Gewalt gegen Frauen beenden

Weltweit erfährt eine von drei Frauen physische oder sexualisierte Gewalt. Warum hört das nicht auf? Entscheidend ist das mangelnde Engagement der Männer.

von Franziska Schutzbach und Dimitri Rougy

Erschien auf tagesnzeiger.ch — Einer Fake-Seite.

Gewalt lebt davon, dass sie von Anständigen nicht für möglich gehalten wird, sagte einst Jean-Paul Sartre. Jedes Jahr im November, am internationalen Tag zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen, werden wir daran erinnert, dass Gewalt im Leben von Frauen und Mädchen tagein tagaus geschieht. Aber tagein tagaus wird die Gewalt erneut ermöglicht, weil sie von der Öffentlichkeit kaum beachtet, weil sie von vielen nicht für möglich gehalten wird.

In der Schweiz werden pro Tag 17 Sexualdelikte gemeldet. Laut dem Triemlispital Zürich werden 39,4 Prozent, also zwei von fünf Frauen in der Schweiz mindestens einmal in ihrem Leben Opfer körperlicher oder sexualisierter Gewalt. Ebenso häufig erleiden sie unerwünschte Annäherungen. 5,6 Prozent der Frauen werden mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt und 6,8 Prozent haben eine versuchte Vergewaltigung erlebt. Die Zahlen besagen ausserdem, dass Gewalt gegen Frauen in allen Milieus und Altersgruppen vorkommt, auch gibt es keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf Nationalität, Bildung und Einkommen.

Frauen sind Trophäen oder Schmuckstücke

Aber warum Studien bemühen? Ist es, entgegen Sartres These, nicht so, dass wir all das ganz genau wissen? Gerade Männer? Gerade auch die anständigen? Hand aufs Herz: Die Aussagen von Donald Trump zur Verfügbarkeit von Frauen haben uns Männer nicht wirklich überrascht. Denn wir sind bis heute — auch wenn wir das ungern zugeben — geprägt von einer Kultur der Umkleidekabinen, Saufabende, Chefetagen und Geschäftsreisen, die dem Trump-Habitus vielleicht in der Primitivität nachsteht, die aber im Kern genau das immer wieder zelebriert: Frauen als Trophäen, als Schmuckstücke oder als Bestätigung der eigenen Potenz zu sehen. Frauen kommen in dieser Männlichkeitskultur nicht wirklich vor, nicht als Subjekte. Frauen sind der Spiegel, in dem Männer sich selbst betrachten, der ihre Grossartigkeit zurückwerfen soll.

Der Mythos von der männlichen Überlegenheit ist so nachhaltig, dass er auch dann wirksam ist, wenn Männer sich in Wirklichkeit schwach, ängstlich und überfordert fühlen. Der Mythos ist so stark, dass sein Misslingen aggressiv beantwortet werden muss. Es gibt vermutlich kaum etwas Gefährlicheres als Männer, die ihre patriarchale Sicherheit verloren haben. Machen wir uns nichts vor: Vom Ideal der männlichen Überlegenheit zur Vergewaltigung ist es ein kleiner Schritt. Man muss selbst kein Vergewaltiger oder Schläger sein, um Gewalt gegen Frauen zu ermöglichen. Nicht erst der bekennende Faschist ist Ausdruck von faschistischen Tendenzen in einer Gesellschaft. Die sind lange vorher da. Genau so verhält es sich mit der sexualisierten Gewalt: Nicht erst der Vergewaltiger ist das Problem. Er ist die Spitze des Eisbergs, die es nur vor dem Hintergrund einer latent Frauen verachtenden Kultur geben kann.

Auch wenn viele Männer nicht zu jenen gehören, die Frauen besoffen in den Ausschnitt greifen, so haben wir doch im Laufe unseres Lebens Situationen beobachtet, in denen genau dies passierte, in denen Kollegen sich übergriffig verhielten, in denen wir vielleicht selbst Grenzen überschritten. Unser trotziges Schweigen über all das hat in den letzten Jahrzehnten jegliche Grundsatzdebatte zum Geschlechterverhältnis verhindert. Frauen, die versuchten, solche Debatten anzuregen, wurden abgetan, stumm gemacht, verschrien.

Wir wissen, was getan werden müsste

Und so setzt sich die Gewalt fort, während die meisten Männer sich zurücklehnen und dabei zusehen, wie im Schweizer Parlament aktuell über Kürzungen beim eidgenössischen Gleichstellungsbüro verhandelt wird. Die von SVP und FDP geforderten Streichungen sind ein verheerendes Signal, sie widersprechen allem, was angesichts der Gewalt an Frauen eigentlich getan werden müsste.

Und wir wissen, was getan werden müsste. Vor über 20 Jahren versammelten sich in Peking 189 Regierungen und versprachen, gegen Gewalt an Frauen vorzugehen. Ausgearbeitet wurden Schlüsselstrategien für Regierungen, Zivilgesellschaft und den privaten Sektor. 2011 erstellte die Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen ein weiteres detailliertes Programm und formulierte die zentralen Massnahmen: Eine breitflächige Präventionsarbeit, die sich mit den Ursachen der geschlechterspezifischen Gewalt und dem niedrigeren Status von Frauen in allen Bereichen des Lebens befasst. Ferner die Bereitstellung von Hotlines, Rechtsberatung, Zugang zur Justiz, psychologische Beratung, Frauenhäuser, polizeilicher Schutz und Gesundheitsdienste, die ohne Hindernisse bereitstehen. Weiter brauche es die nachhaltige Unterstützung von Frauenorganisationen, die Sammlung von Daten, wissenschaftliche Analysen und nicht zuletzt eine kontinuierliche und sachliche Berichterstattung durch die Medien.

Das mangelnde Engagement der Männer

Seit Peking haben viele Länder die gesetzliche Situation verbessert und Gewalt gegen Frauen verboten. Das Versprechen, die Gewalt tatsächlich zu beenden, wurde jedoch nicht eingelöst. Ein Grund dafür ist — gemäss UN-Kommission — das mangelnde Engagement der Männer. Es brauche viel mehr Männer, die sich gegen Gewalt an Frauen einsetzen, männliche „Anführer“, auch traditionelle und religiöse, müssten den Weg weisen und sich an ihre Geschlechtsgenossen wenden.

Gewalt an Frauen zu beenden ist keine Neben-Aufgabe. Sie ist der Kern einer freien Gesellschaft. Gemäss der Hegel’schen ,Herr-Knecht-Dialektik‘ kann niemand frei sein, solange auch nur eine Person in Ketten liegt. Vor allem Männer müssen das endlich begreifen.

In der Schweiz findet derzeit eine Kampagne zum Thema Gewalt gegen Frauen Statt: 16Tage

Die SP-Frauen* haben zudem gegen die Kürzungen des Gleichstellungsbüros mobilisiert: Zur Petition