll ein Anstoß dazu sein.

Es lohnt sich, zwei Perspektiven aufzumachen. Zum einen den etwas theoretischen Blick, der Thesen aufmacht, wie digitale Dramaturgien, die mit dem Theater verknüpft sind, aussehen könnten, zum anderen Fragen nach der Praxis, nach den kurzfristigen Reaktionen, die Theater auf die Corona-Pandemie geben können.

1. Digitales Erzählen funktioniert meist individuell — Rezeption ist kollektiv

Personen, die vor Screens etwas rezipieren, tun dies, Fernseher ausgenommen, momentan meist allein. Das heißt, das Erleben ist individualisiert — im besten Falle sowohl was Tempo, Zeitpunkt und Vollständigkeit angeht. Dies erfordert von digitalen Dramaturgien, sich diesem Erleben anzupassen und dem Publikum Autonomie über den Rezeptionsprozess zu überlassen. Der Prozess des Austauschs, der der Rezeption eines performativen Ereignisses folgt, ist zwangsläufig sozial und passiert in einem inter-sozialen Raum. Die Entscheidung darüber, wie dieser Raum gestaltet ist, muss elementarer Bestandteil jeder digital basierten Narration sein.

2. Das digitale Publikum ist Akteur

Das Publikum im Digitalen Raum hat jederzeit die Möglichkeit zu gehen, sich an anderen digitalen Orten aufzuhalten und andere Dinge zu sehen und zu hören- und dies ganz ohne die soziale Kontrolle des leeren Stuhls. Es ist somit unmittelbar als Akteur in das performative Ereignis eingebunden. Digitale Produktionen sollten dem Publikum daher Handlungsmacht über die Erzählung und das Erlebnis geben und das Publikum von aktiven Rezipienten zu handelnden Akteur*innen des Werks machen. Oder um es anders zu sagen: Es geht nicht mehr darum, die Darstellenden auf Heldenreise zu schicken. Stattdessen macht das Publikum die Heldenreise im digitalisierten Theater selbst und kann über Rückkanäle Einfluss auf diese Reise nehmen.

3. Digitale Narration ist temporär

Die digitale Gesellschaft ist durch ihre Schnelligkeit geprägt. Wie schnell sich Entscheidungshorizonte ändern können, sehen wir gerade in der Corona-Krise. Derart umfassende Maßnahmen wären in der prä-digitalen Zeit kaum möglich gewesen. Digitale Narration muss daher kontemporär sein, schnell auf Ereignisse reagieren und durch Freiräume in der Narration dem akuten Alltagsereignis Platz geben. Und: Auch der Rückzug darf schneller passieren, als es im Theater üblich ist.

5. Digitales Erzählen geht auch ohne das Thematisieren des Digitalen

Ein Stück wird nicht digitaler, weil es eine Technologie zum Thema hat oder Posthumanist*innen zitiert werden, sondern ausschließlich durch das individuelle, digitale Erleben. Dieses digitale Erleben ist aber nicht mit der Thematisierung der digitalen Gesellschaft verbunden.

6. Digitales Theater ist multimedial und entgrenzt

Digitale Theatererzählungen werden das Theater als sozialen Raum und als soziales Erlebnis nicht ersetzen. Sie können es aber um weitere Elemente ergänzen und so multimediale Narrationen, die auf sozialem Erleben fußen, ermöglichen. So kann das performative Ereignis ausgedehnt, bereits weit vor Einlass begonnen und auch danach fortgesetzt werden. So eröffnen sich Wege, mit dem Publikum anders umzugehen und unterschiedliche Wissensbestände zu schaffen, in dem bspw. bestimmte Informationen nur an bestimmte Personengruppen ausgespielt werden.

