Wie Journalismus von Chatbots profitieren kann

Wenn eine Geschichte gut sein soll, muss man sie mit ein bis drei Sätzen erzählen können. Diese „goldene Regel des Journalismus“ habe ich im Rahmen meiner journalistischen Karriere und Ausbildung immer wieder gehört. Auch wenn der jugendliche Rebell in mir sich gerne meinen Lektoren widersetzte, hier konnte ich nie wirklich etwas dagegenhalten. Zu lebendig waren die Erinnerungen aus meiner Kindheit, als meine Großeltern am Küchentisch saßen, Zeitung lasen und sich gegenseitig erzählten, was denn so alles passiert ist. Eine Geschichte so zu erzählen, dass sie der Leser bereits nach wenigen Sätzen versteht und mit seinen eigenen Worten weitererzählen kann — klingt einfacher als es tatsächlich ist.


Warum immer den Umweg gehen, wieso nicht gleich die Geschichte im Rahmen eines Gesprächs erzählen? Die Gelegenheit ist günstig: Die Menschen scheinen nichts anderes zu tun, als sich online zu unterhalten. Die populärsten vier Messenger konnten bereits 2015 mehr Nutzer vorweisen als die beliebtesten vier Sozialen Netzwerke. Journalisten haben sich bislang eher selten in das Gespräch eingeklinkt — in Anbetracht der Anfeindungen in den Online-Kommentaren kein Wunder. Doch nun gibt es eine Technologie, die Journalismus als „Gespräch“ problemlos ermöglicht: Chatbots.

Ein Chatbot lässt sich, simpel ausgedrückt, als Programm beschreiben, mit dem man über eine Konversation, meist Text oder Sprache, interagiert. Obwohl Chatbots alles andere als neu sind ( siehe ELIZA ), haben sie im vergangenen Jahr eine wahre „Renaissance“ erlebt. Dafür verantwortlich ist auch, dass große Technologie-Konzerne wie Facebook, Microsoft und Google ihre Plattformen für Chatbots geöffnet haben und deren Entwicklung gezielt fördern. Das Ergebnis ist relativ bunt : Unzählige „Prominente“ (mein Favorit), mit denen man chatten kann, eine Katze, die Hipster-Lokale in der Nähe vorschlägt oder Bots, die beim Lernen einer neuen Sprache helfen.

Vor allem sogenannte „Service-Bots“, die bestimmte Aufgaben erfüllen, beispielsweise beim Buchen eines Fluges helfen oder Auskunft über das Wetter geben, sind beliebt. Doch auch einige Medienkonzerne haben sich dem Thema angenommen und sogenannte „News-Bots“ entwickelt. Die Basis-Version ist nicht mehr als ein Newsletter für den Messenger: Der Nutzer kann die Nachrichten eines Mediums abonnieren, die jeden Morgen auf sein Smartphone geliefert werden. Praktisch, aber nicht revolutionär. Aber auch simpel kann gut sein. TechCrunch, das als eines der ersten Unternehmen einen News-Bot veröffentlichte, zählt bereits jetzt fast so viele Bot- wie App-Nutzer.

Artikel im Gespräch erzeugen

Doch bereits in der nächsten Stufe wird es deutlich spannender: Statt Links werden Nachrichten spezifisch für den Messenger ausgeliefert. Der Nutzer kann nach jenen Aspekten der Nachricht fragen, die ihn oder sie am meisten interessieren. So wird im Laufe eines Gesprächs ein „Artikel“ aus kleinen Informationshäppchen geformt. „Conversational Journalism“ — Journalismus, der aus einem Gespräch heraus personalisierte Inhalte erschafft. Die Idee mag komplex klingen, man kann es aber schon jetzt ausprobieren. So setzen die Atlantic-Tochter „Quartz“, das deutsche Start-up „RESI“ sowie der „tagesschau“-Chatbot „NOVI“ bereits auf dieses Konzept.

