Her mit der Innovation!

Was tun, wenn der Chef schon wieder danach ruft?


Nicht nur privat fassen Menschen gerne gute Vorsätze für das neue Jahr. Auch in den Unternehmen hört man die Chefs Anfang des Jahres hoffnungsvoll anstimmen:

Meine Damen und Herren.
Dieses Jahr kann unser Jahr werden. Der Wettbewerb ist hart, der Kostendruck hoch. Und der Kunde wird immer anspruchsvoller. Aber wir können die Konkurrenz hinter uns lassen. Wir müssen dazu nur eines tun: innovativer werden. Lassen Sie uns gemeinsam zeigen, was in uns und dieser Firma steckt!

Aha. Also mehr Innovation ist gefragt. Mal wieder. An dem Vorsatz an sich gibt es zunächst wenig auszusetzen. Denn wenn man selbst die Innovation nicht treibt, treibt sie in unserer digitalisierten, globalen Gesellschaft ein anderer. Wo auch immer Probleme und Bedürfnisse von Menschen & Kunden durch einen digitalen Ansatz noch leichter, besser, schneller oder kostengünstiger gelöst werden können, da wird schon irgendein aufgeweckter Fuchs des Weges kommen, der genau das in die Tat umsetzt. Selbst gesetzliche Schranken scheinen Innovationen oft nicht verhindern, sondern nur etwas ausbremsen zu können. So gab es in der Medienindustrie bereits einen ganzen Meteoritenhagel an digitalen Innovationen, die mit ihrer Schlagkraft die Medienlandschaft und die zu Grunde liegenden Geschäftsmodelle grundlegend verändert haben. Napster, Apple und Spotify haben die Musikbranche umgekrempelt, Netflix und YouTube das Fernsehen — und Twitter, Facebook und Digitalmedien wie HuffingtonPost die Zeitungsbranche. Andere Industrien mögen sich von dem digitalen Wandel weniger betroffen fühlen. Doch die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass sich auch in ihrer Branche gerade ein junges Unternehmen vom Kaliber YouTube oder Uber zusammenbraut, was den Markt komplett aufmischen kann. Weil das Gründen neuer Unternehmen immer einfacher, kostengünstiger und auch populärer wird, sprießen auf allen Kontinenten und in allen Branchen pfiffige Startups aus dem Boden, die genau diese Disruptionspotenziale im Visier haben.

Die Digitalisierung klopft auch bei der Fitnessbranche an

Auf den ersten Blick hat die Fitnessbranche wenig mit der digitalen Transformation zu tun hat, weil der Mensch sich — Stand 2015 — für seine eigene Fitness ja immer noch ganz schön offline bewegen muss.

Auf den zweiten Blick rüttelt der digitale Wandel aber auch schon in dieser Branche an alten Gepflogenheiten. Wenn Menschen aufhören, Fitnessstudios & Personal Trainer aufzusuchen, weil sie mit ihrem individualisierten elektronischen Coach von Freeletics günstiger und überall trainieren können; wenn Ernährungstipps nicht mehr aus dem Fitnessmagazin kommen, sondern von der SmartWatch, die in Echtzeit auf den einzelnen Körper abgestimmte Empfehlungen unterbreitet; wenn junge Entrepreneure wie bei Tough Mudder mit neuen Massen-Fitness-Events in wenigen Jahren vor allem über kluge Online-Kommunikation weltweit Millionen von Menschen mobilisieren und 9stellige Umsätze machen — dann stellt sich der Vorsatz, einmal die eigenen Innovationsbemühungen auf den Prüfstand zu stellen, vielleicht auch in der Fitnessbranche als ganz sinnvoll heraus.

Hiermit kommen einige Fragen auf: Wie können Management und Mitarbeiter Innovationen aktiv voran treiben? Was kann man als traditionelleres Unternehmen von Startups lernen? Wie kann man mit ihnen zusammenarbeiten? Und wie schafft man eine Kultur in der eigenen Firma, in der Mitarbeiter gute Ideen schneller und besser — oder erst einmal überhaupt — in die Tat umsetzen?

Vielleicht fangen wir aber mit einer anderen Frage an:
Was hindert denn viele Unternehmen überhaupt daran, innovativ(er) zu sein?

