Chatbots: Die “Schachtürken” des 21. Jahrhunderts

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“ Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke wusste bereits 1973, dass man eine Technologie nicht unbedingt verstehen muss, um diese zu nutzen. Doch wie Zauberer machen sich manche Ingenieure und Entwickler dieses Unwissen zunutze, um die Wahrheit zu verstecken: Hinter der Magie stecken simple, oftmals sogar alte Tricks.
Das wohl beste Beispiel für derart „magische“ Technologien sind moderne Chatbots und persönliche Assistenten wie Alexa, Siri oder Cortana. Trotz der rasanten Fortschritte in den Bereichen Machine Learning und Artificial Intelligence sind die meisten Chatbots von einer „künstlichen Intelligenz“ weit entfernt. Tatsächlich wird mit Tricks und Methoden gearbeitet, die bereits seit Jahrhunderten zum Einsatz kommen.
Der Mensch in der Maschine
Die wohl effizienteste Methode: Unterstützung durch Menschen. Wie einst der berühmte „Schachtürke“ (ein schachspielender „Roboter“ aus dem 18. Jahrhundert, in dem sich ein Mensch versteckte) sind bei einigen Chatbots Menschen für die Antworten zuständig. Facebooks persönlicher Assistent „M“ wurde mehrere Monate lang in Kalifornien getestet. Der Chatbot schien intelligenter als die Konkurrenz zu sein — allerdings nur dank menschlicher Hilfe.
BuzzFeed-Redakteur Mat Honan bestellte über M einen Papagei für einen Kollegen und verfolgte über den Lieferanten die Spur zu einer Facebook-Mitarbeiterin zurück. Facebook zufolge will man M so schneller neue Fähigkeiten beibringen. Die meisten Anfragen werden automatisch beantwortet. Nur wenn die Software sich nicht sicher ist, wird ein Mensch hinzugezogen. Das Ergebnis lässt sich heute teilweise bereits im Messenger nutzen: Fragt man im Facebook Messenger „Wo bist du gerade“ oder „Wollen wir uns am Dienstag treffen“, schlägt die App automatisch vor, den Standort freizugeben oder einen Termin einzutragen.
Wie ein Psychologe
Während diese Art von „künstlicher Intelligenz mit menschlicher Unterstützung“ eher rar ist, bedienen sich viele Chatbots knapp 50 Jahre alter Tricks, um menschenähnlicher zu erscheinen. Das simple Programm ELIZA erkannte bereits 1966 Muster in Sätzen und bezog sich in der Unterhaltung auf einzelne Schlüsselwörter, um das Gespräch am Laufen zu halten. Erwähnte der Nutzer beispielsweise seinen Vater oder Mutter, antwortete ELIZA mit „Erzählen Sie mir mehr über ihre Familie“ — ähnlich wie ein Psychologe.
Die Methode ist alles andere als perfekt, wurde aber mittlerweile zu einem einfach verständlichen XML-Dialekt weiterentwickelt. Mit AIML (Artificial Intelligence Markup Language) kann relativ einfach ein „virtuelles Chatbot-Hirn“ erstellt werden. Der Nutzer gibt einfach eine Liste von Antworten ein, die ausgegeben werden sollen, wenn ein bestimmtes Sprachmuster erkannt wurde.
A.L.I.C.E., das Ergebnis dieser regelbasierten Sprache, gewann insgesamt drei Mal den renommierten Loebner-Preis. Dabei müssen sich die Programme einem Turing-Test stellen — das Programm muss zwölf Juroren im Gespräch davon überzeugen, dass sie sich mit einem Menschen unterhalten. Der Test wurde noch nie bestanden, dennoch werden jedes Jahr die „menschenähnlichsten“ Programme ausgezeichnet. Und auch andere AIML-basierte „Chatterbots“, wie Mitsuku und Rose, wurden mehrfach ausgezeichnet.
Das Interface, nicht die KI, ist die Revolution
Obwohl man bei diesen Chatbots schnell an Grenzen stößt, geben diese Regeln vorerst ein gewisses Maß an Sicherheit. Sei es nun Microsofts PR-Desaster mit seinem „rassistischen“ Twitter-Chatbot Tay oder Verständnisprobleme beim Einsatz von Natural Language Processing (NLP), mit Regeln gibt man der Konversation „Leitplanken“, die verhindern, dass der Chatbot wie ein tollpatschiger Staubsaugerroboter in einer Ecke stecken bleibt.
Eine Einschränkung, die bitter notwendig ist. Denn die wahre Revolution hinter Chatbots ist nicht die vermeintliche „künstliche Intelligenz“, sondern die Tatsache, dass wir per Text oder Sprache mit Programmen interagieren lernen. Technologien wie Machine Learning helfen lediglich dabei, Verständnisprobleme zwischen Mensch und Maschine aus dem Weg zu räumen.
Zugegeben, hin und wieder lasse auch ich mich selbst von der Illusion täuschen. Doch bereits nach wenigen Nachrichten ist mir wieder klar, dass Samantha aus „Her“ vorerst nur Science Fiction ist.