Eine typische Unterhaltung mit NOVI

Um den Aufwand gering zu halten, arbeitet man derzeit noch mit einer kleinen Zahl an vorgefertigten Nachrichten. So gibt es für jede Schlagzeile meist zwei bis drei zusätzliche Informationshäppchen, die über vorgefertigte Antworten abgerufen werden können. Doch schon bald könnte aus diesen Bot-Experimenten wahrer „Conversational Journalism“ werden. Die New York Times wagte bereits 2016 mit dem „Election Bot“ für Slack ein spannendes Experiment. Abonnenten konnten direkt Fragen zur Präsidentschafts-Wahl stellen, die, sofern die Frage vernünftig war, von einem Redakteur beantwortet wurde.

Die Leser können aber auch selbst in die Rolle des Journalisten schlüpfen. So veröffentlichte BuzzFeed im Vorjahr anlässlich der Republican National Convention, auf der Donald Trump zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, den BuzzBot. Leser konnten über den Bot Fotos und Hintergrundinformationen von der Convention an BuzzFeed schicken. Ob der Bot tatsächlich brauchbare Inhalte lieferte, ist unklar. Zumindest wurde der Code des Bots veröffentlicht.

Wahl als Testballon

Eine spanische Gruppe von Journalisten, Entwicklern und Designern hat zudem mit PolitiBot ein interessantes Experiment gestartet. Der Chatbot für Telegram sollte mit spielerischen Nachrichten über die Wahlen in Spanien informieren. So wurden etwa kurze Statements von Politikern geschickt und die Nutzer danach gefragt, ob sie der Aussage zustimmen oder diese ablehnen — Umfragen im Messenger. PolitiBot kam dermaßen gut an, dass die Berichterstattung auch auf Brexit und die US-Wahlen erweitert wurde.

AJ+, die Online-Tochter von Al Jazeera, lieferte zudem mit „Mila“ eine Begleiterin für die US-Wahl. Nutzer konnten sich nicht nur über die Positionen der Kandidaten informieren, sondern auch ihre eigene Geschichte erzählen und diese direkt an den Newsroom schicken. AJ+ veröffentlichte rund 20 dieser Geschichten in aufbereiteter Form auf seinen Social-Media-Kanälen. Abgesehen davon gibt es noch zahlreiche andere spannende journalistische Chatbot-Experimente: Das fast schon absurde „Emoji News“ von Fusion, die eher verspielten „TrumpBot“ und „DisOrDatBot“ von Mic sowie der Factchecking-Bot „Detector de mentiras“ von Univision, der Nutzern zeigte, ob sie die Lügen von Politikern erkennen können.

Chancen und Risiken

An der Kreativität und dem Interesse mangelt es nicht. Nahezu jeder große Medienkonzern hat bereits einen Chatbot im Einsatz oder zumindest in Planung. Und auch die Tools werden immer einfacher, sodass der Hype um Chatbots im Journalismus vorerst anhält. Das könnte mehrere spannende Folgen haben. Der verstärkte Dialog zwischen Lesern und Journalisten könnte beispielsweise die Wogen wieder etwas glätten. In den vergangenen Jahrzehnten waren Journalisten als „zu elitär“ und der klassische Journalismus als „von oben herab“ verschrien. So könnte man wieder auf Augenhöhe zurückkehren.

Zudem überwindet man mit dem direkten Kontakt auch die „Ketten der Algorithmen“. Sei es nun Facebook, Google News oder Flipboard — nur ein Bruchteil der Abonnenten bekommen die Nachricht dank Personalisierung überhaupt zu sehen. Über den Messenger besteht dieses Risiko nicht, da hier kein Algorithmus als Filter fungiert.

Andererseits gibt es auch Risiken. So könnte der Hype um Chatbots abflauen — sowohl vonseiten der Nutzer als auch der Technologie-Konzerne, die gerade erst ein Ökosystem aufbauen. Doch das wohl größte Risiko sind Designfehler. Jeder Mensch weiß, wie eine Konversation abläuft, doch Chatbots sind keine Menschen. So können bei bereits relativ simplen Interaktionen Missverständnisse entstehen, die für ordentlichen Frust sorgen. Das sind Fehler, die man nicht so schnell vergisst. So manche Person beschließt womöglich sogar, deswegen keine Chatbots mehr zu nutzen. Daher meine Bitte an alle Medienunternehmen, die auf Chatbots setzen: Versaut es nicht, wir würden gerne auch noch mitmischen.