Spack Attack

Besuch aus dem großen B.


I.

Samstagmittag. Das Telefon klingelt. Eigentlich ist der AB dran, aber er steht zufällig daneben & sieht auf dem Display den eingespeicherten Kontakt: M. aus B.

“Moin T.! Also wir sind jetzt von der Autobahn runter & in Bischhausen!” — “Moin. Aha.” — “Jaaa… Kommen jetzt Pizza essen!” — “Bitte?” — “Wir kommen jetzt mal rüber, was futtern! I. hat dir ‘ne SMS geschrieben!” — “Heute ist Samstag. Nur abends geöffnet. Mittags nur unter der Woche. Und SMS hab’ ich keine gekriegt.” — “Was? Ach so… Ach sooo…! Das ist ja doof, jetzt. Hmm…” — “Sicher hat deine Mutter nicht meine aktuelle Nummer. Hat sich ja auch seit Jahren nicht gemeldet.” — “Hmm… Ja, okay. Dann müssen wir mal schauen…” — “Ab 17.00 Uhr sind wir am Start heute.” — “Okay. Na gut. Dann… äh.. meld’ ich mich später nochmal!” — “Okay.” — “Jo! Bis dann!” — “Bis dann.”

II.

Montagmittag. N., die Pizzasenderin, und T., der Pizzasender, sitzen beim Frühstück. Am Vorabend waren M. und C. aus B. zu Besuch. Dabei wurde ausgiebig dem Bacchus gehuldigt: sechs Flaschen Roter gingen drauf.

Es gibt Aufbackbrötchen mit Rührei & Schnittlauch. Die Eier sind selbredend von den hauseigenen Senderhühnern (von dunkel nach hell, eierfarbenmäßig: Holly, Peggy, Meggy & Trudy).

T (verkatert): Das sieht ja lecker aus. Mein Gott, was ‘ne Qualität! Am Eiweiß erkennt man den Unterschied: diese Industrieeier sind eher grau als weiß. Unsere hier sind cremeweiß. Fantastisch! Aua, mein Kopf…

N (schaufelt T. eine gute Portion Rührei auf den Teller): Und am Eigelb auch: es ist fast schon orange. Du mußtest ja wieder übertreiben. Sechs Flaschen waren zuviel. Du findest nie ein Ende.

T: Wenn ich mal dran bin, bin ich dran. Sogar C. hatte den Kanal voll. Das heißt schon was. (stolz dreinblickend, dann aber nachdenklich) Allerdings hatte der auch schon tüchtig Standgas.

N: Schlimmer als die Russen. Und am nächsten Tag ist das Gejammer groß. Bin zumindest froh, daß C. das Bett nicht vollgekotzt hat.

T: Wann ist er verschwunden?

N: Um halb acht hab’ ich die Hühner aus dem Stall gelassen. Da war er schon weg. Klar, der war schon breit, als er gekommen ist.

T: Und keine Anstandflasche dabei, die Flaschen! Aller Stoff wie immer von mir. Der gute, alte Brunello. 14 Jahre alt! Lustig fand ich C., als er sagte ‘Du kennst doch M., der bringt nie was mit. Der wird sich nicht mehr ändern.’ Er selbst hatte aber auch keine unterm Arm.

N: Nee, da hatte er sein iPad. Zu salzig, das Ei?

T: Nein, genau richtig. ‘Gib’ mal deinen Wlan-Schlüssel. Ich muß mal ins Netz.’ Das war das Erste, was er sagte, als er ‘reinkam. Unmittelbar nach dem ‘Guten Abend’.

N: Hat eigentlich mal einer gefragt, wie es dir geht?

T: Wo denkst du hin. Man könnte Krebs im Endstadium haben, sie würden es nicht mitkriegen. Mann, dieses Rührei ist allerliebst. Machst du da Sahne rein?

N: Nein. Bei unsern Eiern nicht nötig.

T: Fantastisch cremig. Danke, Hühner!

N: Noch Kaffee?

T: Au ja. Und dann non-stop Blubb-Blubb von wegen dieser Künstler & die ‘Maximalismus’-Kunstrichtung. Weder den Typ noch den -ismus kennt irgendein Schwein. Nichtmal Google.

N: Du bist ja nicht drauf eingegangen.

T: Hat leider nicht viel genützt. Zumindest ging das noch ‘ne Viertelstunde weiter, wie toll der doch ist & er ist sein exclusiver Agent & fette Ausstellung & haste nich’ gesehn… Naja, er hatte einen im Tee. Während dessen hat dich M. zugetextet von wegen Tapas, nicht wahr? Ich hab’ mit einem Ohr zugehört, soweit mir das möglich war.

N: Tapas für ‘nen Euro. Und ein 3-Gänge-Menü für 7 Euro 50. Irgendein Spanier in Berlin. Ich hab nur genickt & mir mein Teil gedacht. Überlegen die eigentlich mal, wie man mit solchen Preisen überleben soll?!

