Die Rohstoffe und Ich

Ein Sonntagsexperiment


Neulich stolperte ich über diese Zeilen vom Schriftsteller Johann Gottfried Seume: “Das beständige Leben im Zimmer wird bald zur kränkelnden Vegetation. Wer Kraft und Mut und Licht mehren will, gehe hinaus in die Elemente.” Als Großstädter mit latent niedrigem Naturkontakt fühlte ich mich natürlich direkt angesprochen. Nur wusste ich noch nicht so ganz, was Seume hier von mir will. Das duftende Holz bei einem Spaziergang im Wald bewundern? Mich am kühlen Wasser im Badesee erfreuen? Mit den Händen wieder reine Erde ertasten?

Wenige Tage später las ich in einer E-Mail Signatur “Alles ist gut, wie es aus den Händen der Natur kommt” — ein Zitat vom Namensvetter Johann Wolfgang v. Goethe. Diese beiden poetischen Begegnungen konnten kein Zufall sein. Mir dämmerte es langsam, dass hier ein persönlicher Auftrag auf mich wartete. Aber um die Natur und ihre Rohstoffe wirklich zu erleben, musste ich radikaler werden als meine Berliner Mitmenschen. Ein bisschen Bio-Essen, ein paar Tage Camping in Brandenburg, die eigene Tomatenzucht auf dem Balkon — nein, Seume und Goethe riefen nach mehr. Ich musste raus aus dem Zimmer, weg von allem Menschgemachten, ran ans Ursprüngliche.

Ich nahm mir also vor: Einen Tag lang will ich nur von und
mit nicht weiter verarbeiteten Rohstoffen leben.

Ich wache auf. Es ist ein milder Frühlingssonntag. Und ich spüre: heute ist dieser Tag gekommen. Bereit für mein Tête-à-Tête mit der Natur schiebe ich die Bettdecke beiseite, springe auf — und stehe mitten im Gedankenchaos. Denn meine ersten Regelverletzungen sind offensichtlich: Mit einer Mischung aus 80% Baumwolle und 20% Polyester stehe ich in T-Shirt und Boxershorts bekleidet auf gebeizten Holzplanken im 3. Stock in Berlin, Prenzlauer Berg. Die Holzplanken kriege ich so schnell nicht weg. Die bösen H&M Textilien streif ich mir hingegen schnell vom Leib, um Adams Ausgangssituation etwas näher zu kommen. Ok, Nachdenken. Ich brauche einen Plan. Bevor es um mein sonntägliches Freizeitprogramm gehen soll, fange ich auf der Maslowschen Bedürfnispyramide erst mal ganz unten an: Essen. Mein Kühlschrank ist zwar nicht leer, aber selbst meine Bio-Möhren sind mit einer Plastikfolie eingeschweißt. Da war klar Menschenhand im Spiel. Ich gehe also im Kopf durch, wo ich in meiner Nähe kulinarische Rohstoffe im Urzustand vermute… Die Spree! Dort sollen Hecht, Aal und Plötze schwimmen. Fehlt nur die Angel. Einen Ast als Rute krieg ich wohl organisiert. Aber wo finde ich eine Raupe, die mir kurzfristig die Seide für die Angelschnur spinnt? Und aus was baue ich einen Haken? In meinen Kopf schießt zunächst: Einfach googlen. Oder nach YouTube Tutorial-Videos suchen. Ich will also gerade nach meinem iPhone greifen, als ich mir bewusst mache, dass dies wohl so kaum an Bäumen wächst.

Der Moritzhof im Prenzlauer Berg

Angeln fällt also aus. Nicht weit weg von mir befindet sich eine kleine Tierfarm für Kinder. Dort habe ich zuvor schon Schweine, Schafe, Ziegen und Hühner gesichtet. Das Gute: die müsste ich noch nicht mal mit großem Aufwand jagen. Das Ungute: mir fehlt jedwedes Werkzeug, um die Tiere auf halbwegs vertretbare Art in einen essfähigen Zustand zu transformieren. Außerdem würde ich in Windeseile nicht nur den Hass der Stadtkinder auf mich ziehen, sondern auch den ihrer Eltern — vermutlich hier im Kiez meist Vegetarier, Veganer oder Frutarier. Karma-technisch ok dürfte es sein, wenn ich mich neben das Huhn setze und warte, bis es ein Ei legt. Das sonntägliche Endziel: Spiegelei. Aber selbst wenn mir in einem Eureka Moment einfallen würde, wo und wie ich in Laufnähe Eisen finde um daraus ein Pfannenähnliches Konstrukt zu kreieren, so würde ich trotz jahrelanger Mitgliedschaft bei den Pfadfindern in meiner Jugend eigenständig kein Feuer zustande kriegen.

Die kulinarische Luft wird dünner. Ich bin bereit, Abstriche zu machen. Wo hab ich in der Berliner Innenstadt das letzte mal einen Apfelbaum gesehen, wild wachsende Pilze, Radieschen oder Tomaten? Ich kenne zwar einige Plätze, wo Urban Gardening betrieben wird. Aber a) fühlt sich das wieder zu konstruiert an und b) kann ich mich nicht so weit raus aus meinem Kiez bewegen. Stichwort: Erregung öffentlichen Ärgernisses. Ich könnte mir aus Blättern und Zweigen einen Lendenschutz basteln und in den nahe gelegenen Mauerpark eilen. Zwischen all den anderen bunten Gestalten käme ich dort wahrscheinlich selbst bei Polizeipräsenz dazu, mich in gut geduckter Position durch einige Wildkräuter zu futtern.

Kurz bevor ich die Haustür verlasse um den Plan in die Tat umzusetzen halte ich noch einmal inne: Was würden wohl Goethe und Seume denken, wenn sie mich im Mauerpark so sähen? Würden sie darin meine hehren Pläne erkennen, wie ich zurück zur Natur und den Elementen reise?

In diesem Moment realisiere ich drei Dinge:

  1. Wir brauchen unbedingt eine andere Form der Wertschätzung für unsere Rohstoffe in der Welt
  2. Gleichzeitig sollten wir nicht nur unsere Smartphones und neuesten Apps huldigen, sondern uns öfter mal an dem erfreuen, was all die klugen Menschen in den letzten 200.000 Jahre aus Rohstoffen so alles erschaffen haben — hier will ich nur stellvertretend Bratpfannen und Unterhosen nennen
  3. Der Plan war für Berlin leicht überambitioniert. Nächsten Sonntag dann doch Camping in der Lausitzer Heide.

Picture “Berries” by Nicholas Erwin