Mit diesem Thema konnte ich mich im Rahmen eines Fellowships am Center for Advanced Internet Studies beschäftigen. Entstanden sind dabei vor allem eine mehrmonatige Presse- und Social-Media-Schau mit über 500 annotierten Einträgen und einige eigene Beiträge :

In den Fokus meines Interesses rückte dabei die „elektorale content moderation“, insbesondere bei Facebook und Twitter. Vor allem Donald Trump sowie weitere Superspreader versuchten dort durch Desinformation die Integrität des Wahlprozesses und damit dessen Ergebnis in Frage zu stellen. Auf die Herausforderung reagierten die Plattformen mit spezifischen Regeln und Maßnahmen, u.a.:

  • Annotierung von Inhalten zur Wahl zwecks Privilegierung offizieller Informationen („boosting signal“) und
  • Eindämmung der Verbreitung problematischer Inhalte durch „adding friction“. …

Die Diskussion darüber, welche und wieviele Daten die fragwürdige Firma Cambridge Analytica bei Facebook abgegriffen hat, hat auch die deutsche Öffentlichkeit für das Thema „politisches Microtargeting“ sensibilisiert. Dabei sind sich ernstzunehmende Experten einigermaßen einig, dass durch die psychografischen Verfahren der Daten-Analytiker kaum die Manipulation eines willfährigen Wahlvolks durch Donald Trump ins Werk gesetzt wurde. Doch wie Trumps Digitalkampagne vor allem Facebook für seine Zwecke genutzt hat, ermöglichte insbesondere einen effizienten Einsatz seiner finanziellen Ressourcen.

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Trumps Wahlkampfmanager zum Wettbewerbsvorteil seiner polarisierender Anzeigenwerbung bei Facebook

So gelang es, die seit Obama für den datengestützten Wahlkampf wesentlich besser aufgestellten Demokraten, gewissermaßen auf eigenem Terrain zu schlagen. Diese Schmach sitzt bei liberalen US-Techies nun tief und führte bald zur Forderung, die Vorherrschaft auf diesem Gebiet zurückzuerobern. Die selbstkritische Analyse ist dabei wesentlich weitergehender als eine Konzentration auf den Kandidaten Trump nahelegen würde. Dank der Finanzierung durch wohlhabende Sympathisanten ist ein ganzes Netzwerk von Firmen entstanden. Diese können republikanischen Interessenten für alle Aspekte der Kampagnenführung eigene Tools anbieten. Demgegenüber hat die Demokratische Partei sich auf die Präsidentschaftswahlkämpfe fokussiert und dabei die Wahlen sowohl zwischen als auch unterhalb der nationalen Ebene sträflich vernachlässigt. …


Vor allem Facebook, aber auch Google und Twitter stehen unter dem Druck der Politik: Welche Rolle haben ihre Dienste bei der Wahl von Donald Trump gespielt? Der US-Kongress untersucht derzeit die Rolle, die die Gatekeeper der Online-Öffentlichkeit im Präsidentschaftswahlkampf gespielt haben. Auch Protagonisten russischer Provenienz haben die Plattformen dazu genutzt, um durch Falschmeldungen die öffentliche Meinung zu manipulieren. Im Fokus steht dabei die direkte Adressierung von Nutzern durch Anzeigen mit politisch relevanten Inhalten. Wie und in welchem Umfang die Unternehmen diese Einflussnahme ermöglicht haben, dazu mussten Vertreter der Firmen bei parlamentarischen Anhörungen aussagen.

Citizen Zuckerberg

Facebook hatte schon vor den Hearings bestätigt, dass solche Anzeigen platziert wurden und Twitter bereits publik gemacht, dass für die russische Regierung tätige Medien wie Russia Today und Sputnik seit 2011 global Werbung für 1,9 Millionen $ geschaltet haben. Diese Summe will das Unternehmen nun für Forschung über zivilgesellschaftliches Engagement auf der Plattform einerseits und ihre manipulative Nutzung andererseits spenden. …


Bei der Bundestagswahl 2017 spielt YouTube als Plattform für die Kommunikation mit jüngeren Zielgruppen eine besondere Rolle. Auch Kanzlerin Merkel macht mit.