T: Äh… nein. Die arbeiten nicht. Die kriegen ihr Geld von staatlicher Seite. C. ist Frühpensionär seit 18 Jahren, M. sowas in der Art seit dem 18. Geburtstag (lacht). Und in B. ist es so, daß, wenn einer wegen solcher Preise dichtmacht, an der nächsten Ecke gleich wieder zwei andere sind, die ein Jahr strampeln mit diesen Selbstausbeuter-Angeboten. Schlechtes Pflaster für Gastronomie, dieses B.

N: Ätzend. Noch Ei?

T: Ein Schäufelchen noch, dann reicht’s. Sonst platz’ ich gleich. Witzig fand ich die Handysache.

N: Sein neues Handy. Genau. Du wolltest es anzünden (lacht).

T: Und ob. Diese iPhone-Kopie… schon verdächtig, daß ein erklärter Apple-Hasser ein Smartphone hat, daß so schamlos abgekupfert ist. Nur, daß es aus Plastik ist. ‘Nein, das ist Metall!’ — ‘Wie bitte? Das soll Metall sein? Das ist eindeutig Plastik. Sieht ja ein Blinder. Und fühlen kann man’s auch.’ — ‘Nein, das ist Metall. Neueste Technik. Sieht nur so aus wie Plastik!’ — ‘Okay, dann halt’ ich mal das Feuerzeug dran. Wenn’s Metall ist wie hier, bei meinem iPod, kann ja nix passieren. Wird nur bisschen schwarz, kann man aber leicht abputzen.’ —’Neiiin, hör auf!!’ (lacht, kopfschüttelnd) Aua, mein Kopf.

N: (lacht)Der neueste Trend: Beluga-Kavier, der so bearbeitet wird, daß er nach Seehasenrogen schmeckt.

T: Roquefort, der auf dänischen Blauschimmel getrimmt wird… Seezunge, orange eingefärbt & in Blöcke gesäbelt damit sie aussieht und schmeckt wie Surimi. Aaaua…

N: Dein Kopf?

T: Diesmal nicht. Aber es ist wohl tatsächlich Metall. Allu. Eloxiert, oder wie das heißt. Schwachsinn.

N: Als C. dann damit anfing zu prahlen, wen er alles kennt in B. & wo er mit seiner Frau zuletzt überall war bin ich Wäsche aufhängen gegangen.

T: Ach Gott. SPD-Oppermann ist sein bester Freund, F.M. Stoeckel der seiner Frau etc. etc. Und er wartet auf den Anruf der Merkel.

N: Bitte?

T: Ja, er will doch in die CDU eintreten. Würgh! Jedenfalls kam es mir erheblich so vor, als wollte er mich massiv anpissen. Was soll das? Ja, ich arbeite tagein/tagaus hier in der tiefsten Provinz, gut. Hier laufen keine C-Promis rum, schön. Aber wenn er so ein verdammt cooles Leben führt & ich so ein behämmertes: was will er dann noch? Warum will er es mir nochmal auf’s Brot schmieren? Kapier’ ich nicht.

N: Na, vielleicht ist’s ja doch nicht so dolle im großen B. Keine Ahnung. Und wo waren sie zuletzt, reisemäßig?

T: Rom, Tel Aviv, Paris, Venedig etc. etc. Alles fotodokumentiert, FB & Co.

N: *Gähn* Und wieso sagt er ständig, daß du alles ihnen zu verdanken hast? Nicht nur die Telefonnummer vom alten Pomodoro, auch das ganze Know-How & so…

T (verdreht die Augen): Ist ja totaler Quark. Die Italiener in A. konnten Pizza machen, daher haben wir’s. Woher sonst sollte er es denn können?! Und was die Nummer angeht: die war ja schon weg. Gekündigt. Ich habe nen dreiwöchigen Fight mit der Telekom hingelegt, um die wieder zu kriegen. Ich hatte bloß seine Kundennummer, mehr nicht. Die war nichtmal zwingend. Und zunächst sah es dann ja auch so aus, als wäre die Telefonnummer für immer futsch. Dann hab’ ich sie doch — dank meiner Hartnäckigkeit — gekriegt. (Wischt sich genüßlich den Mund) So, fertig. Meine Güte, bin ich satt. Aber war echt köstlich. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: nie aß ich Eier dieser Güteklasse! Ich geh jetzt mal eine rauchen & dann satteln wir die Hühner, hahaha: Käse kaufen bei Cocca in Kassel. Klar?

N: Yup. Den Rest Rührei gibt’s heute abend kalt auf’s Brot. Hat sich I. eigentlich nochmal gemeldet?

T (sich die Plautze streichend): Auch wenn ich bin obenhin gestopft bin, kann ich ehrlich sagen: ich freu’ mich schon drauf! Nö. Hat sie nicht. Nachdem sie nix zu spachteln gekriegt hat wollte sie wohl nichts mehr von mir wissen.

N (stellt die Frühstücksteller zusammen, hält eine zerknüllte Serviette mit zwei Fingern ca. zwanzig Zentimeter darüber & läßt sie nonchalant fallen): & Tschüß!

Draußen, auf dem Rasenstück vor dem Fenster, im früh-frühlichshaften Sonnenscheine, schmettert der Hahn Herrmann ein epochales KIIIK-ERRRII-KIIIII!!