Weit verbreitet ist die Annahme, dass es den meisten Mitarbeitern schlichtweg an guten Ideen für Produkt- oder Prozessinnovationen mangelt. Woher dieser Mangel rührt? Je nachdem wen man fragt hört man als Grund das fehlende Verständnis für die eigenen Kunden, die nach zu langer Zeit einsetzende Betriebsblindheit, die fehlende kreative Ader oder simpel die nichtexistente Energie, überhaupt noch irgendwas in der Firma verändern zu wollen. Wenn man nach diesen Symptomen sucht, wird man vermutlich auch in jeder Branche und Organisation irgendwo fündig. Aber wer sich einmal die Mühe macht und seine Mitarbeiter & Kollegen nach konkreten Ideen fragt, welche Prozesse sich in der Firma potentiell verbessern ließen oder welches Kundenproblem auf ganz andere Art gelöst werden könnte — der wird überrascht sein. Überrascht davon, wie viele spannende Ideen für mögliche Innovationen in den Köpfen der eigenen Firma schlummern. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, lohnt die Probe aufs Exempel. Man spornt das Team (und sich selbst) an, die Bedürfnisse der eigenen Kunden eine Woche lang einmal stärker in den Blick zu nehmen. Ob über stille Beobachtungen, Interviews oder der Recherche, was Kunden in Foren, Blogs und sozialen Medien so über ihre Fitness und Gesundheit schreiben: es gilt rauszufinden, welche Probleme & Wünsche bei den Kunden noch nicht (gut) gelöst oder befriedigt werden — ob vom eigenen Angebot oder generell am Markt. Wenn man sich nun ein spannendes fitness-relevantes Problem herausgreift, einen kreativen Rahmen für eine Brainstorming Session schafft, das Team & evtl. einige externe Menschen mit ganz anderen Perspektiven dazu einlädt und für die Dauer der Session die Worte „ja, aber…“ aus dem Vokabular streicht — dann muss es schon fast mit dem Teufel zu gehen, wenn so nicht einige spannende Ideen für mögliche Innovationen entstehen.

Kurzum: die wenigsten Unternehmen leiden wirklich unter einem Mangel an Ideen.

Wenn nicht Ideen fehlen, was fehlt dann?

Das viel größere Nadelöhr für mehr Innovation ist bei den meisten Firmen die Unternehmenskultur. Eine Unternehmenskultur, die Mitarbeiter nicht darin beflügelt, Ideen eigenständig umzusetzen, Neues auszuprobieren und sich auch außerhalb des eigenen abgesteckten Stellenprofils zu engagieren. Dabei sind skurrilerweise die Chefs von den gleichen Dingen genervt wie die Mitarbeiter an der Basis: all die eingefahrenen Prozesse, diese starre Hierarchie, die schlechte Fehlerkultur, die politischen Spielchen und überhaupt der fehlende Mut, für irgendetwas Verantwortung zu übernehmen. Also Kopf in den Sand stecken und die Tage runterzählen bis zur Rente? Das wäre genauso dumm wie unnötig.

Denn eine Unternehmenskultur ist kein starres Etwas, was vom Führungsteam so bis ans Ende aller Tage in die welt gesetzt wurde. Auch wenn es manchmal nur in Trippelschritten geht, so kann sie von jedem mitgeprägt und verändert werden. Man muss sich nur vor Augen halten, dass die Kultur zu jedem Zeitpunkt den Verhaltensquerschnitt aller Mitarbeiter widerspiegelt, das eigene Verhalten also inklusive. Als einzelner Mitarbeiter kann man selbst jeden Tag neue Akzente setzen, wie man mit Kollegen, Kunden und Partnern umgeht, welche Probleme man in Angriff nimmt und was man Neues wagt.

Und auch bei den von Medien oft als Innovationsparadiese dargestellten Vorzeige-Firmen wie Google, Amazon oder 3M kommen die Innovationen nicht einfach lässig über die bunte Rutsche ins Büro hinein, nur weil die Chefs fitte Typen sind. Die innovations-freundlichen Unternehmen arbeiten extrem hart daran, sich in ihrer DNA und Unternehmenskultur die Denke und Agilität eines Startups zu bewahren.