Bereits bei der Wahl von Frank-Walter Steinmeier zum neuen Bundespräsidenten wurde die gestiegene Bedeutung von Youtubern für die Politik sichtbar. In die Bundesversammlung, die das deutsche Staatsoberhaupt wählt, entsenden die Landesparlamente neben Berufspolitikern gerne auch Prominente, die Mitglied einer Partei sind oder ihr nahe stehen. Nach Kulturschaffenden, Stars aus Film und Fernsehen sowie Sportlern hat sich 2017 eine neue Klientel für die Mitarbeit in diesem Verfassungsorgan qualifiziert. Dafür verantwortlich ist nicht nur die Piratenpartei, in deren Fraktion gleich zwei Youtuber mit politischem Profil vertreten waren: Rayk Anders und Tilo Jung. Auch Julien Bam, einer der populärsten deutschen Youtuber, war auf Betreiben der damaligen Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen zum Mitglied der Bundesversammlung gewählt worden. Wobei Hannelore Kraft (SPD) sich selbst schon an einem Video-Blog über ihre Arbeit als Regierungschefin versucht hat. …


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Inhalt, Einleitung und Beginn des ersten Beitrags

Dass das Buch gelungen ist, zeigt sich an der Art, wie man es nutzt: Man unterbricht das Lesen häufig, um sich Songs der erwähnten Künstler anzuhören.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2017 vom 31.03.2017 (S. 30)

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http://www.springer.com/de/book/9783476026361

Immer mehr Menschen informieren sich vor allem online über Politik. Dass damit Probleme verbunden sein können, zeigt schon das Hate-Speech-Phänomen in sozialen Netzwerken sowie bei Nutzer-Kommentaren von Online-Angeboten. Auch im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft spielt der Streit um Desinformation, Meinungs-Manipulation und postfaktische Tendenzen eine wichtige Rolle: Fact-checking ist sowohl für die Kampagnen der Kandidaten selbst als auch für Medien zur kommunikativen Königsdisziplin avanciert.

Dies ist natürlich kein Zufall, sondern steht in einem Zusammenhang mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, zu dessen Markenzeichen krude Behauptungen gehören, die vehement vertreten werden. Seine elektoralen Überraschungserfolge lassen sich auch als Ausdruck einer verbreiteten Haltung verstehen, die als “postfaktisch” charakterisiert wird. Dieses relativierende Verhältnis zu Wahrheit und Wissenschaft korrespondiert wiederum mit einem Strukturwandel der Öffentlichkeit, der in sozialen Netzwerken einen idealtypischen Ausdruck findet. So beeinflusst Facebook durch seine Algorithmen, was die Nutzer alles in ihrem Newsfeed zu sehen bekommen, und orientiert sich dabei an den Präferenzen, die sie durch ihr Online-Verhalten (abonnierte Profile, befreundete Personen, geteilte Inhalte, Likes usw. usf.) preisgeben. Die daraus resultierende Profilbildung, die Facebook zur Einordnung der Nutzer vornimmt um Werbung optimal zu adressieren, trägt maßgeblich zur Entstehung der gefürchteten “Echokammern” (Cass Sunstein) und “Filterblasen” (Eli Pariser) bei, die bereits vorhandene (Vor-)Urteile verstärken können. Einen erschreckenden Einblick in die dadurch mögliche Welt einseitig politisierter “Nachrichten”-Produktion und ihrer immensen Bedeutung in den USA lieferte die New York Times mit einer unter dem Titel “Inside Facebook’s (Totally Insane, Unintentionally Gigantic, Hyperpartisan) Political-Media Machine” publizierten Recherche. …


Im Sommer nominieren die Parteitage ihre Präsidentschaftskandidaten. Doch welchen Einfluss haben Online-Kampagnen und Gatekeeper wie Facebook und Google?

Wenn über die Relevanz von sozialen Medien in der Wahlkampfkommunikation gesprochen wird, geht es häufig um die Reichweite: Wie viele Fans und Follower hat ein Kandidat auf welcher Plattform und welche Inhalte finden virale Verbreitung. Demgegenüber demonstrieren die Anhänger des Demokraten Bernhard Sanders das Potenzial von Online-Kommunikation für die Aktivierung von Freiwilligen. Könnten am Ende aber auch soziale Netzwerke und Suchmaschinen als Gatekeeper entscheidende Bedeutung erlangen?

Wenn es darum geht, die Achtungserfolge des Außenseiters Sanders in der Konkurrenz mit Hillary Clinton um die demokratische Präsidentschaftskandidatur zu erklären, spielen nicht nur Inhalt und Stil eine Rolle. Wo Donald Trump die Enttäuschten von rechts einsammelt, kommt Bernie Sanders als „demokratischer Sozialist“ (so die Selbstwahrnehmung) von links. Beide kompensieren vermeintliche Schwächen ihrer politischen Organisation durch Instrumente der Online-Kommunikation. Trump mobilisiert seine Anhänger maßgeblich via Twitter. Er schreibt seine Tweets selbst und passt die Inhalte im Hinblick auf die Reaktionen an, wie die Mediensoziologin Zeynep Tufekci herausgearbeitet hat: „He uses Twitter as a kind of gut focus-group polling to pick up and amplify messages that resonate.“


In den USA experimentiert Medium mit der Debatte über ein politisches Reform-Vorhaben, aber auch deutsche Anbieter setzen auf den Austausch von Argumenten.