Die Praxis

Kurzfristig muss man die Leute da abholen, wo sie sind, das heißt, bei Instagram, Nachrichten und in Messengern. Theater lebt vom physischen Erleben. Die Idee, jetzt Apps zu entwickeln, ist reizvoll, aber innerhalb der nächsten zwei Monate dürfte es unmöglich sein, hier etwas zu entwickeln. Deswegen drei fixe Ideen, die innerhalb der nächsten Woche umgesetzt werden können:

1. Das Publikum zum Akteur machen und die Gemeinschaft betonen

Gebt den Leuten Instafilter mit Kostümen der populärsten Aufführungen der letzten Jahre. Es gibt niemand, der das kann? Jetzt ist die Zeit, das zu lernen. Super auch: Challenges, für die digitale Gemeinschaft schaffen. Wer dafür Ideen braucht: Christiane Hütter auf quarantale.com hat dazu bereits erste Vorschläge gemacht. Ein gemeinsames und gut moderiertes Google-Doc, in dem ein kollektiver Monolog entsteht, der dann von einem Ensemble-Mitglied vertont wird. Es geht darum, das Publikum ins Handeln zu bringen und eine soziale Verbindung zu schaffen, die alle einbindet.

2. Außergewöhnliche, temporäre Erlebnisse schaffen

Der Schaubühnen-Schauspieler Felix Römer spielte auf seinem Balkon den Nachbarn auf seiner Geige vor, Pianist Igor Levit macht jeden Abend ein Wohnzimmerkonzert, Autorin Ilona Hartmann schreibt ein Gedicht über Drosten, Stermann und Grissemann machen Willkommen Österreich an ihrem Laptop — all das sind die kurzen Momente, die gerade Abwechslung in den Lockdown-Alltag bringen. Es gibt mit Sicherheit bereits Ideen, wie Theater da einhaken können und bereichernd sind, falls nicht: Versuchen wir es doch mal mit einem Online-Chor oder einer digitalen Führung durch das letzte Bühnenbild. Diese können bei Insta oder auch in einem Broadcast-Channel eines Messengers geteilt werden.

3. Soundtrack der sozialen Isolation

Social Distancing wird wohl noch einige Zeit das Gebot der Stunde sein. Das heißt, viele Leute werden über lange Zeit nur die Personen, die in ihrem engsten Umfeld sind, sehen. Hier können Theater neue Dialogmöglichkeiten schaffen und bspw. durch Publikumsgespräche neue Wege des Austauschs eröffnen, personalisierte Sprachnachrichten oder Hörspiele wären ein weiterer Weg. Überhaupt: Sprachnachrichten bieten jede Menge Potenzial für performative Ereignisse.

Mittelfristig könnten digitale Formate entwickelt werden, die im Internet zuhause sind. Dialogszenen müssen nicht zwangsläufig am selben Ort gesprochen werden. Per Anhalter durch das Internet, angeleitet von Hyperlinks und ein gestreamtes Live-Video. Ein Walk durch Google Maps, mit hinterlegten Files an bestimmten Orten, der Link zur Karte wird zugeschickt. Ein digital erstelltes Wimmelbild der Orestie, das den Blick des Zuschauers frei schweifen lässt und alte Inszenierungen des Hauses neu vernetzt. Intertextualität ist vermutlich das, was Theater und Digitalität am meisten vereint. Think wild, not mild.

Corona macht auch die Notwendigkeit einer langfristigen Entwicklung eines Theaters deutlich, das fähig ist, Formate auch digital zu denken und das Internet als gleichberechtigten Produktionsort zu begreifen. Häuser müssen sich Personen suchen, die für ihr Haus Produktionen für das Internet machen oder zumindest Verbindungen dazu schlagen. Sei es, als digitales Ensemble mit Label im Spielplan, als Veranstaltungsreihe, die stark digital denkende Personen mit Barcamps oder kleinen digitalen Formaten ans Haus holt oder das Schaffen eines digitalen Archivs der eigenen Produktionen.

Die Situation ist für alle neu, wir können sie als Chance begreifen, zu entdecken, zu explorieren und uns auf Schatzsuche begegeben. Sich darüber auszutauschen, was gerade noch nicht geht ist ein ebenso wertvoller Schritt wie das Formulieren einer ganz kleinen neuen Idee, die in einer Insta-Story aufploppt oder Leute dazu animiert, aus ihrem Fenster zu schauen. Also: We are all in this together. Gemeinsam einsam, gemeinsam neues probieren.

Pop | Politik | Performance Arts | Berlistanbul | Former: Spiel&Objekt HfS Ernst Busch

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