Auch wenn es teilweise Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte zurück liegt: jedes Unternehmen hat schließlich einmal als Startup angefangen — meist ohne großes Kapital, dafür aber mit viel Mut, Kreativität und Einsatz. Das Szenario ist branchenübergreifend ein ähnliches: Im chaotischen Anfangszustand einer Firma fühlt sich jeder persönlich für den Erfolg verantwortlich. Und Erfolg heißt: erst mal überleben, dann skalieren. Es gilt, minimale Ressourcen maximal geschickt einzusetzen. Das erste Produktangebot wird in kurzen Iterationsschleifen schnell und oft angepasst, bis man ein reales Kundenbedürfnis löst, für das jemand Geld auf den Tisch legt. Und genau diese Denke eines Entrepreneurs aus den Anfangstagen gilt es wieder verstärkt in die ausgewachsenen Unternehmen zu bringen. So spricht man dieser Tage wieder viel von Intrapreneurship — ein bereits 1978 geprägter Begriff, der beschreibt, wenn Manager & Mitarbeiter innerhalb einer Organisation denken und handeln wie ein Entrepreneur.

Junge Startups treffen auf erwachsene Unternehmen

Eine von vielen möglichen Antworten, wie man Intrapreneurship fördern kann: man sorgt für mehr Interaktion & Zusammenspiel zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Denn auf beiden Seiten kann viel voneinander gelernt werden. Die Unternehmensmitarbeiter können ihre Erfahrungen weitergeben, wie man Produkte und ein Unternehmen skaliert, welche Besonderheiten und Spielregeln der jeweilige Markt mitbringt und wie man bestimmte Prozesse aufbaut, um die man ab einer bestimmten Unternehmensgröße nicht drumherum kommt. Umgekehrt können die Protagonisten aus den Unternehmen von den Start-Up Gründern lernen, wie man einen anderen Blickwinkel für Kundenbedürfnisse entwickelt, wie man neue Produkte mit wenig Ressourceneinsatz schnell prototypen und testen kann, welche Technologien Kommunikation & Kollaboration beflügeln und wie man generell eine Kultur schafft, in der Leute intrinsisch motiviert & problemlösungsorientiert zusammenarbeiten.

Die Formate, wie diese Zusammenarbeit gestaltet werden kann, können ganz u3nterschiedlich aussehen. Große Firmen wie Google, Microsoft, SAP, Axel Springer, Deutsche Telekom, Bayer, Deutsche Bahn und Otto haben dezidierte Programme dafür aufgesetzt. Für ihre sogenannten Acceleratoren oder Inkubatoren rekrutieren sie meist über offene Bewerbungsverfahren für sie spannende Startups, die dann für einen bestimmten Zeitraum Büroplätze, Mentoring und oft auch ein Startkapital von den Unternehmen bekommen. Im Austausch dafür geben die Startups in vielen Fällen Unternehmensanteile ab. Im Vordergrund steht hier bei den großen Firmen die Absicht, eine strategische Zusammenarbeit aufzubauen und von einem späteren Erfolg des Startups auch finanziell zu profitieren.

Aber es entstehen auch immer mehr niedrigschwelligere Interaktionsformate, wo die Unternehmen keine größeren Summen in die Hand nehmen müssen, um sich in einen ersten Lern- und Austauschprozess mit relevanten Startups zu begeben. Populär sind hier sogenannte Startup Expeditionen oder Learning Journeys in die Metropolen der Gründer. Hier gehen Mitarbeiter-Gruppen aus traditionellen Unternehmen für meist mehrere Tage auf Reise, um nacheinander in die lokalen Kontexte verschiedener Startups einzutauchen. Damit das ganze nicht einen Zoo-artigen „Wir schauen uns mal die bunten Start-Up Tiere da draußen an“-Anstrich bekommt, ist es wichtig, dass der Austausch auf Augenhöhe erfolgt und nicht zu schnell getaktet wird. Die besten Lernerfahrungen & zukünftigen Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit entstehen, wenn Start-Ups und Unternehmensmitarbeiter so miteinander „gematched“ werden, dass beide füreinander gleichermaßen interessant sind. Dann kann schon eine 1-wöchige Lernreise, bei der die Firmenkollegen die Welt von einer Hand voll relevanter Startups intensiv kennengelernt haben, genug Stoff liefern. Stoff, der aus neuen Impulsen, Methoden, Perspektiven und Partnerschaften besteht. Der eine frische Brise Intrapreneurship zurück ins Unternehmen bringt. Damit aus guten Vorsätzen und vielversprechenden Ideen das wird, was es werden sollte: ein 2015 mit mehr Innovation.


Diesen Artikel habe ich für das Fitness-Magazin body LIFE geschrieben, erschienen in der Ausgabe 02/2015.