Aus der Perspektive von Öffentlichkeitstheorien, die an vernünftigen Diskursen interessiert sind, ist es gewissermaßen der heilige Gral der Online-Kommunikation: das Format der Debatte als aufgeklärter Austausch von Argumenten zwischen Bürgern, Experten und politischen Entscheidungsträgern. Viele Akteure und Angebote haben sich bereits an der richtigen Kombination von technischen sowie organisatorischen Maßnahmen versucht, nun startet Medium eine themenspezifische Konversationsoffensive. Im Mittelpunkt steht dabei mit der “Medium Town Hall” ein Live-Blogging-Event.

Mit einem Beitrag unter dem Titel “Let’s talk about the criminal justice system” kündigte die Medium-Mitarbeiterin elizabeth tobey die Initiative an. Ausgangspunkt ist ein Gesetzesvorhaben, mit dem einige Aspekte des Strafrechts liberalisiert werden sollen. Darüber muss auch der Senat der Vereinigten Staaten abstimmen. Im Vorfeld soll nun insbesondere über die Höhe von Mindeststrafen und die Bestrafung von Drogendelikten diskutiert werden. Neben Senatoren, von denen diejenigen genannt werden, die auch ein Profil bei Medium unterhalten, wurden weitere Akteure um Stellungnahmen gebeten: Medien sowie Nichtregierungsorganisationen, die sich mit dem Thema beschäftigen, aber auch persönlich oder beruflich Betroffene sollen sich selbst mit Postings auf der Plattform zu Wort melden. …


Unter Obama ist die “State of the Union”-Rede, die der US-Präsident einmal im Jahr hält, zu einer Leistungsschau digitaler Regierungskommunikation avanciert.

Aus der Perspektive der Online-Kommunikation hat das Weiße Haus während Obamas Präsidentschaft viele Kanäle der sozialen Medien, die eine relevante Reichweite aufweisen, mit eigenen Inhalten bespielt sowie mit neuen Formaten experimentiert. In diesem Jahr waren beim Medienereignis #SOTU (State of the Union) vor allem folgende Innovationen zu verzeichnen: Kooperationen mit Amazons Video-Streaming-Dienst und mit Genius.com, wo Texte kommentiert werden können, sowie eine Präsenz beim Messenger Snapchat. …


Seit der Wiederwahl von Obama gilt datengetriebenes Campaigning in den USA als Faktor für den Erfolg bei Wahlen. Gab es im Vorwahlkampf nun einen Datendiebstahl?

Während sich Hillary Clinton, Bernie Sanders und Martin O'Malley auf die dritte TV-Debatte der demokratischen US-Präsidentschaftskandidaten vorbereiteten, entwickelte sich in der innerparteilichen Auseinandersetzung ein Nebenkriegsschauplatz: Verantwortliche aus dem Team von Sanders hatten unberechtigter Weise Zugriff auf Datenmaterial der Clinton-Kampagne. Diese Episode wirft ein Schlaglicht auf die Bedeutung, die die Vermessung der Wählerschaft für die Kampagnenführung haben kann. Und freilich markiert der Vorfall einige Probleme des “computational campaign management”.

Die Berichterstattung über die Relevanz digitaler Wahlkampfinstrumente für Obamas erfolgreiche Kampagnen war von Beginn an überschwenglich; 2012 geriet sie dann zur Mythologisierung: In einer “Höhle” in Obamas Hauptquartier hausten demnach Hipster-Nerds, deren technologische Raffinesse dem Amtsinhaber die Wiederwahl sicherten. Vor allem durch diverse Datenerhebungsverfahren gespeiste Modelle der Wählerschaft ermöglichten ein exaktes Micro-Targeting potenzieller Spender, Influencer und schließlich Wähler sowie die punktgenaue Verausgabung der finanziellen und organisatorischen Ressourcen. Denn das Profil der Wähler steuerte nicht nur zielgruppenspezifische Mailings, sondern auch den Einsatz von Freiwilligen, die von Tür zu Tür zogen und Sympathisanten zur Stimmabgabe mobilisierten. …

About

Erik Meyer

freelance journalist / political scientist http://about.me/erikmeyer

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