Sehr geehrter Olaf Scholz et al,

Ihre Entschuldigung nehme ich an. Aber:

Wir brauchen jetzt nicht nur eine Diskussion über die geschehenen Krawalle allein. Da gab es auf beiden Seiten extreme Verfehlungen.

Die Tatsache, warum sich ein zum größten Teil unpolitischer Mob so verhalten hat, sollte der Auslöser eines Gesprächs — oder besser eines breit angelegten Dialogs sein.

Ein immer stärker werdendes Gefühl der Ungerechtigkeit in der Welt macht sich breit.

Immer mehr Menschen in unserer Welt kommen nach und nach auf den Trichter, dass im Grunde nur derjenige so richtig gut lebt, dessen Familie seit Jahrzehnten — wenn nicht länger — gestopft voll mit Geld ist. Wenn das Durchschnittsgehalt in Deutschland bei 2.783 EUR Brutto liegt (da kommt zwischen 1.800 und knapp über 2.000 EUR netto bei raus), merken doch auch durchschnittlich viele Menschen, was man damit noch bewegen kann.

Bei deutschlandweiten Durchschnittsmieten (und einer nicht funktionierenden Mietpreisbremse) von 12,36 EUR kalt entstehen leicht Wohnkosten von deutlich über 1.200 EUR warm. Nehmen wir mal eine dreiköpfige Familie als Beispiel, in der nur einer den Ernährer spielt, kann wohl von genügend Essen auf dem Tisch und Grundausstattung an Kleidung ausgegangen werden. (Kleidung von “günstigen” Firmen wie Kik oder H&M) Aber allein die Anschaffung eines Anzuges für den Herrn kostet zwischen knapp der Hälfte bis hin zu einmal fast allem, was der Familie bleibt.

Und dabei brauchen wohl die wenigsten einen Anzug!

Aber selbst der billigste Urlaub für drei Personen dürfte schon weitaus teurer sein als das, was während eines Monats übrig bleibt.

Wie man es dreht und wendet, es muss immer abgewogen werden, was wichtiger ist, selten aber kann noch jemand einigermaßen ungezwungen leben. Denn was passiert, wenn nur die Waschmaschine kaputt geht? Urlaub adé oder zumindest wieder verschoben…

Denn sogar Sparen bei der Bank wird ja mittlerweile bestraft.

Verstehen Sie, was falsch läuft, wenn die Vertreter von 20 Ländern mit teilweise bis zu knapp 1.000 Personen Entourage auf eine Art und Weise beschützt werden, dass Familie Durchschnitt ganz einfach akzeptieren muss, dass fast alle Grundrechte vorübergehend ausgeknipst werden müssen?

Und dabei mit Geld scheinbar nur so um sich geworfen wird? Die erste Schätzung der Gesamtkosten lag bereits bei ungefähr 130 Millionen Euro. Für 2–3 Tage Veranstaltung! Die Endabrechnung könnte — nach ersten vorsichtigen Schätzungen — das 2–3-fache betragen.

Das Schlimmste: Verglichen mit den meisten anderen Ländern dieser Erde ist das alles Klagen auf hohem Niveau!

Wenn sich nun alle 20 Staatenlenker zu verpflichtenden Maßnahmen in Bezug auf die Armut, Unternährung, Digitalisierung, Bildung, Anerkennung von Menschenrechten und einigem mehr ausgesprochen hätten, könnte man ja vielleicht im Nachhinein noch von einem positiven Effekt dieser teuren Veranstaltung sprechen.

Das Ergebnis ist davon jedoch leider weit entfernt.

Der weltweite Handel ist beschlossene Sache — selbst der amerikanische Präsident macht mit. Toll!
Herr Trump darf allerdings weiterhin behaupten, es gäbe keinen menschengemachten Klimawandel. (Selbst dann, wenn er nicht menschengemacht wäre, muss man aber doch erkennen, dass jetzt letzte Gelegenheit ist, Gegenmaßnahmen zu veranlassen; warum rafft dieser Depp das bloß nicht?)

