Ein Jahr Projekt Orange — was wir geschafft haben

DEV SPIEGEL
Aug 27 · 5 min read

Vor ziemlich genau einem Jahr haben die Gesellschafter beschlossen, dass die beiden großen Redaktionen des SPIEGEL — die Print- und die Online-Redaktion — zu einer gemeinsamen Redaktion des SPIEGEL mit einer gemeinsamen Chefredaktion werden sollen.

Das liest sich einfacher, als es tatsächlich war und als es ist: Diese Entscheidung hat die größte strukturelle Veränderung in der Geschichte des Unternehmens in Gang gesetzt. Aus zwei Organisationen soll eine werden, zwei Redaktionen, die bisher getrennt voneinander geplant und gearbeitet haben, sollen sich künftig als eine verstehen. Das hat Auswirkungen auf:

  • die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsabläufe
  • die publizistische Ausrichtung der verschiedenen Kanäle
  • die Verlagsstruktur
  • die Unternehmenskultur und das Miteinander

Allen Beteiligten war klar, dass die Entscheidung zu fusionieren der Beginn eines tiefgreifenden Wandels war. Dass wir damit einen Weg einschlagen würden, den vor uns kaum ein Medium in Deutschland gegangen ist.

Wir wussten aber: So weiterzumachen wie bisher ist angesichts des tief greifenden Strukturwandels unserer Branche keine Alternative.

Wo stehen wir jetzt, und was haben wir in dem einen Jahr gemacht?

Am 1. September startet der Gemeinschaftsbetrieb — und damit das Arbeiten in der gemeinsamen Redaktion. Das bedeutet konkret:

  • Wir denken nicht mehr in getrennten Einheiten, sondern arbeiten gemeinsam unter der publizistischen Marke SPIEGEL.
  • Wir haben Ressorts mit gemeinsamen Ressortleitungen, die Themen gemeinsam planen, Personal gemeinsam einsetzen und es damit ermöglichen, SPIEGEL-Journalismus auf allen Kanälen anzubieten.
  • Die Kolleginnen und Kollegen von SPIEGEL ONLINE arbeiten zu veränderten Bedingungen — neue Regelungen beim Gehalt und Arbeitszeit verringern die Unterschiede zur Print-Redaktion.
  • Es gibt erstmals ein gemeinsames Impressum.
  • Zum 1.9. wechseln die ersten 30 Kolleginnen und Kollegen von SPIEGEL ONLINE in den SPIEGEL Verlag, können damit also stille Gesellschafter der Mitarbeiter KG werden.
  • Im kommenden Jahr wird es einen Relaunch der Webseite geben, die dann nicht mehr SPIEGEL ONLINE, sondern Der SPIEGEL heißen wird.

Wir sind ehrlich: Der Weg dahin war anstrengender und oft auch komplizierter, als uns vorher klar war. Bei laufendem Betrieb, mit neuer Chefredaktion und einer Redaktion, die zwischenzeitlich mit der größten publizistischen Krise ihrer Geschichte konfrontiert war — Stichwort Relotius — in so einer Zeit über neue Strukturen nachzudenken, ist eine Herausforderung, um es diplomatisch zu formulieren. Deshalb freuen wir uns über das, was wir geschafft haben:

  • Die beiden Betriebsräte haben sich nach monatelangen Verhandlungen mit der Geschäftsführung auf die kaufmännischen Rahmenbedingungen für den Gemeinschaftsbetrieb geeinigt. Dabei ging es neben der Arbeitszeit und der Vergütung auch um die Gewinnbeteiligung, die Hausbräuche, den Wechsel von SPIEGEL ONLINE zum SPIEGEL-Verlag und die Verträge mit dem Presseversorgungswerk.
  • Die Struktur der Redaktion ist neu geordnet geworden.
    — Unterhalb der Chefredaktion ist die sogenannte zweite Ebene eingeführt worden: Blattmacher, Managing Editors, ein Nachrichten- und ein Entwicklungschef.
    — Zur zweiten Ebene gehört auch die Creative Direction, die erstmals die Optik aller SPIEGEL-Produkte verantworten wird.
    — Wir haben das Ressort Sonderthemen aufgelöst, die Kollegen arbeiten künftig in den Ressorts Leben und Geschichte.
    — Im Ressort Audience Development laufen künftig die Leserbriefe, das Forum und Social Media zusammen.
  • Wir haben bis heute sechs Workshops mit den großen schreibenden Ressorts abgeschlossen (Politik, D2, Wirtschaft, Ausland, Kultur und Sport). Für die restlichen Ressorts sind Workshops fest terminiert oder werden derzeit vorbereitet. In den Workshops erarbeiten die Ressortleiter gemeinsam mit der Chefredaktion, wie sie sich künftig organisieren und publizistisch positionieren wollen. Sie definieren Arbeitsabläufe, Kommunikations- und Führungsaufgaben. Das Ziel ist dabei immer: Wir arbeiten gemeinsam unter der einen publizistischen Marke SPIEGEL.
  • Vier Ressorts (Politik Berlin, Wirtschaft, Kultur und Sport) sind innerhalb des Hauses zusammengezogen und haben jetzt gemeinsame Büros. Weitere werden noch in diesem Jahr folgen.
  • Wir entwickeln ein für unser Haus optimiertes Dashboard weiter, mit dem wir den Erfolg unserer Arbeit messen: Welcher Text bringt wie viele SPIEGEL+-Interessenten? Welche Texte werden relativ lange von relativ vielen Leuten gelesen? Wir wollen die Relevanz unserer Inhalte viel genauer messen können, als nur Klickzahlen zu registrieren.
  • Wir schauen uns unsere Workflows und Abläufe an, weil wir auch die synchronisieren müssen. Wir haben verschiedene Bereiche definiert: Von der übergreifenden Themenplanung über die Planung für das Heft und die tagesaktuelle Planung fürs Digitale bis hin zur gemeinsamen Textproduktion, Bild-Workflows, Dokumentation und Layout.
  • Eine Arbeitsgruppe aus beiden Redaktionen und aus der Dokumentation hat Standards entwickelt, wie wir im SPIEGEL künftig arbeiten wollen (Stichwort SPIEGEL-Werkstatt). Zwar war die Idee eine unmittelbare Folge aus dem Fall Relotius. Es war aber schon vorher klar: Wenn wir unter einer Marke und in einer Redaktion gemeinsam arbeiten, müssen wir auch nach den gleichen Standards arbeiten. Der Entwurf ist in Redaktion und Dokumentation breit diskutiert worden, im Herbst soll ein sogenanntes Standard-Book fertig sein.

War’s das?

Schön wär’s.

Offen gesagt müssen wir schmunzeln, wenn uns Kolleginnen und Kollegen fragen: „Wann ist denn die Fusion fertig?“ Wir haben darauf keine Antwort. Die meisten von uns haben jahre-, manche jahrzehntelang in ihrer Redaktion gearbeitet. Das bedeutet Gewissheiten und Gewohnheiten. Die Kollegen sind durch Erfahrungen und eine Kultur geprägt, deren Teil sie waren und die sie mitgestaltet haben. Die Kulturen der Print- und der Online-Redaktion unterscheiden sich spürbar.

Solche Unterschiede verschwinden nicht mit einem neuen Organigramm. Für eine gemeinsame Redaktion, die auch so empfunden und gelebt wird, braucht es gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Ziele, gemeinsamen Erfolg und durchaus auch gemeinsame Niederlagen. Dafür braucht es jede und jeden Einzelnen. Und es braucht Zeit.

Wann ist die Fusion fertig? Vielleicht dann, wenn wir irgendwann auf eine Zeit zurückblicken, in der man von Onlinern und Printlern sprach.

Zudem ist uns inzwischen klar: Die Fusion (Projekt Orange — intern liebevoll „Agent Orange“ genannt) ist letztlich ein riesiges Modernisierungsprojekt. Wir stecken in einem Veränderungsprozess, der nicht demnächst zu Ende ist. Wir stehen gerade mal am Anfang, der Wandel wird anhalten, er wird kompliziert und anstrengend bleiben.

Viele Kolleginnen und Kollegen haben seit letztem September ihre Angst verloren. Sie haben angefangen, Lust an diesem Prozess zu entwickeln. Die Unsicherheit, die sie vielleicht am Anfang empfunden haben, ist der Neugier gewichen, dem Mut, sich auf Veränderungen einzulassen und sie zu gestalten, der Lust auf das Unbequeme.

Denn es geht eben nicht nur darum, dass Online- und Print-Redakteure künftig zusammenarbeiten. Wir wollen als SPIEGEL-Redaktion am Puls der Zeit bleiben. Wir wollen Journalismus so anbieten, dass er für Leser und Nutzer attraktiv ist und sie bereit sind, dafür zu bezahlen. Damit wir weiterhin das bieten können, was wir am besten können und für wichtig halten: exzellenten, investigativen Journalismus.

Welche Schlagkraft wir dabei entwickeln können, hat nicht zuletzt die Enthüllung zum Ibiza-Video und Österreichs Ex-Vize-Kanzler Heinz-Christian Strache gezeigt. Wenn wir konzertiert auf allen Kanälen unter der Marke SPIEGEL arbeiten, entwickeln wir eine enorme Schlagkraft, werden schneller und besser.

Oder, um einen Berliner Kollegen in der SPIEGEL-typischen Bescheidenheit zu zitieren: „Dann können sich die anderen alle mal gehackt legen.“

— Susanne Amann und Birger Menke, Projektleitung Orange

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