blendle.de

vor ein paar tagen wurde ich von blendle gefragt, ob ich für blendle beta-testen und artikel kuratieren möchte. geld bekäme ich dafür nicht, aber dafür einen „einen Free-Account, mit dem du soviel lesen kannst wie du möchtest“. da ich mich — in aller bescheidenheit — für einen ganz guten tester, feedback-geber und kuratoren halte, war ich natürlich ein bisschen enttäuscht, nicht auch noch ein fürstliches honorar angeboten zu bekommen.

seit samstag habe ich jetzt zugriff auf blendle und obwohl ich jetzt schon 26 artikel gekauft habe, sind meine zwei euro fünfzig blendle-begrüssungsgeld noch bei € 2,50. offenbar kann ich also so viel lesen wie ich möchte.

lesen kann ich in den jeweils aktuellen ausgaben (und deren archiv, das bei blendle ungefähr 2 monate zurückgeht) vom spiegel, der FAZ und FAS, der süddeutschen, der zeit, dem tagesspiegel, im stern, der neon, der brigitte, der gala und ein paar springer-kackblättern. es gibt auch ein paar englischsprachige blätter, die washington post, das wall street journal und den economist, von dem man ja sehr viel gutes hört, aber in dem ich bisher eher wenig gelesen habe.

tatsächlich habe ich heute zum ersten mal wieder die frankfurter allgemeien sonntagszeitung gelesen, unter anderem diesen erstaunlich differenzierten, aber auch enorm unentschlossenen artikel über das wohl und wehe des urheberrechtsschutzes, stefan niggemeier über konstruktive nachrichten, oder diese von julian trauthig umgeschriebene und in der FAS veröffentlichten pressemitteilung von joey’s pizza. ach, und noch einen FAS/FAZ-text übers tropical island (möglicherweise hört das erst auf, wenn alle die redaktion komplett durchs tropical-island geschleust wurde).

das blendle-lesen am computer-bildschirm ist wegen des horizontalen scrollings etwas gewöhnungsbedürftig, aber auf dem mobiltelefon-browser schmerzfrei und einfach — um nicht zu sagen vorbildlich. eine app vermisse ich hier nicht, so dass ich noch nicht mal geprüft habe, ob es eine app gibt. alles funktioniert so wie man es erwartet. anmelden kann man sich passwortlos, indem man sich einen temporären, magischen login-link per mail schicken lässt, oder sich per facebook oder twitter anmeldet. im gegenteil zu sobooks und der spiegel-magazin-browseransicht kann man alle texte auch per copy und paste kopieren

die navigation ist übersichtlich und mit der empfehlungsfunktion werden populäre artikel nach oben gespült, bzw. hochempfohlen. das blendle-interne weiterempfehlen geht einfach, man kann empfehlungen mit tweetlänge kommentieren, man kann sich autoren- oder stichwortalerts erstellen, die suchfunktion funktioniert ganz ordentlich …

kurz gesagt: blendle kommt mir vor, wie ein wahrgewordener traum.

wie oft habe ich mich in den letzten jahren gefragt, warum der spiegel keine einzelartikel verkauft, sondern mich immer nur mit bescheuerten abo-fallen nervt oder zum heft-kauf nötigt. wie oft habe ich mich gefragt, warum sich zeitungen nicht auf ein einheitliches, faires zahlsystem für einzelartikel einigen, sondern texte hinter undurchdringbaren anmeldesystemen und apothekenpreisen verstecken. und plötzlich geht’s, plötzlich sind alle relevanten sehr viele deutschsprachige pressetexte nur noch einen klick entfernt.

dem offenen, freien netz, der linkkultur, dem offenen austausch tut ein solches angebot natürlich nicht gut, wie man an den blendle-links, die ich oben gesetzt habe sieht; 99% meiner leser schicke ich mit den links gegen eine undurchdringbare wand, weil blendle noch nicht offen ist und die wenigsten zugriff auf blendle haben. aber selbst wenn blendle endlich für jeden zugänglich sein sollte, steht vor dem lesen eine kurze anmeldeprozedur und ein geschlossenes ökosystem. exemplarisch ist dafür ein ganz ordentlich recherchierter artikel von philipp sickmann im tagesspiegel (den ich zuerst auf blendle, dank der empfehlungsfunktion, gefunden habe). sickmann fasst darin die bedenken einiger früher internetnutzer zusammen, die vor den gesellschaftlichen folgen warnen, die entstehen könnten, „wenn die Sicht auf die Welt von wenigen Diensten bestimmt wird.“ sickmann zitiert den iranischen blogger hossein derakhshan:

In seinem Beitrag „The Web We Have To Save“, erschienen auf Medium.com, kritisiert er die Entwicklungen unserer Zeit: Die vorherrschenden sozialen Netzwerke würden den Hyperlink entwerten, der allgegenwärtige Stream sei nun die dominante Form, um Informationen zu organisieren.

das schreibt er auf tagesspiegel.de, ganz ironiefrei, ohne einen einzigen link. ok, der text enthält zwei hyperlinks auf andere tagesspiegel-texte. auf blendle findet sich im text kein einziger link.

ich hole das mit den links mal nach. hier ein paar links die in dem text von philipp sickmann hätten gesetzt werden können:


die linklosigkeit und der silocharakter sind ein echter wermutstropfen bei blendle. blendle ist wirklich toll, ein ganz grosser schritt nach vorne und ein wahrgewordener traum aller exzessiven leser. ich habe keine ahnung wann sich blendle für alle öffnet — aber ich hoffe bald!


Originally published at wirres.net on August 23, 2015.