Immerhin sind die restlichen 19 bei dem im Grunde zu nichts verpflichtenden Pariser Abkommen geblieben. Jeder mit dem Recht, gegen Schande seine Ziele zu verpassen. 
Aber da sind wir auch in Deutschland traurigerweise weit vorn.

Herr Erdogan darf weiterhin an seiner Diktatur basteln, deutsche Politiker bespitzeln und drangsalieren und Menschenrechte und Pressefreiheit aufs lächerlichste verhöhnen.

Herr Putin bleibt ebenso wie Herr Orban ohne klaren Widerspruch ein lupenreiner Demokrat.

Großbritannien muss weiterhin in Dummheit sterben und erzeugt durch seinen Austritt aus der EU unfassbar viel Arbeit, die von wichtigerem ablenkt und trotz der geforderten — aber nicht anerkannten — Endabrechnung viel Geld aus der europäischen Gemeinschaft abziehen wird.

Die Welt gibt weiterhin für Krieg mit Abstand am meisten aus. Der daraus folgende Strom an Flüchtenden hat möglicherweise gerade erst begonnen! Wenn es um den Äquator erst mal um die 60° C heiss werden wird, werden erst die wirklich großen Mengen an Menschen los marschieren. Die Schätzungen gehen bis an die 200 Millionen Klimaflüchtlinge heran. Und Europa klagt jetzt schon! Wie soll es dann erst werden? Wird die Unmenschlichkeit am Ende dann doch so weit gehen, dass wir die Grenzen unseres Wohlstandes mit Waffen verteidigen werden?

Wo soll man da aufhören? Die Aufzählung scheint bei immer weiterem Nachdenken unendlich lang zu werden.

Mein Gefühl sagt mir, dass der größte Teil der Demonstrierenden von solchen oder ähnlichen Gedanken getrieben war, als die Strassen im Protest gegen die Politik der G20 Staaten bevölkert wurden.

Übrigens mit der Ausnahme der Schanzenkrawalle.

Bei denen hat sich möglicherweise “einfach nur” ein größtenteils alkoholisierter und dadurch enthemmter Mob ein paar Stunden lang ungehindert über die oben erwähnten Zustände Luft gemacht.

Leider weit weniger bewusst, als es hier so aufzuschreiben. Doch die daraus entstandenen Bilder brennen sich ein. Sie taugen dazu, mit noch größerer Vehemenz härtere Gesetze, stärkere Einschnitte und noch mehr gesellschaftliche Spaltung zwischen arm und reich zu erzeugen.
Mehr Videoüberwachung, Netzwerkdurchsuchungsgesetz und Consorten geben scheinbar erste Eindrücke von dem, was noch kommt.
Unter anderem dadurch, dass es nun so viele “einfache Familien” getroffen hat, deren Autos brannten, erzeugt immer größere Bereitschaft, ebendiesen Gesetzen zuzustimmen. Die Bereitschaft zu Lynchjustiz und Denunziation ist gestiegen. Das lässt sich bereits in den sozialen Medien ablesen. Populistische Provokateure haben ordentlich Munition, um weitere Menschen zur sogenannten Protestwahl zu bewegen. Nicht zuletzt das wird auch Ihre Position schwächen, Herr Scholz! Ich befürchte nämlich, dass die Entschädigungen, die Bund und Land jetzt an die betroffenen auszahlen wird, ebenso wenig im kollektiven Bewusstsein haften bleiben werden, wie die ursprünglichen Beweggründe der zehntausenden, die sich an den Protesten beteiligt haben.

Stimmen Sie vielleicht ein bisschen zu, dass es das ist, worüber wir reden sollten?

Ich würde mich freuen!

Hochachtungsvoll,
Einfach nur ein Bürger…