Droge Selbstdarstellung

Ist das noch Inhalt oder kann das schon weg?

Definition: Social-Media-Sucht ist die Bezeichnung für die Abhängigkeit von einer oder mehreren virtuellen Kommunikationsplattformen. Der Betroffene hat keine Selbstkontrolle mehr. Die Symptome sind vielseitig. Der Betroffene steht unter dem Zwang, mit Hilfe von bestimmten Verhaltensweisen, meist belastende Gefühle zu vermeiden. Sucht ist als Krankheit anerkannt.

Warum machst du schon wieder ein Selfie? Warum stellst du es ins Internet? Was hast du davon? Ins Netz, wo es doch jeder sehen kann…Hast du Angst, dass dein Gesicht zwischen den Postings der anderen User und der Produktwerbung untergeht?

Was ist das, was einen Menschen dazu veranlasst, täglich auf Facebook oder ähnlichen Plattformen, Nachrichten zu posten, Fotos hochzuladen und sämtliche Inhalte zu teilen und zu liken? Eigentlich kann es dafür nur die Diagnosen Selbstdarstellung, Langeweile, Informationsdrang oder Naivität geben. Je nach Diagnose würde ein erfahrener Social-Media-Arzt zu unterschiedlichen Behandlungsmethoden greifen. Denn ein normales „komm mal wieder runter!“ reicht bei der Selbstdarstellung nicht mehr aus. Diesen Menschen müsste man wahrscheinlich einmal klarmachen wie unwichtig die meisten ihrer Nachrichten den anderen Usern wohl sind. Wie egal doch das Gesicht ist und nicht fotografierenswerter als das Gesicht jedes anderen Menschen. Vielleicht wissen sie nicht, dass auch andere Menschen einen hübschen Cesarsalat essen können und auch die selben Getränke trinken könnten. Ist es dann vielmehr eine Selbstüberschätzung statt einer Selbstdarstellung? Vielleicht denken besagte Personen auch nur, dass die Tomaten auf dem Cesarsalat so besonders einzigartig sind, dass sie aus selbigem Grund ein Salatselfie ins Netz stellen.

Man möchte sich wohl dem Gefühl annähern, ein Star zu sein. Doch mehr als ein Sternchen am äußersten Rand der Timeline, mit seinem unspektakulären Salat ist es nicht. So kann man schon einmal festhalten, dass Selbstdarstellung und Selbstüberschätzung in dieser Beziehung enger miteinander verwandt sind, als man von vorneherein vermuten mag.

Die zweite ärztliche Diagnose der Langeweile würde wohl die banalste Antwort bieten. Aber sie ist nicht einfach von der Hand zu weisen, da zu einem gewissen Teil die Langeweile eine Begleiterscheinung sein muss. Deutlich wird das beim Griff zum Smartphone, wenn man gerade nicht weiß, wohin mit der Zeit. Schnell werden die aktuellen Tweets und Postings durchgeschaut. Also ist sowohl passiv als auch aktiv die Langeweile ein Auslöser zur Social-Media Aktivität. Entweder man verhält sich passiv und liest die Nachrichten, oder man produziert die Nachrichten selber. Man ist sozusagen im „neu-sprichwörtlichen“ entweder vor oder hinter dem Salat.

Der Informationsdrang ist die dritte Diagnose und wahrscheinlich auch am eindeutigsten als Sucht zu erkennen. Es zwängt und drängt die Person an allen Ecken und Enden danach, sich zu informieren. Morgens angefangen, wird den Tag über verteilt regelmäßig nach neuen Informationen geschaut. Man hat sich den Zwang angeeignet, möglichst nichts zu verpassen. Dieses Verhalten stachelt zudem wohl in einigen Fällen dazu an, sich selbst zu präsentieren.

Vielleicht resultiert die finale Diagnose, Naivität, aus den vorausgegangenen Faktoren. Man überschätzt sich, oder glorifiziert sich auf der kleinen Bühne selber. Die Selbstdarstellung nimmt absurde Züge an und mündet schließlich zwangsläufig in einer Selbstüberschätzung. Dieses Gebilde wird unterstützt und vorangetrieben von der Langeweile und dem gesuchten heilsamen Zeitvertreib des Süchtigen. Durch den gefundenen Zeitvertreib im Social-Media-Netz, wird der Informationsdrang gefüttert — man will immer mehr Nachrichten lesen, Bilder anschauen und Videos sehen. Dann schlägt die Naivität zu und flüstert einem wie eine giftige Schlange ins Ohr: Komm, was andere können, kannst du auch, was andere machen, kannst du auch und vorallem bist du besser als die anderen.

Die Nebenwirkungen der Sucht sind eindeutig zu erkennen. Die Hemmschwelle des Süchtigen eigentlich sensible Daten zu veröffentlichen, wird enorm gesenkt. In der Fülle von Informationen kann er nicht mehr unterscheiden, welche davon weniger für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollten.

Wie kann man eine solche Sucht heilen? Man sollte sich selbst hinterfragen, ob und wieviel man wirklich an Informationen preisgeben möchte, denn der Mythos, dass nur die Menschen aus der Freundesliste auf die Informationen Zugriff hätten, glaubt nicht mal das kleine Mädchen, das auf dem Stuhl des Social-Media-Doktors sitzt. Man sollte sich auch klar sein, dass es gegen Langeweile immer eine passendere Beschäftigung gibt, als in Facebook festzuhängen. Das ist zwar keine Lösung der Sucht, aber für fachkundigen Rat sollte auch der Social-Media-Arzt aufgesucht werden.

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